Dank-Gedanken nach einem sonder Schaden abgegangenen entsetzlichen Gewitter, wob...
Vor allen aber gieb, wenn die Gefahr vorbey,
Daß, so für Nutz als Schutz, Dir jeder dankbar sey!
Den Schluß von meinem Donner-Liede sang ich, mit
einer innern Regung,
Zur Zeit, als, durch ein grausam Wetter, die Luft in heftiger
Bewegung,
In einer allgemeinen Gluht, ein zackigt Heer von Strahlen
schoß,
Und, mit Erschüttrung aller Herzen, zugleich in Gluht und
Fluht zerfloß.
Es flog nicht, wie es oft geschicht, nur etwan hie und dort
ein Strahl;
In allen Himmels-Theilen fuhren die Blitz’ in Schaaren auf
einmahl,
Hier rund, dort zackigt durch einander. Es brach; durch
Finsterniß und Schatten,
Die alle Farben und Figuren geraubet und verschlungen
hatten,
Ein Feuer, recht wie eine Fluht, es ward die sonst so schöne
Welt,
Durch ein entsetzlich helles Leuchten, uns zwar gezeigt und
vorgestellt;
Allein, bey solchem gräßlichen blaß-blauen Feur und Schwe-
fel-Licht
Fiel jeder Vorwurf fürchterlich und recht entsetzlich ins
Gesicht.
Man wünschte lieber sich und alles in schwarzer Dunkelheit
begraben,
In tiefer Finsterniß verhohlen, und selbst verdecket, nichts zu
sehn;
Als von den schönsten Creaturen den Blick, der recht erschreck-
lich schön,
Bey solchem fürchterlichen Licht und Schrecken-reichen
Glanz, zu haben.
In diesem Wittern war die Furcht bey uns so un- als
allgemein,
Auch den Beherzten übertäubten des Donners Knall, der
Strahlen Schein,
Des ausgestürzten Regens Rauschen, der Gluht- und
Flammen-schwangre Himmel,
Das schmetternde Gebrüll der Wolken, das zisch- und kra-
chende Getümmel.
Doch war das, was ich hört und sah’ und fürchtet, es noch
nicht allein,
Was mich mit bangem Schrecken füllte, und mein Entsetzen
häuft. Ein Paar
Von meinen Kindern, Marian und meine kleinste Tochter,
war
Zu Schiff nach Hamburg abgegangen, und, auf dem Wasser,
ungefehr,
Dem Ansehn nach, recht an dem Ort, woselbst der Blitz und
Strahlen Heer
Am stärksten hinzuziehen schien. Hier stellt’ ich mir nun
ihren Schrecken,
In so entsetzlichem Gewitter, recht lebhaft vor, und dieß
vermehrte
In mir die Blitze, die ich sah, des Donners Schläge, die ich
hörte.
Wie nun zuletzt, nach GOttes Güte, was lang’ im Firma-
ment gebrüllt,
Zusammt dem Blitzen, aufgehört, und sich des Wetters Wut
gestillt;
War ich des andern Morgens früh, nach eben abgewichner
Nacht,
Den Schluß von meinem Donner-Liede, nach mein’n und aller
Menschen Pflichten,
In einem Andacht-vollen Dank, mit froher Ehrfurcht, aus-
zurichten,
Und, des genoßnen Schutzes wegen, den Schöpfer zu erhöh’n,
bedacht;
Zumahl ich auch von meinen Kindern die gute Nachricht bald
empfing,
Daß sie auch unverletzt geblieben. Allein, bevor ich weiter
ging,
So legt’ ich billig bey mir über, worinn ein wahrer Dank
bestehe,
Ob er mit vielen Worten besser, als wie mit wenigern,
geschehe?
Ich schreibe selber viel vom Danken, und tadle, daß fast
niemand recht,
Nach seiner Pflicht, vernünftig dankt. Wenn man mich
selber fragen mögt',
Wie dankst denn du? wie muß man danken? so stutz ich, und
es fällt mir schwehr,
Dir etwas bessers gleich zu zeigen, als wenn man insgemein
daher:
Ich danke Dir, mein Schöpfer! spricht. Die Wort':
Ich lobe, rühm' und preise,
Die scheinen, als ob man der Gottheit viel minder Dank, als
Ehr', erweise.
