Canzone IX .

By Karl Candidus

Die Länder auf und ab zu Tod und Leben

Gesellt das Bild sich des geliebten Mannes,

Der durch sein Lieben Höchstes offenbarte,

Ein Retter uns, ein Tilger jedes Bannes.

Es ragt das Kreuz wo Menschentritte schweben

Bedeutungsvoll als ewige Standarte.

Ach, wo sich ja die zarte

Lichtblüte höhern Lebens mag entfalten,

Allstets muß ringen sie mit wilden Wettern

Und traurig sich entblättern,

Soll gold'ne Frucht die Folgezeit erhalten.

Nur sterbend wirst du jedes Ziel erreichen,

Drum ist das Kreuz der Weltgeschichte Zeichen.

Frei ist der Geist, doch ist bestimmt sein Wirken,

Ist — also will er's — strengem Maß verfallen‚

Und weil er Liebe sein will, himmelsglutig

Erwählend demutvolles Erdenwallen,

Muß er in ihm entfremdeten Bezirken

Gesammte Schuld der Erde sühnen blutig.

So nahmen auf sich mutig

Ihr Kreuz der Menschheit Helden und Befreier,

Die mit dem Griffel, die mit frommen Thaten,

Die mit dem Pflug und Spaten,

Die mit des Schwertes Wucht, die mit der Leier,

Denn alle sind des Mittlers, wie sie kamen,

Die, ihn verklärend, von dem Seinen nahmen.

Und sein sind, durch sein Lieben, alle Schmerzen

Der Welt, von Blute Abels des Gerechten

Bis zu der Weltgeschichte letzten Plagen‚

Daß eine Dornenkrone mochte flechten

Der Heilige daraus in seinem Herzen,

Weit blutiger als die sein Haubt getragen.

Er klagte unsre Klagen

Und weinte unsre Thränen eh' wir waren‚

Damit hinfort wir

Erhebend so zur reinen

Natur des Mitgefühls den rohen, baaren,

Unfrommen Schmerz, wo seiner Liebe Walten

Alsbald uns trösten mag und neugestalten.

So geht ein Mann gebeugt von schwerem Kummer

Ob seiner Kinder frevlem Thun. Ihn peinigt,

Ihn, der da rein ist, foltert das Gewissen

Der Schuldigen mehr als sie selbst. Es steinigt

Ihn auf der Straße und ihn flieht der Schlummer

Der Nacht. Krank, arm durch ihre Schuld, beflissen

Nur ihren Finsternissen

Ein Licht zu sein, ach! schleppt er noch sein Leben.

Jetzt mit dem greisen Vater fühlt Erbarmen

Sein jüngstes Kind. Umarmen

Darf er das weinend und zu sich erheben.

Da stralt sein Blick: „laßt mich von hinnen fliehen!

Es wird mein Tod sie alle zu mir ziehen!“

O wunderbar Geheimniß du der Liebe,

Und dennoch allen kündlich die da lieben,

Wie die Gemeinschaft, welche sie begründet,

So Schuld wie Unschuld theilt, des Sünders Trieben

Des Reinen Reinheit eignet, und im Siebe

Der Schuld den Edeln umwirft, daß verbündet

Sich Beider Herz entzündet

Zu neuen doppelt süßen Himmelsflammen!

Anbetungswürdiges Gesetz der Liebe

Das alle Todeshiebe

Ausheilet und das Weltall hält zusammen!

Zwar frommer Wehmut magst du Ursach werden,

Doch die hat niemand noch gereut auf Erden.

Mit dem gekreuzigten Erlöser büßen,

Sein Leiden ihm nachfühlend, die Erlösten,

Durch Mitleid selbst mit ihm gekreuzigt sterben

Der bösen Lust sie, das nur kann sie trösten,

Hat doch die Sünde, ach! zu Aller Füßen

Den besten Freund verschlungen in's Verderben,

Weil um den Tod zu werben,

In dem die Welt liegt, Mitleid ihn getrieben.

So stirbt und lebt der Heiligen Gemeine

In läuterndem Vereine

Mit dem der sie vermittelt durch sein Lieben.

So ist

Nicht kann es für der Deutung falsche Bahnen.

Doch euch will noch was längst der Geist geehret

Ein Aergerniß und eine Thorheit däuchten.

Die Kreuze wollt ihr „aus der Erde reißen!“

Euch blendet des Jahrhunderts Wetterleuchten

Daß ihr nicht seht wie es die Kreuze mehret,

Die ihr zu tragen selber seid geheißen.

Hinauf tragt bis zu weißen

Berghäubtern euer Kreuz, ja bis zur Wolke,

Bis euch das Herz bricht! O nur solche Sühne

Kann von der Alp zur Düne

Erlösung endlich bringen allem Volke!

Der Edeln Arbeit, nicht die Lust der Bösen,

Kann uns im Himmel und auf Erden lösen.

So sei mir denn gegrüßt, zum Trutz Verächtern,

O Zeichen das uns Opferweihe lehret,

Bis einst aus Männerernst und Frauenthränen

Des Volkes Seele reingewaschen kehret

Und Heil erblüht den künftigen Geschlechtern!

Du Menschheitswappen, wie auch alles Wähnen

Und mißverstand'ne Sehnen

Der Sterblichen dich mag entgeistet haben,

Sei mir gegrüßt, wo ich dich immer schaue,

Gegrüßt, wie ich vertraue,

O Kreuz, all deinen süßen Himmelslaben!

Wie bist du streng und dunkelst ernste Schauer!

Wie bist du mild und lichtest jede Trauer!

Wie tief das Leid war, also hoch wird Lust sein,

Und wie die Klage war, wird sein Frohlocken

Wenn Gottes Reich mit festlichem Gesumme

Dereinst verkünden aller Lande Glocken.

Still sagt dann Jedem seliges Bewußtsein

Daß heilumflutet letztes Weh verstumme.

Denn gleich ist ja die Summe

Die Gott uns wog der Schmerzen und der Wonnen

Und enden muß die sühnende Geschichte

In höchster Hulden Lichte

Wie sie mit tiefem Falle hat begonnen.

Laß mich, o Kreuz! in deines Kelches Schrecken

Der Heilvollendung Maß und Umfang schmecken.

Und bricht zuletzt der Erde Bau zusammen

Weil schlaff der Bogen, weil der Pfeil am Ziele,

Und schmiegt der Erdgeist andrer Ströme Wogen

Sich an, zu spielen ew'gen Lebens Spiele,

Nur rettungsthätig neustets wird entflammen

Sich ew'ge Liebe, neustets angezogen

Wird heil'gen Streites Bogen,

Bei immer neuem Ziel wirft unverwendlich

Aus Schmerzensnacht das

Nach glanzumstraltem Heile,

Und Kranz um Kranz erblutet es unendlich.

Sprich's aus und wenn dich Schauer überliefen:

Ich sah das Kreuz in allen Himmelstiefen.