Dank-Gedanken nach einem sonder Schaden abgegangenen entsetzlichen Gewitter, wob...

By Barthold Heinrich Brockes

Vor allen aber gieb, wenn die Gefahr vorbey,

Daß, so für Nutz als Schutz, Dir jeder dankbar sey!

Den Schluß von meinem Donner-Liede sang ich, mit

einer innern Regung,

Zur Zeit, als, durch ein grausam Wetter, die Luft in heftiger

Bewegung,

In einer allgemeinen Gluht, ein zackigt Heer von Strahlen

schoß,

Und, mit Erschüttrung aller Herzen, zugleich in Gluht und

Fluht zerfloß.

Es flog nicht, wie es oft geschicht, nur etwan hie und dort

ein Strahl;

In allen Himmels-Theilen fuhren die Blitz’ in Schaaren auf

einmahl,

Hier rund, dort zackigt durch einander. Es brach; durch

Finsterniß und Schatten,

Die alle Farben und Figuren geraubet und verschlungen

hatten,

Ein Feuer, recht wie eine Fluht, es ward die sonst so schöne

Welt,

Durch ein entsetzlich helles Leuchten, uns zwar gezeigt und

vorgestellt;

Allein, bey solchem gräßlichen blaß-blauen Feur und Schwe-

fel-Licht

Fiel jeder Vorwurf fürchterlich und recht entsetzlich ins

Gesicht.

Man wünschte lieber sich und alles in schwarzer Dunkelheit

begraben,

In tiefer Finsterniß verhohlen, und selbst verdecket, nichts zu

sehn;

Als von den schönsten Creaturen den Blick, der recht erschreck-

lich schön,

Bey solchem fürchterlichen Licht und Schrecken-reichen

Glanz, zu haben.

In diesem Wittern war die Furcht bey uns so un- als

allgemein,

Auch den Beherzten übertäubten des Donners Knall, der

Strahlen Schein,

Des ausgestürzten Regens Rauschen, der Gluht- und

Flammen-schwangre Himmel,

Das schmetternde Gebrüll der Wolken, das zisch- und kra-

chende Getümmel.

Doch war das, was ich hört und sah’ und fürchtet, es noch

nicht allein,

Was mich mit bangem Schrecken füllte, und mein Entsetzen

häuft. Ein Paar

Von meinen Kindern, Marian und meine kleinste Tochter,

war

Zu Schiff nach Hamburg abgegangen, und, auf dem Wasser,

ungefehr,

Dem Ansehn nach, recht an dem Ort, woselbst der Blitz und

Strahlen Heer

Am stärksten hinzuziehen schien. Hier stellt’ ich mir nun

ihren Schrecken,

In so entsetzlichem Gewitter, recht lebhaft vor, und dieß

vermehrte

In mir die Blitze, die ich sah, des Donners Schläge, die ich

hörte.

Wie nun zuletzt, nach GOttes Güte, was lang’ im Firma-

ment gebrüllt,

Zusammt dem Blitzen, aufgehört, und sich des Wetters Wut

gestillt;

War ich des andern Morgens früh, nach eben abgewichner

Nacht,

Den Schluß von meinem Donner-Liede, nach mein’n und aller

Menschen Pflichten,

In einem Andacht-vollen Dank, mit froher Ehrfurcht, aus-

zurichten,

Und, des genoßnen Schutzes wegen, den Schöpfer zu erhöh’n,

bedacht;

Zumahl ich auch von meinen Kindern die gute Nachricht bald

empfing,

Daß sie auch unverletzt geblieben. Allein, bevor ich weiter

ging,

So legt’ ich billig bey mir über, worinn ein wahrer Dank

bestehe,

Ob er mit vielen Worten besser, als wie mit wenigern,

geschehe?

Ich schreibe selber viel vom Danken, und tadle, daß fast

niemand recht,

Nach seiner Pflicht, vernünftig dankt. Wenn man mich

selber fragen mögt',

Wie dankst denn du? wie muß man danken? so stutz ich, und

es fällt mir schwehr,

Dir etwas bessers gleich zu zeigen, als wenn man insgemein

daher:

Ich danke Dir, mein Schöpfer! spricht. Die Wort':

Ich lobe, rühm' und preise,

Die scheinen, als ob man der Gottheit viel minder Dank, als

Ehr', erweise.

