Das Gewässer der Sündfluth ein Spiegel göttlicher Gerechtigkeit .

By Johann Justus Ebeling

Welch ein Schrekkens voller Spiegel,

wird uns an der Vorderwelt,

Die in Sünd und Frevel stekte, von

dir HERR! noch vorgestellt!

Da wir die Gerechtigkeit in den Was-

sern bildend sehen,

Die mit ihrer strengen Fluth, über alle Berge ge-

hen;

Schenk uns deines Geistes Flammen, da der kalte

Trieb erwacht,

Deinen Pfad in grossen Wassern, deines Eifers

strenge Macht

An der Sündfluth zu beschaun, die der Lüste Gluth

gekühlet,

Und der Laster stinkend Schlam, von der Erde ab-

gespület.

O! welch schrekliches Verderben, wird man in der

Welt gewahr,

Da die Unschuld ausgestorben, und die Bosheit

offenbar;

Da das Unkraut kaum gesät, bracht es gleich der

Bosheit Früchte,

Als es zu der Erndte reif machte es in Zorn zu-

nichte.

Wenn man mit betrübten Blikken, diese Vorder-

welt beschaut,

Die des weisen Schöpfers Güte, uns zum Para-

dies erbaut,

So sieht man, wie nach dem Fall, sich die Tugend

auch verlohren,

Da der ganz verdorbne Mensch, Menschen seiner

Art gebohren.

Das Geschlechte ward vermehret, Sünd und Bos-

heit häuften sich,

Da das Gift sich ausgebreitet, das der alten Schlan-

gen Stich

In den ersten Stam geflöst, welches denn in allen

Zweigen

Sich auch muste nach der Zeit, wie es durchge-

drungen zeigen.

Wie der Baum so sind die Früchte: Und daß dieses

leider wahr

Wies sich bei dem Lauf der Zeiten, an dem Men-

schen offenbahr:

Und das Aug das alles sieht, sahe die verdorbnen

Seelen

Wie sie aus verkehrter Lust, stat des Guten Bö-

ses wählen.

Dieser Zunder böser Lüste, brach in Geilheits Flam-

men aus,

Wo die Liebe sonst regierte, stürmte der Affecten

Braus;

Blinde Wuth und Raserei, aus dem inren Zorn

entglommen,

Und der giftig scheele Neid, waren in die Welt ge-

kommen;

Die verkehrte Eigenliebe zeugte ihre Hochmuths

Frucht,

Auch des Ehrgeizs Herschbegierde kam als eine Ot-

ter Zucht

Wilde Grausamkeit hervor, die befreit von ihren

Zügel,

In Verzweifelung durchbrach, der Gesezze heilge

Riegel.

Es ging alles durch einander, reine Unschuld ward

gedrükt,

Und die Tugend die sehr selten, ward mit aller

Macht erstikt,

Alle Ordnung ward verlacht, und die angelegten

Staaten,

Waren in Verwilderung, wie verwachsne Unkrauts

Saaten.

Dieses sah des Höchsten Auge, daß die arme Sterb-

lichkeit,

Die sein Wink wie Spreu zerstäubet, zu dem Un-

tergang bereit;

Es erwachete sein Grim, durch Gerechtigkeit ent-

flammet,

Alles dieses zu verheern, was aus Adams Lenden

stammet.

Der Gerichts Tag ward bestimmet, doch die ew-

ge Gütigkeit,

Sezte noch den wilden Sündern, eine lange Gna-

den Zeit

Da der Frommen dünne Zahl, und die sich bekeh-

ren wolten,

Bei dem strengen Zebaoth, ofne Arme finden sol-

ten.

Diese Zeit ward auch verschlossen: es war keine

Beßrung da

Und als noch des Höchsten Auge, schnöde Greul der

Bosheit sah.

Ließ er die zum Kasten gehn, die sein Allmachts

volles Walten,

Da sie von der Bosheit frei, wolte vor der Straf

erhalten.