Zum Bethen fehlt es nicht an Ausdruck, und Regeln,
vieler Bücher Schaar
Reicht uns zum Bethen Formularen, in ungezählter Menge,
dar;
Vom Danken trifft man weniger, und zwar noch minder,
solche an,
Worinn man, ohn’:
finden kann.
Nachdem ich etwas nachgesonnen, vermeyn’ ich, daß in einer
Menge
Von Wörtern, in dem Ueberfluß von Liedern, und in ihrer
Länge
Kein Danken eigentlich bestehe, und daß des Dankens wah-
rer Kern
Ein Herz von Freuden angefüllt, ein Herz, das inniglich
gerühret
Von einer ihm geschenkten Wohlthat, die es auf eine Weise
spühret,
Daß es zu einer heissen Liebe zum Geber dadurch angeführet,
Kurz: eine frohe Seele sey, die man mit Freuden GOtt dem
Herrn,
In einem willig-fröhlichen und angenehmen Ueberdenken
Des Guten, welches er, aus Gnaden, uns hat gewürdigt
uns zu schenken,
In einem fröhlichen Bewundern der Macht, der Weisheit
und der Liebe,
In einem sanft- doch eifrigen Verlangen, und im süssen
Triebe,
Wenns möglich, in vergnügter Ehrfurcht, in GOtt sich selber
zu versenken.
Dieß scheinet mir ein eigentlich- und wesentlicher Dank zu
seyn,
Nicht eine Menge vieler Worte, weil Worte, nur für uns
allein,
Für GOtt nicht eigentlich gehören. Es bleibet dieß demnach
dabey,
Daß Danken ein vergnügt Erinnern, von GOtt genoßner
Wohlthat, sey.
Vergnügen ist der wahre Grund, das wesentlichste Theil vom
Danken.
Nun kann man das Gedächtniß schärfen durch Uebung.
Laßt uns uns denn üben,
Durch Ueberdenken alles deß, was wir vom Schöpfer auf
der Erden
Für vieles Guts empfangen haben, um froh und dankbar so
zu werden.
Dieß ist zugleich der beste Weg und stärkste Trieb, um GOtt zu
lieben.
Doch fiel mir noch, bey Ueberlegung des Schlusses, der
Gedanke ein:
Daß Worte zwar nicht für die Gottheit, jedoch für uns
nohtwendig seyn.
Die Seel’ ist zwar der Wörter Ursprung, doch werden wir in
uns befinden,
Daß, so wie Feuer-reiche Theile einander mehr und mehr
entzünden;
So auch die Worte Trieb’ und Andacht in uns verlängern
und vermehren,
Und diese wiederum die Worte, so daß wir zwar nicht recht
begreifen,
Wie doch in uns Gedanken Worte, und Worte die Gedanken
häufen;
Doch finden wir aus der Erfahrung, daß beyde bey einander
hören.
Ein überzeugendes Exempel von dieser Wechsel-Handel-
schaft,
Und von der, durch den Band von beyden, noch mehr ver-
mehrten Seelen-Kraft,
Hat mir ein Geist- und Lehr-reich Buch, voll Lust und An-
dacht, Geist und Leben,
Durch lauter wohlgefügte Wörter, und süsse Reimen,
abgegeben.
Bey dieser Schrecken- reichen, bangen, gefährlichen Gele-
genheit
Las’ ich von Dir, berühmter
Deinen Dank,
Und den, für den genoßnen Schutz, von Dir verfertigten
Gesang,
Voll Geist, voll Nachdruck, Andacht, Ehrfurcht und brünsti-
ger Erkenntlichkeit.
Ich ward, so wie durch Deine Lieder gemeiniglich, dadurch
gerührt,
Und, solchem rühmlichen Exempel zu folgen, kräftig ange-
führt.