Das Andenken.

By Gotthard Ludwig Kosegarten

Ich denk' an Dich, Geliebte,

Vom frühsten Dämmerstrahl,

Bis Kron' und Leyer funkeln

Am ew'gen Himmelssaal.

Im lichten Mittagsglanze,

Im Graun der Mitternacht,

Stehst Du mir klar vor Augen

In jedes Reizes Pracht.

Mir winkt das Lied des Dichters,

Mich lockt des Denkers Buch.

Süss klingt des Sängers Harfe,

Und ernst des Weisen Spruch.

Umsonst. Hinweggezogen

Folgt der entzückte Geist

Dem Strom, der ihn magnetisch

In seine Wirbel reisst.

Wenn Nachts aus halbem Schlummer

Der Sehnsucht Sturm mich weckt,

Wenn mich der Schlag der Wachtel

Aus süssen Träumen neckt,

Breit' ich den Arm und drücke

Dich wähnend an mein Herz;

Der Wahn zerrinnt, und einsam

Bin ich mit meinem Schmerz.

Ich flüchte sehnsuchtmüde

Zum Busen der Natur.

Doch ach, Dein Bild, Geliebte,

Folgt mir auf jeder Spur.

Es flötet Deinen Namen

Das Vöglein auf dem Zweig.

Ihn schwirrt die Grill' im Grase,

Ihn ruft die Unk' im Teich.

An Deines Auges Bläue

Mahnt mich des Äthers Blau;

An Deiner Locken Fülle

Des Nebels strömend Grau.

Mich mahnt an Deine Wangen

Der Rose keusche Gluth.

Mich an den Wein der Lippen

Der Beere quellend Blut.

Beschämt dein Schwanenbusen

Nicht der Narzisse Schnee?

Weicht nicht der Milch der Arme

Die Milch der Lilie?

Umhaucht mich nicht Dein Athem

Im Nachtviolenduft?

Ists nicht Dein süsser Name,

Den jedes Echo ruft? — —

Wohin, wohin mich retten

Vor der verborgnen Macht,

Die mich verfolgt vom Morgen

Bis in das Graun der Nacht! — —

Bey Dir, bey Dir nur, Traute,

Ist Rettung mir bewusst — —

Ach, nur in Deinen Armen,

Ach, nur an Deiner Brust.