Canzone X .
Daß Jegliches an seinem
Darin besteht der
Wenn in der Schöpfung Schooß die Rose pranget
Sind Primel und Viole längst gewesen,
Und blühen herbstlich Astern im Vereine,
Ist, traun! ein Thor wer Tulpen noch verlanget.
Wenn so in Angeln hanget,
Die unverrückbar sind, der Zeiten Kreislauf,
Wenn bei der glanzumhauchten Sommerhitze
Mit allem eurem Witze
Vergeblich ihr beriethet einen Eislauf,
Warum doch soll des Geistes Flügelspreiten
Nicht auch erfolgen zu bestimmten Zeiten?
Wer schafft von seinem Ort den Himalaya
Und macht ihn gleich der kleinsten Hügelkette?
Wer zieht in Grönland süße Rebenblüten?
Wer kann dem Palmbaum ändern seine Stätte
Daß er nicht schatte mehr dem stolzen Raja?
Kann auch das Nordland Straußeneier brüten?
So mögt ihr nicht verhüten
Daß jedem Geist gemessen sei der Schauplatz.
Doch ob von jedem Stein wir hätten Kunde
Wo und zu welcher Stunde
Er einst erschienen auf der Menschheit Bauplatz,
Ihr gönnt in Zeit und Raum dem keine Stelle
Den laut zum Eckstein schlug des Bauherrn Kelle.
Nach zeitmaßvollem Reigenschritt der Horen
Erglühte jedes Aufschwungs Morgenröte
Stets wo und wann des Cynthiers Gespann kam.
Ihr billigt wol daß Hegel und daß Göthe
Gerade da und dann uns ward geboren?
Doch daß das Wort, was uns als Gottesmann kam,
Gerade da und dann kam,
Das Rätselwort darob die Völker schwitzen,
Der Menschheit und Geschichte Wort, daß Stunden
Und Räume das gebunden,
Ein rechtes Ziel däucht Solches euern Witzen.
Indeß wo Ewiges auf Erden auftrat
War es ein Mensch der in der Zeiten Lauf trat.
Weil ihr in abgezogner Allgemeinheit
Das Ewige nur wähnet, ist ein Gräuel
Die herrlichste Gestalt euch der Geschichte.
Die Wahrheit seht ihr nur wie einen Knäuel.
Versucht's und schaut des Nazareners Reinheit
Mit uns in seines Mittlerthumes Lichte
Worin er treu und schlichte
Fortlebt, fortstirbt und sühnt durch seine Söhne
Bis daß er Alles einverleibt dem Einen,
Deß Minnen und deß Meinen
Das seine war und ist als höchstes Schöne.
Vielleicht erfaßt ihr doch in engsten Schranken
Zuletzt noch reinster Reinheit Reingedanken.
Du aber, o mein Heiland, den im Leben
Ein klares und prophetisches Bewußtsein
Bei Wahl von Zeit und Ort allstets geleitet,
Laß solch Verständniß auch in meiner Brust sein!
Nur wer durch angemessen weises Streben
Sich wirkungsvoll in seine Welt verbreitet
Und nicht im Nebel streitet,
Nur der ja ist zur rechten Zeit geboren,
Nur der ist immer auch am rechten Orte
Und wandelt durch die Pforte
Des Daseins gleich erkürend wie erkoren.