Das getreue Mutter-Hertz Bey Beerdigung Fr. M. M. S. g. v. S. den 10. Decembr. 1...
Hochedle jener wünscht ihm Fenster in die Hertzen
Dadurch die Regungen der Geister anzuschau’n:
Hier zengt eu’r Angesicht die innre Seelen-Schmertzen
Und selbst der Augen-Brunn muß nichts als Thränen
Warum? ihr solt und must itzt euer Hertz begraben:
(thau'n.
Ists möglich daß ein Mensch mehr ohne Hertze lebt?
Und soll ein Hertz den Sarg in seinem Hertzen haben?
Gleichwie ein Seiden-Wurm sein Grab ihm selber webt?
Man schloß vor diesem ja gekrönter Häupter Hertzen
Wenn sie der letzte Stoß des Todes kalt gemacht
In Gold und Edelstein und hat viel tausend Kertzen
Zu zieren das Mausol verschwend’risch ausgedacht.
Viel haben balsamirt die Hertzen wollen halten
Umb so den Liebes-Dienst unendlich zu verneurn.
Viel wenn sie schon gesehn der Adern Quell erkalten
Die wolten doch noch so dem Tod und Fäulnüß steur’ n.
Nein euer Grabmal trotzt die prächtigen Colossen
Cairens Seulen-Werck und Memphis Marmelstein
Und was von Bildern mehr Corinthus hat gegossen
Und das noch alte Rom gehauen Felsen ein.
Doch trieb der Ehrgeitz an: Hier ein gehorsam Wille
Der Kindes-Lieb und Pflicht zu einem Nachbar hat.
Sie streiten wer zu erst die Schuldigkeit erfülle
Und wer am nechsten ruh’ bey dieser Grabe-Statt.
Was scharrt ihr endlich ein? ein Hertz von dem das Hertze
So stündlich in euch klopfft den ersten Ursprung führt
Die Sonne so bißher durch ihrer Stralen Kertze
Euch alle hat gewärmt beseelet und geziert.
Ist sonst der Menschen Hertz das Wohnhaus ihrer Seele
So war der Mutter Hertz auch eures Lebens-Sitz.
Regt und bewegt es sich erst in des Cörpers Höle
Und weckt die Geister auf und theilt aus Blut und Hitz.
So hat der Mutter Hertz worunter ihr gelegen
Noch vor dem Tage-Licht wohlthätig sich erzeigt
Und denn ohn Unterlaß Heil Wonne Leben Seegen
Und was man wünschen mag euch mildreich zugeneigt.
Wohnt in dem Hertz ein Feur das von des Himmels-Höhen
Prometheus Kunst-Diebstal uns heimlich zu gewandt;
So war der Mutter Hertz solt es zum HErren gehen
In gar weit heil’ ger Glut des Glaubens angebrant.
Ist sonst des Menschen Hertz die Renn-Bahn der Begierden
So war der Mutter Hertz der Tugend Sammel-Platz.
Es blieb von allem Glantz und angebornen Zierden
Beständigkeit ihr Ruhm und Gottesfurcht ihr Schatz.
Ist ferner auch das Hertz ein Brunnquell treuer Liebe
Wie hertzlich hat sie nicht als Kinder euch geliebt
Und wenn man ihre Treu ins Zeit-Register schriebe
So käm es dem nicht bey was ihre Huld verübt.
Sie war Cornelia die ihre Söhne Cronen
Und nicht der Perlen Reyh und Diamante hieß
Des Frauen-Zimmers Schmuck hielt sie für schlechte Bohnen
Wenn sie des Blutes Schmuck des Stammes Erben wieß.
Was hat sie nicht gethan? Jhr Reden Dencken Sinnen
War auf der Kinder Heil und Wolergehn gericht
Und solten nicht anjetzt die Thränen häuffig rinnen
Nun der ergrimmte Trd das Mutter-Hertze bricht?
Mit was vor Helden-Muth es alles überstanden
Bey vieler Kranckheit-Last doch mit Gedult gesiegt
Die Freyheit stets gezeigt auch in den Leibes Banden
Und sich an Gottes-Güt erfreuet und vergnügt
Fast nicht mein enges Blat; und meine Trauer-Zeilen
Verschwemmt
Wenn schon das Hertz verwundt welch Podalier kan heilen?
Es giebet Esculap in solchem Zufall nach.
Und niemand auffder Welt kan diese Thränen schelten
So umb das Mutter-Hertz der Kinder Pflicht vergaust
Die Lieb ist ungemein und diese Treu ist selten
So euer Mutter Hertz hat jeder zeit beweist.
Schenckt wieder ihr das Hertz zu einem Ehren-Grabe
Sie könte schöner nicht in Alabaster ruhn.
Diß Mutter-Hertz ist werth daß es viel Tempel habe
In Hertzen die ihm noch die letzten Dienste thun.
Es will der Julian aus Hertzen propheceyen
Und drauß erkündigen was künfftig kommen mag:
Jhr könt der danckbar’n Welt in Ohr und Hertzen schreyen
Daß euer Mutter-Hertz bey eurem Hertzen lag.
Der Lilgen Zwiebel ist am ähnlichsten dem Hertzen
Die Lilgen eures Ruhms der die sie erst gebracht.
Verbrennt Germanicus sein Hertz durch keine Kertzen;
Der Mutter Hertze wird zur Asch auch nicht gemacht.
Der Tugend Aloe beschützt es für dem Schimmel
Und eure Wehmuth muß der beste Balsam seyn.
Der Geist sucht Kercker-loß sein Vaterland den Himmel
Nichts als der Glieder Rest bedeckt der Leichen-Stein.
Man laß’ Egyptens Wahn von unsern Hertzen lehren
Daß es biß funffzig Jahr ein halbes Loth nimmt zu
Denn fängt es an die Zeit auch wieder zu zerstören
Biß daß es endlich gar kömmt zu der langen Ruh.
Ein grösser Wachsthum wird der Mutter Hertze haben
Als das mit eurem ist zusammen eingeprägt
Das immer lebend bleibt und eh’ nicht wird begraben
Als biß ihr Lebens-satt euch auch ins Grab gelegt.
Hochedle da sich schon der Mutter Augen schlossen
Und sich die Seel’ als Gast zum Abzug fertig fand
Hat sie nach ihrem Wunsch die Freude noch genossen
Daß eure treue Pflicht ihr stets zu Dienste stand.
Jhr habt den letzten Kuß von ihrem Mund empfangen
Die Augen zugedrückt so euch so offt erfreut.
Und unter vielem Weh’ Begierden und Verlangen
Sie nur voran geschickt ins Land der Ewigkeit.
Mausolens Ehgemahl trinck ihres Herren Asche:
Aus eurer Seele kommt der Mutter Name nicht.
Umbsonst daß Todte man mit theurem Balsam wasche
Der beste Narden ist ein unbefleckt Gerücht’.
Und wenn auf Gräbern viel die Nachwelt gibt zu lesen;
So sey die kurtze Schrifft zu diesem Grab gelegt:
Hie ruht ein Mutter-Hertz das nimmer kan verwesen
Weil es der Kinder Hertz lebendig in sich trägt.