Canzone III .
Wie uns ihr eignes Licht die Sichtbarkeiten
Auf wunderbarer Kunst Jodsilber malet,
So malt dein Bild auf schlichter Seelen Grunde
Die Klarheit, welche dir, o Herr, entstralet
Und lieblich fällt in Schmerzes Dunkelheiten,
Wenn du den Schieber hebst zur rechten Stunde.
O stets mit Herz und Munde
Will ich dem heilig hehren Künstler danken,
Der mir durch seiner Weltanschauung Normen
Und Grundempfindungsformen
Hat umgebildet gänzlich die Gedanken!
Die christliche Bestimmtheit der Gemüter
Ist Kraft als
Dein Geist ist deine Weise Gott zu haben,
Ist deine Demut und dein Selbstbewußtsein,
Denn weil du
Doch gleichermaßen mußt' in deiner Brust sein
Ein Selbstgefühl unnennbar, hehr, erhaben,
Wenn du mich nun, Entblößer
Von allen Mosisdecken, mir bewährest
Als tief von deiner Herrlichkeit durchdrungen,
Und wie durch Spiegelungen
Mich in ein dir verwandtes Bild verklärest,
Ja mich zur Brudergleichheit willst erwählen,
Muß Demut nicht und Stolz
Du wolltest niemals
„nur Gott ist gut,“ so sprachst du groß bescheiden,
Doch warst du Eins mit Gott, weil nur als nichtig
Du dich von Gotte konntest unterscheiden,
Und ob du als ein Mensch zwar an Geberden
Und mannichfacher Schwachheit warst ersichtig,
Warst du doch nimmer pflichtig
Noch unterworfen dem Gesetz der Sünden,
Denn über die persönlich enge Schranke
Hinaus war dein Gedanke,
Gott mochtest du als wahres Selbst verkünden.
Zu gleicher Reinheit drängst du nun die Geister.
So wardst du dienend unser Aller Meister.
Und Quelle deiner Demut war dein Lieben,
So auch dein Lieben Quelle deiner Hoheit.
Sind dies denn nicht der Liebe beide Pole?
O wie beklagenswert ist jene Rohheit,
Die an des Stolzes und der Demut Trieben
Nur Streit hat, leere Strebungen, gleich hohle!
O wenn zu Eurem Wole
Ihr liebtet und begriffet! Elend scheinen
Müßt ihr mir vollends wo ihr vor mögt wenden
Das
Angeblich schuft ihr Gott und seinen Reinen,
Und könnt das eigne Werk nicht menschlich lieben?
O wo sind Stolz und Demut euch
Du bist in mich und ich in dich gestaltet
Und nichts kann mich, mein Heiland! von dir scheiden,
Kann ich doch von mir selbst nicht sein geschieden!
In meinen Freuden wie in meinen Leiden
Hast göttlich groß du immerdar gewaltet,
Und nur in dir gewurzelt ist mein Frieden.
Daß unser Bund hienieden,
Ach, nicht so innig ist wie er wol sein soll,
Dies regt mir oft geheimer Wehmut Thränen,
Doch dieses heiße Sehnen,
Es kommt von dir, als das mir Ernst verleih'n soll,
Und jener Blick der bitterlich macht weinen,
Läßt lauter Huld und Liebe ja erscheinen.
Gefühl der Selbigkeit im Unterschiede,
Gefühl des Unterschiedes in der Einheit,
Ist heißer Durst und frischer Trunk der Liebe,
Ist ihrer Demut, ihres Stolzes Reinheit,
Ist ew'ger Schmerz für sie und ew'ger Friede,
Ist Pendelschwung und Schwerkraft frommer Triebe,
Ich, wo ich immer bliebe.
Starb schon und du, o Herr, bist meine Wahrheit,
Mein wahres Ich, dieweil mich ließ ererben
Dein demutvolles Sterben,
Das zahllos ist, die Fülle deiner Klarheit.
Ich lebe, doch nicht ich, es lebt die Liebe
In mir, drum schrecken mich nicht Todeshiebe.
Sie schrecken zwar, doch nur das Fleisch. So nannte
Der Beter von Gethsemane den Anhalt
Des Unterschiedgefühls der heil'gen Minne.
Beklag' ich mich? Sieh, du hast wolgethan halt
Der Demut Born mir, als ich dich erkannte,
Nicht flammend zu verzehren. Sacht verrinne
Den Brüdern zum Gewinne
Die heil'ge Flut, mir selber zum Ergetzen.
Aus Fleischesschwachheit quillt ja neustets Demut,
Und Hochgefühl aus Wehmut
Und so erscheinet als ein göttlich Setzen
Der Liebesortnung was mir schien ein Schade.
Was liegt so tief daß drunter nicht die Gnade?
In meiner Schwachheit gnügt mir deine Gnade.
Laß mich in deinen Anblick ganz versinken!
Mir selbst entfliehen ganz in deinen Armen!
Vollkommenheit aus deinen Zügen trinken!
O laß in deiner Reinheit Wonnenbade
Zu neuverjüngtem Leben mich erwarmen!
Was böte Trost mir armen
Befleckten Seele wenn nicht dein Gedulden?
Ach! kann ich mich denn anders wiederfinden
Als wenn bis zum Erblinden
Ich mich verliere ganz in deinen Hulden?
Nur so, nicht anders, kann ich mich erringen
Und eigne Bildung dir entgegenbringen.
Stets ist aus Nichts das Sein hervorgegangen.
So will ich neustets mich in dir vernichten,
Neustets verfälschter Selbigkeit neu sterben,
Auf falsches eignes Sein und Thun verzichten,
Daß ich von dir das wahre mag empfangen,
So oft an mir das Weltjoch geht in Scherben.
In Demut will ich werben,
In stets erneuter Demut um das Größte,
Damit das Größte stets sich mir erneue,
Und ewig mich erfreue
Dein Lieben, das mich von mir selbst erlöste
Um neugebildet mich mir selbst zu geben.
Machst du mich klein, ist göttlich groß mein Leben.