Das Hünengrab.
Die Nacht ist heilig und hehr.
Dämmernd und schauernd und ahnend ist die
Nacht.
Im Mondlicht woget die düstere Waldung,
Im Mondlicht die Saat den Hügel hinan.
Wie die Unken läuten im Teich!
Wie die Nachtigallen den Busch durchflöten!
Liebliche Kühle durchwehet die Lüfte.
Die Maynacht ist duftig und thauig
und hehr!
Schweigt Nachtigallen! Unken schweigt!
Schauererinnerung umflistert mich.
Zwischen vier bemooseten Steinen,
Unter drey rauschenden Eichen sitz' ich
hier.
Über die vier moosbewachsnen Steine,
Über die drey rauschenden Eichen Fried' und Ruh!
Die ihr schlummert drunten, Helden, Herr-
liche,
Schlummert sanft, die ihr sanket in der
blutigen Schlacht!
Die Schlucht brüllte,
Der Wald brauste,
Das Meer tosete dumpf auf,
Als die Herrlichen fielen.
Sie fielen. Die Feinde frohlockten.
Verlassen weinten die Bräute.
Die Barden klagten. Die Übrigbliebnen
Thürmten das ehrekrönende Mahl.
Schlaft sanft, ihr Edelgefallnen.
Schlaft sanft im Ringe der Steine.
Schlaft sanft — oder steigt herauf
Mit der benarbeten Stirn, mit dem blut-
beströmeten Busen.
Steigt herauf, und reicht mir die Hand
Voll Schwielen für die Freyheit, die ich liebe,
wie ihr;
Ich, eurer Enkel einer,
Der Späteren, der Schwächeren einer!
Die Heldenzeiten sind vorüber,
Vertreten die Spuren der Ahnentugend,
Verstürme der Freyheit Donnerrufe,
Verbrüllt die Schlachten für das Vater-
land.
Knechtschaft umklirrt
Die Söhne der Freyen
Striemen der Despotengeissel
Brandmalen den Rücken der Heldensöhne.
Wo ist Biedersitte?
Wo sind Mädchenblöde und Jünglingsscham?
Begraben unter dem tausendjährigen Stein;
Begraben, oder Laut eines Mährleins.
Reiche mir, Braga, die Harfe! Reiche mir, Wodan,
das Schwert!
Ich fühle flammen in mir der Ahnen Tugend.
Bey den Edelgefallnen,
Bey der Eiche und dem Mahlstein, ich
schwöre der Ahnentugend.
Schwöre dir, Treue der Väter!
Schwöre dir, Keuschheit der Ahnen!
Schwöre der Thorheit unauslöschlichen Hass,
Ewige Liebe der Väter Einfalt und
Wahrheit!
Wie das Moos duftet! Wie die Eiche rauscht!
Wie der Rohrspaz läutet, und die Nachtigallen
flöten!
Der Mond lächelt aus versilberten Wolken,
Und die thautrunkene Saat wogt glän-
zend den Hügel hinan.