Das dritte Fenster.
Nun komm’ ich an den Mittelpunct von meinen Fenstern,
welcher mir
Der Landschaft ungemeine Schönheit, fast in der allergrößten
Zier,
Annoch vor allen andern zeigt. Hier treff’ ich eine grosse
Menge
Von schönen Gegenwürfen an. In einem wirklichen Ge-
pränge
Zeigt hier sich Wasser, Luft und Land. Um nun der Ordnung
nachzugeh'n,
Laßt uns, wie in den andern beyden, auch dieser Tafel Vor-
grund seh'n,
Da denn, wenn wir, mit frohen Blicken, gemach von unten
aufwerts steigen,
Sich immer neue Lieblichkeiten den fast erstaunten Augen
zeigen.
In einer halben Ründe lieget ein Stein-Platz, den der
Wall verschränkt,
Der sich bis zu der Mauer Fuß, von allen beyden Seiten,
lenkt.
Hier stellt, in Regel- rechter Höhe, ein neu- gewölbtes stei-
nern Thor,
Das noch zu meiner Zeit gebauet, sich zierlich unsern Augen
vor.
Auf diesem ist ein grüner Platz, fast viereckt, auf dem Wall
zu seh'n.
Der Wall formiert hier einen Winkel, und läßt uns in die
Senkung geh'n
Der neu- gemachten
Gebäude,
Das blau- glasürte Ziegel-Decken, macht eine neue Augen-
weide.
Dieß dienet, bey der Garnison von diesem Schloß, dem Of-
ficier,
Nachdem es eben neu erbauet, zu einem zierlichen Quar-
tier.
Hierauf erblicket man nun ferner den mit so manchem Jpern-
Stamm,
Und vielen Weiden wohl besetzten, geraden, langen, grünen
Damm,
Der beyde breite Graben theilt, des äussern Grabens glatte
Fluht,
Die hier in grün- beblühmten Ufern, von Winden ungestöret,
ruht,
Zeigt, als in einem rein- polierten, durch Wiederschein
bestrahlten Spiegel,
Der kleinen schon erwehnten Gärten beblühmt- und sanft-
erhabne Hügel,
Worauf man selbst ihr Urbild sieht, mit Bäumen hin und her
besetzt,
Wovon uns die Verschiedenheit noch mehr den frohen Blick
ergetzt.
Die Gärten reichen an die Gasse, an welcher art’ge Häuser
steh'n,
Von welchen hier, aus diesem Fenster, vier der ansehnlichsten
zu seh'n,
An welchen hinten andre schiessen. Fast in der Mitten öffnet
sich
Die lange, grosse Flecken-Gasse, in einem fast geraden
Strich,
Worinn sich, als im Perspectiv, indem die Blicke sich ver-
schränken,
Die Augen zwischen vielen Häusern, in eine lange Ferne,
senken.
Die Gasse führt uns zu der Schleuse, nachhero nach dem
Haven hin,
Von dessen sonderbaren Lag’ ich sonst zu schreiben willens
bin.
Noch über den erwehnten Häusern erblicket man, nicht
sonder Freude,
Ein wenig rechter Hand, ein Stück der sogenannten Herren-
Weide,
Die sich mit Bluhmen, Klee und Gras, mit Pferden, Küh’
und Schafen deckt,
Und sich bis an den grünen Elb-Deich, den starken Damm
fürs Wasser, streckt.
Ein wenig Seit- werts, linker Hand, sind, auf dazu gemach-
ten Höhen,
Das Tonnen-Haus und Arsenal, der Handelschaft zum
Nutz, zu sehen.
Dann tritt, als eine Pyramide, der Schiffer Pol, des Stran-
des Zier,
Als wär’ es recht zum Aug-Punct da, der Thurm der grossen
Bak herfür.
Zur Linken sieht man einen Quer-Deich, und einige Gebäude
steh'n,
Worinn der Loots-Inspector wohnt. Hierauf nun sieht
man, wunderschön,
Als eine grosse Wasser-Welt, die Elbe, Strand- und Gren-
zen- los,
Die Last der Fluhten Meer-werts welzen, und aus desselben
tiefen Schos
Beständig wieder rückwerts wallen. Auf dem gewaltigen
Gewässer,
Das öfters blau, wie ein Sapphir, erblickt man hoher Was-
ser-Schlösser
Geschwollne roht- und weisse Seegel, so die beschäumten
Wellen theilen,
Und öfters mit demselben Winde theils Westen- und theils
Ost-werts eilen.
Dieß ist das herrlichste Spectakel, so man fast auf der Welt
erblickt,
Wenn wir auf einmahl Land und Wasser, so wunderwürdig
ausgeschmückt,
Vom güldnen Sonnen-Licht bestrahlt, in einer grünen hier,
dort blauen,
Und fast nicht abzuseh’nden Weite, voll Heerden und voll
Schiffe schauen.