Daphnens Engel, als sie schlief

By Johann Martin Miller

Written 1772-01-01 - 1772-01-01

Schlummre, Mädchen, schlummre süß!

Träume nur von Seligkeiten,

Die, in Gottes Paradies,

Meine Brüder dir bereiten!

Unter mancher guten That

Ist der Tag dir hingeflossen,

Und mit Gottgedanken hat

Sich dein Auge zugeschlossen.

Arme Brüder speistest du;

Mildertest des Waisen Leiden;

Sprachst dem Kranken Tröstung zu,

Und belebtest ihn mit Freuden;

Warst, an stiller Sittsamkeit,

Allen Freundinnen Exempel,

Und ein Bild der Frömmigkeit

In der Gottheit stillem Tempel.

Jede deiner Stunden ist

Segen allen Erdensöhnen;

Nur Amyntens Auge fließt

Deinetwillen noch in Thränen.

Oft, mit Trauer angefüllt,

Sah ich seine Seele schmachten,

Und, in Wehmut eingehüllt,

Seinen Engel ihn betrachten.

Ach! der Engel ist mein Freund,

Und der Jüngling dir ergeben.

Welche Wonne! wenn vereint

Wir euch leiteten durchs Leben;

Wenn, am heiligen Altar,

Palmen euer Haar umschlängen,

Und von aller Engel Schar

Segenslieder euch erklängen!

Oft, im stillen, würdet ihr

Süße Freudenthränen weinen;

Oft, euch dankend, würden wir

In Gesichten euch erscheinen;

Freuden aus dem Himmelreich

In die fromme Seele strahlen,

Und der Zukunft Bilder euch

Aus dem Paradiese malen.

Wachend würdest du vom Traum

Ihm die Freuden alle nennen;

Staunend würd' in seinem Traum

Er den deinigen erkennen,

Still des Bildes Deutung sich

In geheimer Brust entschließen,

Und, mit Ahnungsthränen, dich

Unaussprechlich zärtlich küssen.

Wenn dann dir zum zweitenmal

Seine bange Thräne flösse,

Und von Gottes Thron ein Strahl

Dir das Paradies entschlösse:

O, dann würd' ich noch als Freund

Tröstend um den Gatten weilen,

Und, wenn hier er ausgeweint,

Dir mit ihm entgegeneilen!