Dank

By Luise Hensel

Written 1851-01-01 - 1851-01-01

In früher Kindheit Tagen

Von treuer Hand gepflegt,

Hat Gnade mich getragen,

Wie Mutterliebe trägt. –

Die Mutter that in Bildern

Mir, süßer Jesus! Dich

Und Deine Liebe schildern

Und lehrte glauben mich.

Sie wies mir, die da kamen

Zu Dir mit ihrem Leid,

Die Siechen, Blinden, Lahmen,

Die Deine Huld befreit.

Einst sah ich in Gedanken

Im stillen Dämmerschein

Daher die Schaaren wanken

Und dicht sich um Dich reih'n.

Da dacht' ich: Wenn Er käme

Und fragte, was ich wollt',

Was ich mir dann wohl nähme,

Und was ich bitten sollt'. –

O, rief ich, keine Gaben,

Nur Beten, Beten gieb!

Dann werd' ich Alles haben,

Dich selbst und Deine Lieb'.

Denn beten heißt ja ringen

Mit Deiner Gotteskraft,

Und beten ist ein zwingen,

Das Alles uns verschafft.

Die kleinen Hände schlossen

Sich ringend zum Gebet

Und schwere Thränen flossen

Wie Waizen, dicht gesä't.

O, gieb mir Beten! Beten!

Nichts Andres brauch' ich ja:

Wenn ich zu Dir kann reden,

Dann bist Du stets mir nah'. –

Und meine Sinne schwanden

Ob meinem heißen Fleh'n,

Bis mich die Mägdlein fanden,

Mir halfen schlafen geh'n. –

Du aber hast in Hulden

Seitdem mich stets erhört,

Trotz all der bittern Schulden,

Die bald mein Herz beschwert.

O, Dank für jene Stunde,

Die mir so viel gewährt!

Und Dank dem frommen Munde,

Der glauben mich gelehrt!

Und Dank dem treuen Engel,

Den Du mir, Herr! gesandt

Und der trotz schwerer Mängel

Sich nie von mir gewandt! –