Blumengruß

By Nikolaus Lenau

Written 1831-01-01 - 1831-01-01

Jener Abend war entschwunden;

Doch mit jedem Morgenlichte

Fand Johannes im Gefängnis

Frische Blumen, süße Früchte.

Sind es Früchte nicht von Bäumen,

Die er sah auf seinen Wegen?

Hauchten diese Blumen nie noch

Ihre Düfte ihm entgegen? –

Gleich als hätte heimlich jemand

Abgeschmeichelt jeder Stelle

Eine freundlichere Miene,

Heitert sich die Kerkerzelle.

Dieses ewig wache Sorgen,

Ob ein Geist es heimlich übe,

Allgewärtig, ungesehen,

Kann es jemand als die Liebe? –

Jüngling, mit den edlen Freunden,

Die getreu dir auch im Leide,

Ist noch eine treue Seele

Dir gefolgt, in fremdem Kleide.

Ihre Sehnsucht will die Jungfrau

Deinem Blick verborgen halten,

In die Pflicht des Pagen hüllen

Ihrer Liebe stilles Walten.

Und es deckt die Rosenwangen

Gelbe angetünchte Farbe,

Und es flüchtet ihre Stirne

Unter die gemalte Narbe.

Kaum erwacht der Tag im Osten

Und der Schwalben frühes Rufen,

Eilt auch schon das gute Klärchen

Nieder die granitnen Stufen.

Über Felsen, Tal und Wiesen

Wandert sie wohl eine Meile

Nach dem Garten ihrer Mutter

Fort in rastlos froher Eile.

Was an schönen frischen Blumen

In den Beeten ist zu finden,

Pflücket sie mit klugem Finger'

Ihm den Morgengruß zu winden.

Und sie blicket, Früchte suchend,

Nach den Bäumen in der Runde;

Sinnend hält sie manchmal inne,

Eingedenk der süßen Stunde.

Und die Wonne jener Stunde

Und das mitleidvolle Bangen

Um den Teuren mengen ihre

Tränen auf des Mädchens Wangen. –

Nun erwacht der Prinz vom Traume,

Der ihn ließ sein Klärchen schauen,

Der ihn wandeln, frei und selig,

Ließ in heimatlichen Auen.

Des Erwachten Blicke schweifen

Finster an den Kerkerwänden,

Doch sie werden plötzlich heiter,

Treffen sie die Morgenspenden.

Still und schüchtern in der Ferne

Steht der Page, wills kaum wagen

Daß sie nicht Verräter würden,

Seine Augen aufzuschlagen.

Klara sieht es freudebebend,

Wie der Liebe stumme Gaben

Ihm das Angesicht erheitern

Und die kranke Seele laben.