Auf sein Winken kam das Wasser, das im tieffen

Erden Schooß

Und aus dem zerborstnen Schlünden, über alle Ufer

floß;

Es sprang sprudelnd in die Höh, aus dem hohl und

tieffen Quellen

Und must auf sein Macht Geheis, über Damm und

Riegel schwellen.

Dazu kam der Kreis der Lüfte, welcher sich zusam-

men zog;

So daß eine schwarze Wolke, nach der andern da-

her flog

Bis ein schneller Wolken Bruch seine aufgehaltnen

Flüsse,

Wie mit einen strengen Strom, ungeheurer Was-

ser Güsse

In den vierzig Schrekkens Tagen, unaufhörlich

regnen hieß,

Welch ein Anblik! da der Himmel seine Fenster öf-

nen ließ.

Um den Schaum der bösen Welt, von der Erde

weg zu schwemmen,

Der nicht als durch die Gewalt, im verdorbnen

Lauf zu hemmen;

Dieser glatte Fluthen Spiegel, stieg nun immer

in die Höh,

Und der Ball der troknen Erde, ward zur offenbah-

ren See.

Darin sich die helle Sonn der Gerechtigkeit be-

spiegelt,

Die die Fluthen rauschen ließ, welche sonst die Macht

verriegelt.

O! wie gings den Himmelsstürmern, die den Don-

ner ausgelacht,

Und des Grimmes feurig Blizzen, das des Höch-

sten Zorn aufwacht,

Wie ein Lustfeur angesehn; O! wie ging es den

Rebellen,

Die sich wie ein Hornis Heer, gegen

Wehre stellen.

Jhre Hizze ward gekühlet, als durch eine kalte

Fluth

Diese Wildheit ward gedämpfet; und der stolze

Frevel Muth.

Der wie Wasser schnell zerflos, fing bei diesen Un-

gewittern,

Wie ein bebend Espenlaub, an vor Furcht und Angst

zu zittern.

Jhre Sicherheit die taumelnd, die Gefahr zu spät

gesehn,

Lies bei dem erwachten Sinnen, zuerst bange Seuf-

zer gehn,

Drauf ein winselndes Geheul, in der trüben Luft

erthönte,

Da sich ieder Schrekkens voll, nach der Berge

Gipfel sehnte.

Welch ein klagend Händeringen! da der ungedämm-

te Fluß,

Rollend durch die Thäler drunge; da des Wetters

starker Guß

Jmmer mehr und mehr den Strom, mit der stren-

gen Fluth vergrössert;

So daß auch die steilen Höhn, schon zum Theil

ganz überwässert.

Mit dem Wachsthum kalter Ströme, wuchs bei

jeden auch die Noth;

Dieser ward von Furcht erblasset; jener fast vor

Schrekken todt;

Hie rang die Verzweifelung, die die Mörderin der

Seelen

Sie ward auf den Rath bedacht, wie sie kürzte Angst

und Quälen,

Sie trieb viele in die Tieffe, die sich in die Höh

gemacht,

Und der Wirbel strenger Wellen, hat sie auch bald

umgebracht;

Hie ward wiederum ein Theil, von der Hofnung

unterstüzzet,

Das in dem Gedanken stand, es wär sicher und

beschüzzet,

Wenn es auf die steilen Gipfel, höchster Berge sich

gesezt,

Da der Fluthen strenges Wallen, erst dem Mittel-

Theil benezt;

Endlich würde doch der Strom, wiederum zur Tief-

fe dringen,

Und der Berge höchste Spiz ihnen die Errettung

bringen.

Doch das ungedämmte Rauschen das noch immer

höher ging

Das ergrif mit seinen Wirbeln, auf des Allerhöch-

sten Wink,

Alles was sich nur aus Furcht, auf der Berge Spiz

verkrochen,

Als der Tieffen voller Schlund und der Wolken

Schlauch gebrochen.

Alles was noch Othem hatte, sah auf dieser Fluthen

Bahn,

Unsers

gel an.