Zum Bethen fehlt es nicht an Ausdruck, und Regeln,

vieler Bücher Schaar

Reicht uns zum Bethen Formularen, in ungezählter Menge,

dar;

Vom Danken trifft man weniger, und zwar noch minder,

solche an,

Worinn man, ohn’:

finden kann.

Nachdem ich etwas nachgesonnen, vermeyn’ ich, daß in einer

Menge

Von Wörtern, in dem Ueberfluß von Liedern, und in ihrer

Länge

Kein Danken eigentlich bestehe, und daß des Dankens wah-

rer Kern

Ein Herz von Freuden angefüllt, ein Herz, das inniglich

gerühret

Von einer ihm geschenkten Wohlthat, die es auf eine Weise

spühret,

Daß es zu einer heissen Liebe zum Geber dadurch angeführet,

Kurz: eine frohe Seele sey, die man mit Freuden GOtt dem

Herrn,

In einem willig-fröhlichen und angenehmen Ueberdenken

Des Guten, welches er, aus Gnaden, uns hat gewürdigt

uns zu schenken,

In einem fröhlichen Bewundern der Macht, der Weisheit

und der Liebe,

In einem sanft- doch eifrigen Verlangen, und im süssen

Triebe,

Wenns möglich, in vergnügter Ehrfurcht, in GOtt sich selber

zu versenken.

Dieß scheinet mir ein eigentlich- und wesentlicher Dank zu

seyn,

Nicht eine Menge vieler Worte, weil Worte, nur für uns

allein,

Für GOtt nicht eigentlich gehören. Es bleibet dieß demnach

dabey,

Daß Danken ein vergnügt Erinnern, von GOtt genoßner

Wohlthat, sey.

Vergnügen ist der wahre Grund, das wesentlichste Theil vom

Danken.

Nun kann man das Gedächtniß schärfen durch Uebung.

Laßt uns uns denn üben,

Durch Ueberdenken alles deß, was wir vom Schöpfer auf

der Erden

Für vieles Guts empfangen haben, um froh und dankbar so

zu werden.

Dieß ist zugleich der beste Weg und stärkste Trieb, um GOtt zu

lieben.

Doch fiel mir noch, bey Ueberlegung des Schlusses, der

Gedanke ein:

Daß Worte zwar nicht für die Gottheit, jedoch für uns

nohtwendig seyn.

Die Seel’ ist zwar der Wörter Ursprung, doch werden wir in

uns befinden,

Daß, so wie Feuer-reiche Theile einander mehr und mehr

entzünden;

So auch die Worte Trieb’ und Andacht in uns verlängern

und vermehren,

Und diese wiederum die Worte, so daß wir zwar nicht recht

begreifen,

Wie doch in uns Gedanken Worte, und Worte die Gedanken

häufen;

Doch finden wir aus der Erfahrung, daß beyde bey einander

hören.

Ein überzeugendes Exempel von dieser Wechsel-Handel-

schaft,

Und von der, durch den Band von beyden, noch mehr ver-

mehrten Seelen-Kraft,

Hat mir ein Geist- und Lehr-reich Buch, voll Lust und An-

dacht, Geist und Leben,

Durch lauter wohlgefügte Wörter, und süsse Reimen,

abgegeben.

Bey dieser Schrecken- reichen, bangen, gefährlichen Gele-

genheit

Las’ ich von Dir, berühmter

Deinen Dank,

Und den, für den genoßnen Schutz, von Dir verfertigten

Gesang,

Voll Geist, voll Nachdruck, Andacht, Ehrfurcht und brünsti-

ger Erkenntlichkeit.

Ich ward, so wie durch Deine Lieder gemeiniglich, dadurch

gerührt,

Und, solchem rühmlichen Exempel zu folgen, kräftig ange-

führt.