Canzone I .

By Karl Candidus

Unendliches in Endlichem zu schauen

Ersannen ihre Götter die Hellenen,

Weil himmelher gottmenschliches Gebaren

Dem Sinn entgegendämmerte bei Jenen.

Es lag die Welt in heil'gem Morgengrauen.

Doch mächtig wollte Gott sich offenbaren,

Und als erfüllet waren

Die Zeiten und sein Vollglanz nun hervortrat

Im Mittler Jesus, sanken hin die Götter

Ein traurig Spiel der Spötter,

Hinsank das Fatum und zurück der Chor trat.

Des dunkeln Ahnens Zeichen und Umhüllung

Schwand vor der Klarheit wirklicher Erfüllung.

Nicht konnten die olympischen Gestalten

Dem Gottesmenschenthume sich vergleichen

Deß der da sprach: „wer mich sieht, sieht den Vater.“

Kein Phidias entlockt des Meißels Streichen

So warmes Leben und so hohes Walten.

In Fleisch und Blut, als wahrer Mensch, auftrat er

Und angelweit aufthat er

Die Thore des Unendlichen für Jeden

Der seines Gottbewußtseins theilhaft werden

Und Ewiges auf Erden

Darstellen mochte so in Thun wie Reden.

Er heiligte für Alle sich daß Alle

Zu Göttern würden bei der Götter Falle.

Und war das Fatum attischer Tragöden

Erschütternd wie bei sittlichen Gesetzen

Erhabne Unverbrüchlichkeit und Sühne?

Ergreift euch nicht ein schauderndes Entsetzen

Wenn in den Schuldzusammenhang des blöden

Geschlechts eintretend untergeht der Kühne

Dort auf des Lebens Bühne,

Daß seiner Unschuld theilhaft das Geschlecht sei?

Ist die Heroenwelt doch nur ein Ahnen

Der wundervollen Bahnen

Worauf der Geist uns führt zu dem was recht sei!

Vom Kreuz erst dunkelt schrecklich das Verhängniß,

Erst jene Sühne tilgt der Welt Bedrängniß.

Die ihr aus Schutt nun grabet Götterbilder,

Mit euch will schwelgen ich im Werk der Musen,

Doch ob auch vor dem Donnerer durchfähret

Gotthaftes Ahnen der Beschauer Busen,

Gotthafter däucht mir, trauter auch und milder

Ein lebend Menschenantlitz das verkläret

Als Spiegel sich bewähret

Der Herrlichkeit die sich vom Kreuz ergossen.

Doch ferner Zukunft bleibt, ach! vorbehalten

Das Leben zu gestalten,

Denn dies Geschlecht hat Flügel nicht noch Flossen.

Sie

Und noch die Besten sind fürwahr die Spötter.

Sie wenigstens doch zeigen durch ihr Höhnen

Vorhandnen Sinn, Beregniß, zeigen Feindschaft,

Und oft ist Feindschaft mißverstand'ne Liebe.

Mißbildern kniet der Frömmlinge Gemeinschaft

Anstatt der Urbildung, der hohen, schönen,

Zerrbildern, wert zermalmungsvollster Hiebe.

In seinem dunkeln Triebe

Dient da der Gottheit mancher Lästrer Gottes

Weit besser als die dumpfigen Gesellen,

Die nie die Brust erschwellen

Sich fühlten bei dem freien Hauch des Spottes.

Wol gilt manch Nein als Ja hoch ob den Sternen.

Doch Theilnahmlosigkeit mag nichts erlernen.

Den Heiden werde drum das Wort gepredigt

Die gläubig noch zu ihrem Fetisch beten!

Gepredigt denen die vor Graungestalten

Uralter Götzen opferblutig treten!

Vielleicht erkennen diese daß erledigt

Was sie gesucht in ihrem dunkeln Walten.

Laßt Indern sich entfalten

Der guten Botschaft tiefsinnschweres Drama.

Vielleicht wird sich denselben offenbaren

Im unsichtbar-sichtbaren

Gottmenschen die Bedeutung ihres Brahma.

Da wo nur

Sind wahrer Gott und wahrer Mensch veraltet.

Ich kenne meine Zeit. Mir aber zucket

Der Meißel, was auch immer sei die Glocke,

Ein Bild des großen Stillen auszuhauen

Aus der Betrachtung reinstem Marmorblocke,

Für hochstrebsame Jugend, die, entrucket

Gemeiner Welt, es gerne mag erschauen.

Ein heilig süßes Grauen

Will vor dem hohen Steine mich erfassen,

„als knieten Viele ungesehn“ —, wie's heißet

Im frommen Lied. Mir reißet

Das Eisen in der Hand, ich kann's nicht lassen,

Ich muß hinan. Eh' sich das Jahr mag neigen

Muß aus sich selbst