Das getreue Mutter-Hertz Bey Beerdigung Fr. M. M. S. g. v. S. den 10. Decembr. 1...

By Heinrich Mühlpfort

Hochedle jener wünscht ihm Fenster in die Hertzen

Dadurch die Regungen der Geister anzuschau’n:

Hier zengt eu’r Angesicht die innre Seelen-Schmertzen

Und selbst der Augen-Brunn muß nichts als Thränen

Warum? ihr solt und must itzt euer Hertz begraben:

(thau'n.

Ists möglich daß ein Mensch mehr ohne Hertze lebt?

Und soll ein Hertz den Sarg in seinem Hertzen haben?

Gleichwie ein Seiden-Wurm sein Grab ihm selber webt?

Man schloß vor diesem ja gekrönter Häupter Hertzen

Wenn sie der letzte Stoß des Todes kalt gemacht

In Gold und Edelstein und hat viel tausend Kertzen

Zu zieren das Mausol verschwend’risch ausgedacht.

Viel haben balsamirt die Hertzen wollen halten

Umb so den Liebes-Dienst unendlich zu verneurn.

Viel wenn sie schon gesehn der Adern Quell erkalten

Die wolten doch noch so dem Tod und Fäulnüß steur’ n.

Nein euer Grabmal trotzt die prächtigen Colossen

Cairens Seulen-Werck und Memphis Marmelstein

Und was von Bildern mehr Corinthus hat gegossen

Und das noch alte Rom gehauen Felsen ein.

Doch trieb der Ehrgeitz an: Hier ein gehorsam Wille

Der Kindes-Lieb und Pflicht zu einem Nachbar hat.

Sie streiten wer zu erst die Schuldigkeit erfülle

Und wer am nechsten ruh’ bey dieser Grabe-Statt.

Was scharrt ihr endlich ein? ein Hertz von dem das Hertze

So stündlich in euch klopfft den ersten Ursprung führt

Die Sonne so bißher durch ihrer Stralen Kertze

Euch alle hat gewärmt beseelet und geziert.

Ist sonst der Menschen Hertz das Wohnhaus ihrer Seele

So war der Mutter Hertz auch eures Lebens-Sitz.

Regt und bewegt es sich erst in des Cörpers Höle

Und weckt die Geister auf und theilt aus Blut und Hitz.

So hat der Mutter Hertz worunter ihr gelegen

Noch vor dem Tage-Licht wohlthätig sich erzeigt

Und denn ohn Unterlaß Heil Wonne Leben Seegen

Und was man wünschen mag euch mildreich zugeneigt.

Wohnt in dem Hertz ein Feur das von des Himmels-Höhen

Prometheus Kunst-Diebstal uns heimlich zu gewandt;

So war der Mutter Hertz solt es zum HErren gehen

In gar weit heil’ ger Glut des Glaubens angebrant.

Ist sonst des Menschen Hertz die Renn-Bahn der Begierden

So war der Mutter Hertz der Tugend Sammel-Platz.

Es blieb von allem Glantz und angebornen Zierden

Beständigkeit ihr Ruhm und Gottesfurcht ihr Schatz.

Ist ferner auch das Hertz ein Brunnquell treuer Liebe

Wie hertzlich hat sie nicht als Kinder euch geliebt

Und wenn man ihre Treu ins Zeit-Register schriebe

So käm es dem nicht bey was ihre Huld verübt.

Sie war Cornelia die ihre Söhne Cronen

Und nicht der Perlen Reyh und Diamante hieß

Des Frauen-Zimmers Schmuck hielt sie für schlechte Bohnen

Wenn sie des Blutes Schmuck des Stammes Erben wieß.

Was hat sie nicht gethan? Jhr Reden Dencken Sinnen

War auf der Kinder Heil und Wolergehn gericht

Und solten nicht anjetzt die Thränen häuffig rinnen

Nun der ergrimmte Trd das Mutter-Hertze bricht?

Mit was vor Helden-Muth es alles überstanden

Bey vieler Kranckheit-Last doch mit Gedult gesiegt

Die Freyheit stets gezeigt auch in den Leibes Banden

Und sich an Gottes-Güt erfreuet und vergnügt

Fast nicht mein enges Blat; und meine Trauer-Zeilen

Verschwemmt

Wenn schon das Hertz verwundt welch Podalier kan heilen?

Es giebet Esculap in solchem Zufall nach.

Und niemand auffder Welt kan diese Thränen schelten

So umb das Mutter-Hertz der Kinder Pflicht vergaust

Die Lieb ist ungemein und diese Treu ist selten

So euer Mutter Hertz hat jeder zeit beweist.

Schenckt wieder ihr das Hertz zu einem Ehren-Grabe

Sie könte schöner nicht in Alabaster ruhn.

Diß Mutter-Hertz ist werth daß es viel Tempel habe

In Hertzen die ihm noch die letzten Dienste thun.

Es will der Julian aus Hertzen propheceyen

Und drauß erkündigen was künfftig kommen mag:

Jhr könt der danckbar’n Welt in Ohr und Hertzen schreyen

Daß euer Mutter-Hertz bey eurem Hertzen lag.

Der Lilgen Zwiebel ist am ähnlichsten dem Hertzen

Die Lilgen eures Ruhms der die sie erst gebracht.

Verbrennt Germanicus sein Hertz durch keine Kertzen;

Der Mutter Hertze wird zur Asch auch nicht gemacht.

Der Tugend Aloe beschützt es für dem Schimmel

Und eure Wehmuth muß der beste Balsam seyn.

Der Geist sucht Kercker-loß sein Vaterland den Himmel

Nichts als der Glieder Rest bedeckt der Leichen-Stein.

Man laß’ Egyptens Wahn von unsern Hertzen lehren

Daß es biß funffzig Jahr ein halbes Loth nimmt zu

Denn fängt es an die Zeit auch wieder zu zerstören

Biß daß es endlich gar kömmt zu der langen Ruh.

Ein grösser Wachsthum wird der Mutter Hertze haben

Als das mit eurem ist zusammen eingeprägt

Das immer lebend bleibt und eh’ nicht wird begraben

Als biß ihr Lebens-satt euch auch ins Grab gelegt.

Hochedle da sich schon der Mutter Augen schlossen

Und sich die Seel’ als Gast zum Abzug fertig fand

Hat sie nach ihrem Wunsch die Freude noch genossen

Daß eure treue Pflicht ihr stets zu Dienste stand.

Jhr habt den letzten Kuß von ihrem Mund empfangen

Die Augen zugedrückt so euch so offt erfreut.

Und unter vielem Weh’ Begierden und Verlangen

Sie nur voran geschickt ins Land der Ewigkeit.

Mausolens Ehgemahl trinck ihres Herren Asche:

Aus eurer Seele kommt der Mutter Name nicht.

Umbsonst daß Todte man mit theurem Balsam wasche

Der beste Narden ist ein unbefleckt Gerücht’.

Und wenn auf Gräbern viel die Nachwelt gibt zu lesen;

So sey die kurtze Schrifft zu diesem Grab gelegt:

Hie ruht ein Mutter-Hertz das nimmer kan verwesen

Weil es der Kinder Hertz lebendig in sich trägt.