Canzone VI .
Was sich als Wahrheit tröstend senkt in Weh her
Und was als Irrthum sich um Wahrheit windet,
Was fertig scheint und was sich zeigt als Strich nur,
Was irrend schweift und was zurecht sich findet,
Was irgend ist, birgt dich, o Wort, von jeher
Und Alles Endliche besteht durch dich nur.
Sieh! was dir scheu entwich nur,
Bleibt Größe noch und ist als solche du stets,
Und dich nicht schauen sollt' ich da wo Fülle
In bildungsreger Hülle
Den Sinn erfreut und nimmt fortwährend zu stets?
Im Menschen Jesus aber stralt und brennet
Dein Licht daß nur, wer blind ist, es verkennet.
Aufging der Menschheit Sonne voller Klarheit
Im Galiläer der als dich sich wußte,
Als das Unendlich-Endliche sich kannte,
Und Solches klar und redlich, wie er mußte,
Auch aussprach und bezeugte als die Wahrheit.
Sein Lieben das die Gottheit Vater nannte
Und mild das All umspannte
War Ursach, Werk und Wesen höchster Einheit.
Das war nicht jenes kalte, stolze, arme
„brahma bin Ich!“ nein, warme
Gemütserweiterung zur Allgemeinheit.
Fortan hieß Jesus jedes höchste Lieben
Und bist von ihm untrennbar du geblieben.
Er war's, der dich zuerst in sich erkannte
Und dir Gestalt und Name mochte geben
So wie du ihm, denn du bist er, er du ja.
Des menschlichen Bewußtseins Licht und Leben,
Und wie bisher ihm unser Weihrauch brannte,
So tönet ihm der Zukunft Halleluja.
Der Welt Unruh und Ruh ja,
Sie sind in ihm nur. Schlichtgroß prophezeite
Er Solches selbst mit wahrhaft göttlich klarer
Und ewig wunderbarer
Bestimmtheit dem schwerfassenden Geleite.
Am Bergquell aber schöpften die Genossen
Bis Lebensströme auch von ihnen flossen.
Ein Tropfen dieser Fluten ward gefangen
In ärmlich ird'nem Krüglein. Welch ein Wunder!
Ein Brunnen ward's, der wie er floß und fließet,
Doch nie versieget noch verarmt bei runder
Umlagerung des Volks, das mit Verlangen
Die Flut schöpft, die sich fort und fort ergießet.
Der Born der also schießet
In Kraft und Frische, tiefher, klar und klingend,
Das ist das höchste Schrift gewordne Leben,
Das neustets sich erheben
Und Leben werden will, die Welt durchdringend;
Das ist die Schrift die unter allen Schriften
Bestimmt ist ein Weltschriftenthum zu stiften.
Hier sind in staunenswürdig festen Zügen
So Wissenschaft wie Glauben uns begründet
Und im Unendlich-Endlichen gesetzet,
Als wo sich Denken und Gefühl entzündet
Und Jegliches Bestand hat und Genügen,
Wenn außerhalb sich Alles morsch zerfetzet.
Von Himmelsthau benetzet
Grünt hier ein Musterbild den schönen Künsten
Im Sprößling Isai's. Hier geußt die Liebe
Der sittlich reinen Triebe
Stromurne silberblinkend her aus Dünsten.
Der Gottmenschheit Gesammterscheinungsformen
Blüh'n hier in unvergänglich hohen Normen.
Und wunderbar! es weissagt groß die Bibel
Im Selbstvergehn ihr ewiges Bestehen.
Aufhebt all Jugendliches in der reifen
Vollendung sich des Mannes, und versehen
Soll deß die Kirche sich, daß sie, wie Fibel
Und Flügelkleid, ab alles Stückwerk streife.
Doch was der Geist ergreife,
Durchdrungener nur wird es sein das Alte,
Er selbst, die Liebe, die im Wandel
Jetzt aber mächtig treibet
Daß Schauen und Vollendung sich gestalte.
Bis dahin bleibt uns Glauben, bleibt uns Hoffen
Und soll die Liebe mildern alle Schroffen.
Auch andre Schrift mag Gottes Wort wol heißen;
Wie aber in vergilbten Jugendbriefen
Ein Etwas wohnt, was heilig man verehret,
So von ureigner Lebensfrische triefen
Und einfach treuer Innigkeit die weißen
Pfingstblumen, wie die Bibel sie bescheeret.
Auch wird, so lang man lehret,
Dies Buch, was Lüge sammeln mag, zerstreuen
Und, auf den Weinstock zeigend, niederschlagen
Der Dornen stolzes Wagen,
Die Weinberg sich zu nennen sich nicht scheuen.
Als Prüfstein liegt es auf dem Altar oben
Daß sich der Lehre Gold dran mag erproben.