Canzone VI .

By Karl Candidus

Was sich als Wahrheit tröstend senkt in Weh her

Und was als Irrthum sich um Wahrheit windet,

Was fertig scheint und was sich zeigt als Strich nur,

Was irrend schweift und was zurecht sich findet,

Was irgend ist, birgt dich, o Wort, von jeher

Und Alles Endliche besteht durch dich nur.

Sieh! was dir scheu entwich nur,

Bleibt Größe noch und ist als solche du stets,

Und dich nicht schauen sollt' ich da wo Fülle

In bildungsreger Hülle

Den Sinn erfreut und nimmt fortwährend zu stets?

Im Menschen Jesus aber stralt und brennet

Dein Licht daß nur, wer blind ist, es verkennet.

Aufging der Menschheit Sonne voller Klarheit

Im Galiläer der als dich sich wußte,

Als das Unendlich-Endliche sich kannte,

Und Solches klar und redlich, wie er mußte,

Auch aussprach und bezeugte als die Wahrheit.

Sein Lieben das die Gottheit Vater nannte

Und mild das All umspannte

War Ursach, Werk und Wesen höchster Einheit.

Das war nicht jenes kalte, stolze, arme

„brahma bin Ich!“ nein, warme

Gemütserweiterung zur Allgemeinheit.

Fortan hieß Jesus jedes höchste Lieben

Und bist von ihm untrennbar du geblieben.

Er war's, der dich zuerst in sich erkannte

Und dir Gestalt und Name mochte geben

So wie du ihm, denn du bist er, er du ja.

Des menschlichen Bewußtseins Licht und Leben,

Und wie bisher ihm unser Weihrauch brannte,

So tönet ihm der Zukunft Halleluja.

Der Welt Unruh und Ruh ja,

Sie sind in ihm nur. Schlichtgroß prophezeite

Er Solches selbst mit wahrhaft göttlich klarer

Und ewig wunderbarer

Bestimmtheit dem schwerfassenden Geleite.

Am Bergquell aber schöpften die Genossen

Bis Lebensströme auch von ihnen flossen.

Ein Tropfen dieser Fluten ward gefangen

In ärmlich ird'nem Krüglein. Welch ein Wunder!

Ein Brunnen ward's, der wie er floß und fließet,

Doch nie versieget noch verarmt bei runder

Umlagerung des Volks, das mit Verlangen

Die Flut schöpft, die sich fort und fort ergießet.

Der Born der also schießet

In Kraft und Frische, tiefher, klar und klingend,

Das ist das höchste Schrift gewordne Leben,

Das neustets sich erheben

Und Leben werden will, die Welt durchdringend;

Das ist die Schrift die unter allen Schriften

Bestimmt ist ein Weltschriftenthum zu stiften.

Hier sind in staunenswürdig festen Zügen

So Wissenschaft wie Glauben uns begründet

Und im Unendlich-Endlichen gesetzet,

Als wo sich Denken und Gefühl entzündet

Und Jegliches Bestand hat und Genügen,

Wenn außerhalb sich Alles morsch zerfetzet.

Von Himmelsthau benetzet

Grünt hier ein Musterbild den schönen Künsten

Im Sprößling Isai's. Hier geußt die Liebe

Der sittlich reinen Triebe

Stromurne silberblinkend her aus Dünsten.

Der Gottmenschheit Gesammterscheinungsformen

Blüh'n hier in unvergänglich hohen Normen.

Und wunderbar! es weissagt groß die Bibel

Im Selbstvergehn ihr ewiges Bestehen.

Aufhebt all Jugendliches in der reifen

Vollendung sich des Mannes, und versehen

Soll deß die Kirche sich, daß sie, wie Fibel

Und Flügelkleid, ab alles Stückwerk streife.

Doch was der Geist ergreife,

Durchdrungener nur wird es sein das Alte,

Er selbst, die Liebe, die im Wandel

Jetzt aber mächtig treibet

Daß Schauen und Vollendung sich gestalte.

Bis dahin bleibt uns Glauben, bleibt uns Hoffen

Und soll die Liebe mildern alle Schroffen.

Auch andre Schrift mag Gottes Wort wol heißen;

Wie aber in vergilbten Jugendbriefen

Ein Etwas wohnt, was heilig man verehret,

So von ureigner Lebensfrische triefen

Und einfach treuer Innigkeit die weißen

Pfingstblumen, wie die Bibel sie bescheeret.

Auch wird, so lang man lehret,

Dies Buch, was Lüge sammeln mag, zerstreuen

Und, auf den Weinstock zeigend, niederschlagen

Der Dornen stolzes Wagen,

Die Weinberg sich zu nennen sich nicht scheuen.

Als Prüfstein liegt es auf dem Altar oben

Daß sich der Lehre Gold dran mag erproben.