Canzone X .

By Karl Candidus

Daß Jegliches an seinem

Darin besteht der

Wenn in der Schöpfung Schooß die Rose pranget

Sind Primel und Viole längst gewesen,

Und blühen herbstlich Astern im Vereine,

Ist, traun! ein Thor wer Tulpen noch verlanget.

Wenn so in Angeln hanget,

Die unverrückbar sind, der Zeiten Kreislauf,

Wenn bei der glanzumhauchten Sommerhitze

Mit allem eurem Witze

Vergeblich ihr beriethet einen Eislauf,

Warum doch soll des Geistes Flügelspreiten

Nicht auch erfolgen zu bestimmten Zeiten?

Wer schafft von seinem Ort den Himalaya

Und macht ihn gleich der kleinsten Hügelkette?

Wer zieht in Grönland süße Rebenblüten?

Wer kann dem Palmbaum ändern seine Stätte

Daß er nicht schatte mehr dem stolzen Raja?

Kann auch das Nordland Straußeneier brüten?

So mögt ihr nicht verhüten

Daß jedem Geist gemessen sei der Schauplatz.

Doch ob von jedem Stein wir hätten Kunde

Wo und zu welcher Stunde

Er einst erschienen auf der Menschheit Bauplatz,

Ihr gönnt in Zeit und Raum dem keine Stelle

Den laut zum Eckstein schlug des Bauherrn Kelle.

Nach zeitmaßvollem Reigenschritt der Horen

Erglühte jedes Aufschwungs Morgenröte

Stets wo und wann des Cynthiers Gespann kam.

Ihr billigt wol daß Hegel und daß Göthe

Gerade da und dann uns ward geboren?

Doch daß das Wort, was uns als Gottesmann kam,

Gerade da und dann kam,

Das Rätselwort darob die Völker schwitzen,

Der Menschheit und Geschichte Wort, daß Stunden

Und Räume das gebunden,

Ein rechtes Ziel däucht Solches euern Witzen.

Indeß wo Ewiges auf Erden auftrat

War es ein Mensch der in der Zeiten Lauf trat.

Weil ihr in abgezogner Allgemeinheit

Das Ewige nur wähnet, ist ein Gräuel

Die herrlichste Gestalt euch der Geschichte.

Die Wahrheit seht ihr nur wie einen Knäuel.

Versucht's und schaut des Nazareners Reinheit

Mit uns in seines Mittlerthumes Lichte

Worin er treu und schlichte

Fortlebt, fortstirbt und sühnt durch seine Söhne

Bis daß er Alles einverleibt dem Einen,

Deß Minnen und deß Meinen

Das seine war und ist als höchstes Schöne.

Vielleicht erfaßt ihr doch in engsten Schranken

Zuletzt noch reinster Reinheit Reingedanken.

Du aber, o mein Heiland, den im Leben

Ein klares und prophetisches Bewußtsein

Bei Wahl von Zeit und Ort allstets geleitet,

Laß solch Verständniß auch in meiner Brust sein!

Nur wer durch angemessen weises Streben

Sich wirkungsvoll in seine Welt verbreitet

Und nicht im Nebel streitet,

Nur der ja ist zur rechten Zeit geboren,

Nur der ist immer auch am rechten Orte

Und wandelt durch die Pforte

Des Daseins gleich erkürend wie erkoren.