Dank-Gedanken wegen eines zu Ritzebüttel durch Gottes Gnade abgewandten Einbruch...

By Barthold Heinrich Brockes

Nachdem, mit unerhörter Wut,

Der Nord-Nord-Westen-Wind gestürmet,

Und er des Meeres wilde Fluht

So sehr gepreßt und aufgethürmet,

Daß sie mit unsers Landes Damm,

Und dessen sogenanntem Kamm,

Bereits in gleicher Lage floß,

Ja gar (was schrecklich anzusehen)

Von einigen gesenkten Höhen

Schon schäumend sich herüber goß,

Und sich, in weissen Wasser-Fällen,

Schon zeigt auf unterschiednen Stellen,

Wodurch bereits das ganze Land

Voll Jammer, Angst und Kummer stand,

Und die entsetzliche Gefahr,

Die ihm fast unvermeidlich war,

Mit nass- und starren Augen sah;

War GOtt, Der Wind und Wellen lenket,

Mit Seiner Hülf’ und Gnade da.

Er wollt’: und augenblicklich senket

Die wilde Last der Fluhten sich von unsrer Dämme Höh’

hernieder,

Zu ihren hohlen Tiefen wieder.

Man konnte, mit erfreutem Aug’, aus blauer Fluht die

grünen Rücken

Des, GOtt sey Lob! noch gänzen Damms, und unzer-

brochnen Deichs, erblicken.

So sey demnach, Du ew’ge Lieb’ und ewig weise Macht,

gepriesen,

Daß Du, zu dieses Landes Heil, Dich Selbst fast sicht-

barlich gewiesen!

Der Du zu der ergrimmten Fluht ein gnädig Macht-

Wort ausgesprochen:

Bis hieher komm, und weiter nicht! Hier sey dein

strenger Drang gebrochen!

Hier soll dein freßiges Verschlingen, hier soll dein stür-

misches Bewegen,

Der regen Wellen schwehre Macht, und wütende Ge-

walt sich legen!

Gieb, daß wir dieß, daß es ein Wunder, ein wirklich

Wunder, voller Segen,

Wodurch Du alles Unsrige aufs neu uns schenkst, be-

trachten mögen!

Laß uns in selbem Deine Lieb’ und mächt’ge Weisheit

oft ermessen!

Laß unsern Dank, den wir anitzt, da noch die Ruhte

nahe, zeigen,

Nicht mit der Fluht von hinnen rauschen, nicht wie der

schnelle Strohm verseigen!

Gieb, daß wir die so lange Folge, von einem kurzen Au-

genblick,

Voll Elend, Armuht, Kummer, Sorgen, und ungezählten

Ungelück,

So uns gewiß betroffen hätten, so bald nicht aus den

Sinnen lassen,

Und, in der Abkehr alles Uebels, des Schöpfers Macht

und Liebe fassen!

Bewahre ferner, vor dem Wüten der wilden Fluhten, un-

sern Strand,

Und segne, große Segens-Quelle, aus Gnaden dieses

ganze Land!