Capvt 1

By Anna Ovena Hoyers

Written 1617-01-01 - 1617-01-01

ZV der Zeit oder in den Jarn

Da die Richter regierten

(Weil damals noch kein König warn

Die das Regiment führten)

Ward mangel am täglichen Brot

Bey den Israëlitern.

Wegen derselben Hungersnoth

Zog zu den Moabitern

Ein Bethlehemitischer Mann

Eli Melech mit Namen

Als ein Frembdling kam er da an

Sein Söhn auch beyd zusamen

Folgten dem Vater ohn Verdrieß

Es war ihn nicht zu wider;

Auch sein Weib das Naemi hieß

Ließ sich bey ihm da nieder.

(Hie haben ein Exempel wir

Gar schön daß gleicher massen

Einem ehrlichen Weib gebühr

Ihrn Mann nicht zuverlassen.)

Wie sie nun meynten in der Ruh

Ihr Nahrung zu erwerben

Da sandte Gott ungluck herzu

Vnd ließ den Mann hinsterben.

Naemi zu derselben zeit

Blieb sitzen nach im Leide

Im Witwenstandt voll trawrigkeit

Mit ihren Sönen beyde

Die Mahlon und Chilion genant

Vnd ihnen liessen trawen

Zur Eh daselbst im frembden Land

Zwo Moabitsche Frawen.

Arpa die ein mit namen hieß

Ward dem Chilion gegeben

Der Mahlon sich mit Ruth einließ

Ehlich bey ihr zu leben.

Bey zehn jahr hört doch was geschach

Wohnten die beyde Brüder

Im Land Moab da kam hernach

Von Gott das ungluck wider

Die jungen Männer sturben hin

Mahlon und Chilion beyde.

Naemi wust in jhrem Sinn

Das mal von keiner Frewde

Denn sehr groß war jhr hertzenleid

Weil sie so gar verlassen

Von jhren lieben Sönen beyd

Vnd vom Mann gleicher massen.

Sie macht sich auff zog wider fort

Auß von den Moabitern

Weil die Thewrung hatt auffgehort

Bey den Israëlitern

Vnd widerumb da war Getreid

Davon sie kondten leben;

Drumb sie sich da zur selben zeit

Wolt wider hin begeben.

Ihr zwo Sohns Frawen folgten ihr

Vnd liebten sie mit Trewen

Naemi sprach: Zieht nicht mit mir

Hernach möchts euch gerewen:

Kehrt widerumb in ewer Stadt

Der Herr woll euch beywohnen:

Die grosse liebe und Wolthat

Euch wiederumb belohnen.

An den Todten vnd auch an mir

Habt jhr viel guts geübet

Gott geb jeder ein Mann dafür

Von dem sie werd geliebet.

Also küsset Naemi sie:

Die beyde junge Frauwen

Gaben mit weinen Antwort wie?

Wolt ihr uns das zutrawen?

Vnser hertz ist zu euch gericht

Wir wollen nicht umbkehren

Seyt uns darinn zu wider nicht

Wolt uns dasselb nicht wehren.

Sie antwort: Warumb wolt ihr doch

Gehn mit mir alten Weibe?

Werd ich denn auch itzt haben noch

Mehr Söhn in meinem Leibe

Die ewer Männer möchten seyn?

O nicht! drumb zieht von hinnen

Vnd last mich armes Weib allein

Thut euch doch recht besinnen;

Wenn ich mir gleich die Hoffnung macht

Mehr Kinder zu erlangen;

Ja wenn ich mich auch diese nacht

Ließ von einm Mann umbfangen;

Ja wenn ich auch schon allbereit

Itzt Söhne hett geboren

So wern sie doch noch klein zur Zeit

Ewr warten wer verloren.

Wiewol mir ubel ist zu muth

Groß noth hat mich umbfangen;

Dieweil des Herren Hand und Ruth

Ist wider mich außgangen.

Weinend sie diese Wort außbracht

Die zwo hatten mitleiden;

Die Arpa aber sich bedacht

Küßt Sie im hinwegscheiden.

Ruth aber hatt ein andern Sinn

Zu bleiben sie begehret

Naemi sprach: Zeuch du auch hin

Weil dein Schwägrin umbkehret

Zu ihrem Gott und Volck sie sprach

Niemand wirds ubel deuten

Daß du derselben folgest nach

Vnd gehst zu deinen Leuten.

Ruth gab darauff zur Antwort jhr:

Wie? solt ich gleicher massen

Auch kehren umb? Gott sey dafür

Daß ich euch solt verlassen.

Darumb mir nicht zu wider seyt

Ich bitt last es geschehen

Sey wo es woll nah oder weit

Will ich mit euch hingehen.

Denn also hab ich mich bedacht

Laß mich davon nicht treiben

Wo jhr werd bleiben über Nacht

Da will ich auch mit bleiben.

Ewer Volck soll auch mein Volck seyn

Ewr Gott mein Gott imgleichen.

Trewlich und gut ichs mit euch meyn

Will nimmer von euch weichen.

An dem orth da jhr sterben werdt

Vnd ewer ruhe haben

Da will ich in derselben Erd

Mich lassen auch begraben.

Der Herre thu mir das und diß

Laß ichs dazu nicht kommen

Der Todt euch und mich scheiden müß

Mein meynung habt vernommen.

Alß nun Naemi mercket was

Sich Ruth hat fürgesetzet;

Ihrs leides sie zum theil vergaß

Der Antwort sich ergetzet

Ließ ab mehr ein zu reden jhr

Vnd gingen beid zusamen

So lange biß sie nach begier

Zu Bethlehem einkamen.

Die gantze Stadt diß bald erfahrt

Vbr ihnen sich erreget

Die Weiber da es lautbar ward

Worden auch sehr beweget

Vnd sprachen zu ihr ist das die

Naemi so vor Jahren

Lang bey uns hat gewohnet hie?

Was ist ihr wiederfahren?

Sie sprach: heist nicht Naemi mich

Weil sich mein lust geendet

Sondern Mara heist mich bitt ich

Gott hat mein Hertz gewendet

Sehr bitter mir dasselb gemacht

Vnd michs auffs höhst betrübet:

Leer hat er mich zu hauß gebracht

Vnd der Mann den ich liebet

Hat er von mir genommen hinn

Beider Söhn mich beraubet;

Von hertzen ich drum trawrig bin

Ja mehr denn man mir glaubet.

Darumb bitt ich daß jhr nicht mehr

Mich woll't Naemi nennen

Denn wie mich hat betrübt der Herr

Geb ich euch zu erkennen.

Es war aber zur selben zeit

Zeitig und reiff der Samen

Daß jedermann im Feld arbeit

Da die beid wider kamen.

Die Gerstenernd ging eben an

Hört wie Gott all's regieret:

Wer ist doch der außreden kan

Wie er die seinen führet?