Christi Leyden
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Wer schonet einen Wurm? muß nicht ein ieder Stein
Muß nicht ein ieder Fuß desselben Mörder seyn
Indem er hin und her auff schwartzer Erde kreucht
Und seinem Feinde sich durch blosse Flucht entzeucht.
So eben geht es dir o Jesu Gottes Sohn
Dein himmelischer Sitz dein hoher Ehren-Thron
Ist itzund Erd und Staub. Des glatten Leibes Zier
Mit Narben angefüllt verwandelt sich bey dir
In heßliche Gestalt o überhäuffte Pein!
Es dringen sich ins Haubt die scharffen Dornen ein
Es schneiden Haut und Fleisch die Riemen schwer von Bley
Es schneiden Marck und Bein die Läster-Wort entzwey
So die erboßte Schaar der Juden speyet aus.
Pilatus führet dich vors hohe Richter-Hauß
Wo das gehäuffte Volck in langer Reihe steht
Er weiset wie das Blutt aus allen Adern geht
Wie durch das strenge Band die Glieder seyn umschränckt
Und dein zufleischter Leib kaum an einander henckt.
Hier solt ein Diamant und Felsen-harter Stein
Wie von der Hitze Schnee und Eyß zuschmoltzen seyn
Und dein erwähltes Volck sieht hocherfreuet an
Was Tag und Sonne nicht ohn Schrecken sehen kan
Indem nun über dich der Eyfer-volle Sturm
Des blinden Volckes geht indem du als ein Wurm
Zutretten und zuknirscht in eignem Blutte schwimmst
An Schmertzen immer zu- und ab an Kräfften nimmst.
Wächst mit den Plagen auch die heilige Geduld
Die der ergrimmten Schaar vergiebet alle Schuld
Und ohne Zucken sich zu tode martern läst.
O mehr als wohl gethan! denn also wird zur Pest
Dem Tode dieser Tod. Du süsser Jesu siegst
Besiegt von Noth und Tod du starker Jesu kriegst
Gefangen deinen Feind der dich gefangen hält
Und führest im Triumph Tod Teufel Hölle Welt.
Das Sieges-Mahl hastu dir selber auffgesteckt
Als du das müde Paar der Armen ausgestreckt
Genagelt an das Holtz. Laß unsre Ehre seyn
O Jesu deine Schmach: Von Sünden wasch uns rein
Dein rosin-farbnes Blutt der theure edle Safft
Von Wunden mach uns heil Herr deiner Wunden Krafft.