Das dritte Fenster.

By Barthold Heinrich Brockes

Nun komm’ ich an den Mittelpunct von meinen Fenstern,

welcher mir

Der Landschaft ungemeine Schönheit, fast in der allergrößten

Zier,

Annoch vor allen andern zeigt. Hier treff’ ich eine grosse

Menge

Von schönen Gegenwürfen an. In einem wirklichen Ge-

pränge

Zeigt hier sich Wasser, Luft und Land. Um nun der Ordnung

nachzugeh'n,

Laßt uns, wie in den andern beyden, auch dieser Tafel Vor-

grund seh'n,

Da denn, wenn wir, mit frohen Blicken, gemach von unten

aufwerts steigen,

Sich immer neue Lieblichkeiten den fast erstaunten Augen

zeigen.

In einer halben Ründe lieget ein Stein-Platz, den der

Wall verschränkt,

Der sich bis zu der Mauer Fuß, von allen beyden Seiten,

lenkt.

Hier stellt, in Regel- rechter Höhe, ein neu- gewölbtes stei-

nern Thor,

Das noch zu meiner Zeit gebauet, sich zierlich unsern Augen

vor.

Auf diesem ist ein grüner Platz, fast viereckt, auf dem Wall

zu seh'n.

Der Wall formiert hier einen Winkel, und läßt uns in die

Senkung geh'n

Der neu- gemachten

Gebäude,

Das blau- glasürte Ziegel-Decken, macht eine neue Augen-

weide.

Dieß dienet, bey der Garnison von diesem Schloß, dem Of-

ficier,

Nachdem es eben neu erbauet, zu einem zierlichen Quar-

tier.

Hierauf erblicket man nun ferner den mit so manchem Jpern-

Stamm,

Und vielen Weiden wohl besetzten, geraden, langen, grünen

Damm,

Der beyde breite Graben theilt, des äussern Grabens glatte

Fluht,

Die hier in grün- beblühmten Ufern, von Winden ungestöret,

ruht,

Zeigt, als in einem rein- polierten, durch Wiederschein

bestrahlten Spiegel,

Der kleinen schon erwehnten Gärten beblühmt- und sanft-

erhabne Hügel,

Worauf man selbst ihr Urbild sieht, mit Bäumen hin und her

besetzt,

Wovon uns die Verschiedenheit noch mehr den frohen Blick

ergetzt.

Die Gärten reichen an die Gasse, an welcher art’ge Häuser

steh'n,

Von welchen hier, aus diesem Fenster, vier der ansehnlichsten

zu seh'n,

An welchen hinten andre schiessen. Fast in der Mitten öffnet

sich

Die lange, grosse Flecken-Gasse, in einem fast geraden

Strich,

Worinn sich, als im Perspectiv, indem die Blicke sich ver-

schränken,

Die Augen zwischen vielen Häusern, in eine lange Ferne,

senken.

Die Gasse führt uns zu der Schleuse, nachhero nach dem

Haven hin,

Von dessen sonderbaren Lag’ ich sonst zu schreiben willens

bin.

Noch über den erwehnten Häusern erblicket man, nicht

sonder Freude,

Ein wenig rechter Hand, ein Stück der sogenannten Herren-

Weide,

Die sich mit Bluhmen, Klee und Gras, mit Pferden, Küh’

und Schafen deckt,

Und sich bis an den grünen Elb-Deich, den starken Damm

fürs Wasser, streckt.

Ein wenig Seit- werts, linker Hand, sind, auf dazu gemach-

ten Höhen,

Das Tonnen-Haus und Arsenal, der Handelschaft zum

Nutz, zu sehen.

Dann tritt, als eine Pyramide, der Schiffer Pol, des Stran-

des Zier,

Als wär’ es recht zum Aug-Punct da, der Thurm der grossen

Bak herfür.

Zur Linken sieht man einen Quer-Deich, und einige Gebäude

steh'n,

Worinn der Loots-Inspector wohnt. Hierauf nun sieht

man, wunderschön,

Als eine grosse Wasser-Welt, die Elbe, Strand- und Gren-

zen- los,

Die Last der Fluhten Meer-werts welzen, und aus desselben

tiefen Schos

Beständig wieder rückwerts wallen. Auf dem gewaltigen

Gewässer,

Das öfters blau, wie ein Sapphir, erblickt man hoher Was-

ser-Schlösser

Geschwollne roht- und weisse Seegel, so die beschäumten

Wellen theilen,

Und öfters mit demselben Winde theils Westen- und theils

Ost-werts eilen.

Dieß ist das herrlichste Spectakel, so man fast auf der Welt

erblickt,

Wenn wir auf einmahl Land und Wasser, so wunderwürdig

ausgeschmückt,

Vom güldnen Sonnen-Licht bestrahlt, in einer grünen hier,

dort blauen,

Und fast nicht abzuseh’nden Weite, voll Heerden und voll

Schiffe schauen.