Cantata von der Klugheit zu leben
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Was war was ist und was noch werden kan
Bedenckt ein weiser Mann.
Glückseelig sind der klugen Augen
Die wie des Adlers scharfes Licht
Durch alle Sonnen-Strahlen bricht
Mit solcher Schärf und Nutzbarkeit
In alle Zeit
Zu sehen taugen.
Glückseelig sind der klugen Augen.
Die meisten Menschen sind
Gleich einem Maulwurf blind
Daß was vor ihnen ist
Sie nicht ehr sehn biß sie es fühlen
Und biß sie schon in ihrem Unglück wühlen.
Wer auf dem Meere dieser Welt
Der Klugheit Schifs-Compaß vergißt
Wer seine Fahrt auf blindes Glück gestellt
Wer nicht der Alten Wege finden
Die Tiefen die vor ihm nicht kan ergründen
Und selbst nicht weiß wohin die Tollheit schifft
Der ist es der sich selbst ersäufet
Freywillig auf die Klippen läufet
Und den ein Sturm bey guten Wetter trifft.
Klugheit muß das Schiff regieren
Klugheit muß in Hafen führen
Klugheit lebt hernach vergnügt.
Tausend hat ein Sturm bezwungen;
Nur der Klugheit ist gelungen
Daß sie auch Gewalt besiegt.
Die Klugheit ist das Auge jeder Tugend
Wer ohne sie den Weg zu finden meint
Geht allzeit irr so richtig er auch scheint.
Fromm keusch gerecht und was sonst ungemein
Kan ohne Klugheit schädlich seyn.
Ein Kluger sieht sein Alter in der Jugend
Das was er künftig werden kan
Wie das was er zuvor gethan
Mit Weißheit vollen Augen an.
Und lernet draus die edle Zeit
Die vor ihm ist wohl anzuwenden.
Die Klugheit würckt mit Augen Ohr und Händen:
Sie hört und merckt was vormahls ist geschehn
Denn sieht sie und ergreift auch die Gelegenheit.
Wer so mit sich weiß umzugehn
Den hat Gott recht zu seinem Bild erkohren.
Der heißt wenn ihm kein Purpur angebohren
Wenn vor dem Scepter gleich kein eintzger niederfällt
Ein König in der kleinen Welt.
Komm doch Klugheit meine Schöne
Küsse mich.
Du solst meine Liebste bleiben
Denn du kanst die Zeit vertreiben
Seeliglich.