Das Blättchen. An Emma .
Horch, wie sauset der Wind in deinem vertrau-
lichen Garten!
Schau, wie schüttelt sein Hauch
Von den Bäumen die letzten, die gelblichen Blätter
herunter.
Siehe, wie treiben sie stumm
Auf dem Boden umher, die bebenden schüchternen
Blättchen,
Weiland die Krone des Baums. —
Haben dich oft so sanft in luftigen Schlummer ge-
säuselt,
Haben dich oft aus der Ruh
Aufgerauscht, und wieder in melancholische Stille
Freundlich niedergewiegt.
Arme Blättchen, ihr werdet nun ferner in Schlum-
mer und Wehmuth
Emma nicht säuseln. Ihr rollt
Hoch in der brausenden Luft, und bald verwes't ihr,
und stiebet
Staub im Aether umher.
Emma, ich irr' hinauf und hinab im schaurigen
Garten,
Wühl' im raschelnden Laub,
Und es hüllet mir Dämmrung die Seele, Dämmrung
das Auge.
Denn es prediget mir
Jedes welkende Blatt und jedes sterbende Gräschen:
„einstens grünt' ich, wie du!
„einstens welkst du, wie ich. Wie Gras auf dem
Felde sind Menschen,
„grünen und welken, wie wir.“
Rauschendes Blättchen, du irrst. Du täuschest dich,
welkendes Blättchen;
Denn ich bin nicht, wie du.
Zwar ich werde verwelken in meiner grünenden
Jugend.
Jünglingsstärke zerschillt;
Mädchenschöne verblüht. Wir welken, wie Gras
auf dem Felde;
Aber wir welken nicht ganz.
Freudig entschwingt sich dem Graus der Verwesung
die ewige Seele,
Schwebet jubelnd empor,
Lebet von Äon zu Äon. Die morsche gebrechliche
Hülle
Welkt und verwes't, wie du!
Seufzest du, sterbendes Blättchen? Mich dünkt,
du seufzest im Winde
Über dein nichtiges Loos.
Blättchen, du seufzest mit Recht. Geh, klag' es
dem ewigen Vater!
Er trägt Stern' und Staub,
Seinen herrlichen Cherub und seine verduftende Blume,
Und den verschmachtenden Wurm,
Und dich, seufzendes Blättchen, er kennt und
wärmet euch alle
In dem seligen Schooss,
Liebt euch und labt euch, und wird sich deines
Seufzens erbarmen,
Wie er sich aller erbarmt.
Rauschendes Blättchen, wo schwebest du hin? Der
reissende Ostwind
Wirbelt dich hoch in die Luft,
Höher und immer höher. Du schwindest dem Blicke;
das Auge
Sieht dich nicht ferner. — Doch zuckt
Mir durch die Seele, wie Blitz, ein lichtes, ein
tröstendes Ahnen:
Gott trägt Stern' und Staub,
Sonnen und Monden und Würmchen an seinem er-
quickenden Busen,
Wahrt und wärmet sie treu,
Und erbarmt sich ihrer Seufzer. Sie seufzen um
Leben,
Dass der vernichtende Arm
Sie nicht ergreife, dass sie der tausend tausendmal
tausend
Rollender Jahre Reih'n
Leben mögen, und klimmen von Sprosse zu Sprosse
der Leiter,
Die die Geschaffenen trägt,
Bis sie die oberste Stuf' erklimmen, des Endlichen
Gränze.
Freue dich, welkendes Blatt!
Kehrest wieder im Lenz als schönste Rose des
Gartens,
Duftest den Sommer hindurch,
Blühst und erblassest, und welkst, und um dich
trauert das Mädchen,
Der du am Busen verwelkst.
Lass sie trauern, und traure nicht mit. Im kehren-
den Frühling
Hört sie dich einsam im Busch
Eine Nachtigall klagen, und weinet dir Thränen
der Rührung. —
Zwar auch die Nachtigall stirbt;
Aber es keimt aus der Nachtigall Asch' ein blühen-
des Mägdlein,
Edel von Anstand, von Wuchs,
Schlank und zierlich, wie unter den Blumen Emma
einhergeht.
Sey mir, schlanke Gestalt,
Sey mir gegrüsst! — Auch du wirst sterben — nicht
sterben — nur reifen
Wirst du, holdes Gebild,
Reifen vom Mädchen zum Engel, vom Engel zum
Seraph. — Dem Kühnen
Schwindelt — o schone mein!
Schon' und hemme die wiehernden Rosse des Wa-
gens, Begeistrung,
Dass nicht ihr sausender Flug
In der Unendlichkeit Strudel mich reisse, die zornigen
Strudel
Mich erfassen und tief
Aus der sonnigen Höh', die strahlenden Sphären
hinunter
Schleudern ins donnernde Meer.