Welch ein Anblik! da das Vieh mit entsezlich grau-

sen Brüllen

Schwimmend aus dem Waldern kam, und den

Durst der Angst zu stillen

Seinen Todt in sich verschlukte; da das leichte

Vogel Heer,

In der freien Luft ersäuffet, und ins überschwemm-

te Meer

Plözlich Hauffen weis hinfiel; da sie bei dem schnel-

len Regen,

Nicht vermocht der Flügel Kraft, ausgedehnet zu

bewegen.

Welch ein schrekliches Verderben! welch erbärm-

lich Trauerspiel!

Da der zahmen Heerd ein Regen starker Güsse über-

fiel,

Der sie welzend weiter trieb, da sie auf den brei-

ten Tieffen,

Bis das Wasser sie erstikt, blökend zu den Schöp-

fer rieffen.

Da ward eine See voll Todten, ja! ein rechtes

Todten Meer,

Hie flos eine Meng von Thieren, da von todten

Menschen her,

Die sich hie und da verstekt: aber vor der Fluthen

Rennen,

Das gewaltig niederreist, sich doch nicht erretten

können.

Die auf derer Berge Spizzen, ihre Sicherheit er-

wählt,

Da sie Furcht und banges Hoffen, länger als der

Todt gequält.

Wurden endlich durch den Strom, der die Gipfel

überschwommen,

Von der Angst schon halb entseelt, fürchterlich hin-

weg genommen.

Jhr Bemühen war vergebens, wenn sie sich zur

Höh bewegt,

Und mit schwimmenden Bestreben, auf die glatte

Fluth gelegt;

Weil das wirbelnde Gedräng aufgethürmter Was-

serwogen,

Sie doch wieder in den Grund, biß sie ganz erstikt,

gezogen.

So ward alles was gelebet, da des Höchsten Grim

entflammt

Durch gerechte Wasser Straffe, zu den jähen Todt

verdammt

Da des Noä sein Geschlecht mit dem aufbehaltnen

Thieren,

In dem Kasten

lich spüren.

Sünder! diese Straf Gerichte; sind euch in der Gna-

den Zeit,

Offenbahrte Warnungs Zeichen göttlicher Gerech-

tigkeit,

Lernet an der grossen Fluth, damit er die Welt ver-

heeret,

Was dem Bösen vor ein Lohn, auf ein böses Thun

bescheret.

Es sind seine Elemente, Ruthen die der Richter

nimmt,

Wenn man nicht bei wahrer Busse, in dem Salz

der Thränen schwimmt.

Lernet was vor ein Gericht, über unsre Erde schwe-

bet,

Die vor seines Eifers Grim, bei gedrohten Fall er-

bebet;

Ist die erste Welt im Wasser, wegen ihrer Schuld

versenkt;

So ist über unsre Erde auch ein gleicher Zorn ver-

hängt;

Da sie durch die Feuers Gluth, wie die Offenbahrung

lehret,

Wird zulezt noch fürchterlich, in das erste Nichts

verkehret.

Bei dem rauschenden Verderben lag die Welt in

Sicherheit,

Und auf seinen Hefen stille; so verflos die Gnaden

Zeit,

Möchte iezt die lezte Welt, wie in einen Spiegel

sehen,

Daß sie möchte eh es kommt, den gedreuten Fluch

entgehen.

Das ist des gerechten Wesens, fest gesezter Eifer

Schluß:

Daß auf ein gedrohtes Warnen, Rache langsam

folgen muß

Aber wenn sie endlich kommt; muß sie desto här-

ter quälen,

Und nach jeden Sünden Maas, auch das Maas

der Strafe zählen.

Wer die Warheit nicht will glauben, sehe nur mit

einen Blik

Auf der Sündfluth Wasserwogen, in die heilge

Schrift zurük:

So wird man die Warnungs Stimm, in dem

Strömen rauschen hören:

Es bestraft die Rache hart, die nicht von der Bos-

heit kehren.

Diese Lehre hat Exempel; alles Fleisches Unter-

gang

Macht die wüsten Adams Kinder, mit dem Straf

Gerichte bang,

Eilt, ihr Bösen eilet bald, noch bei Zeiten Gnad

zu finden,

Denn der Rache schneller Bliz brennt schon alles

anzuzünden.