Das kalte und doch gesegnete Jahr 1740.

By Barthold Heinrich Brockes

In diesem sonderbaren Jahr, da man, nach siebenzehn

hundert Jahren,

Noch vierzig schrieb, hat unsre Fläch’ der Welt was sonder-

lichs erfahren.

DerWinter war entsetzlich kalt. Wie man sich nicht erinnern

kann,

Daß solches ehedem geschehen; fing er schon im October an,

Und währte bis im Junius; da sah man zwar kein Eis nicht

mehr,

Doch war so gar im Julius die Luft noch nicht von Kälte

leer.

Kein Regen fiel, kein Gras erschien. So wie die Kälte erst

gethan,

So hinderte die strenge Dürre, betrübt genug, nun auch

daran.

Wodurch das Vieh, so fast verkam, annoch in äusserster

Gefahr,

Vor Hunger umzukommen, war.

Ein nie erlebter Sommer folgt dem nie erlebten Winter

nach,

Da noch die ganz besondre Kälte sich selten nur verringert

hat.

Heut ist Bartholomäus Tag,

Und dennoch steht im Wetter-Glase die Kält’ auf drey und

dreißig Grad.

Den Frühling fühlt’ und sah man nicht. Es ist kein Som-

mer fast zu spühren.

Es scheint in diesem Jahre fast der Herbst den Winter zu

berühren,

Ohn’ Zwischen-Stand vom Lenz und Sommer. Er kömmt

schon allgemach herbey.

(gOtt gebe, daß die Witterung im selben angenehmer sey!)

Und dennoch, ob der Ackers-Mann fast alle Winter-Saat

verlohren,

Ob ihm so wohl die Winter-Gerst, als auch sein Weizen meist

erfroren;

So sieht man doch (ein wirklichs Wunder!) den Rocken, auch

die Sommer-Saat,

Nebst allen Früchten in dem Garten, zusammt den Früchten

auf dem Lande,

In einem solchen Ueberfluß, in einem solchen guten Stande,

Daß man, in vielen Jahren fast, dergleichen kaum gesehen

hat.

Ich kann von meinen eignen Früchten, hier mit Bewunde-

rung zu sprechen,

Zu künftiger Erinnerung, mit innrer Lust, mich nicht ent-

brechen.

Ich seh nicht nur auf meinem Acker den Rocken dicht, gerad’

und schön,

Die Aehren von besondrer Grösse, gefüllt mit groben Kör-

nern, steh'n;

Ich habe gar, da sonst die Aehre des Rockens nur vier Reihen

nähret,

An ihrer vielen sechs gezählt; so fast vom Rocken nicht

erhöret.

Wie denn von Gersten, Rocken, Bohnen fast überall das

ganze Land,

In recht besonderm Ueberfluß, bedecket und gesegnet stand.

Nun konnt’ ich, und ich kann auch noch hievon die Ursach’

nicht begreifen,

Wie doch, bey einer steten Kälte, die Früchte sich so können

häufen;

Da sonst, so wie die Menschen meynen, die Wärme meist der

Früchte Leben.

Nunmehr ist unser aller Wunsch: Der grosse Geber wolle

geben,

Daß, da die Erndte-Zeit vorhanden, die schönen Frücht’

auch mögen reifen,

Daß der nunmehr so öftre Regen den Schatz der Früchte

nicht vermindre,

Noch, durch zu viele Feuchtigkeit, die frohe Erndte nicht

verhindre,

Damit man den gezeugten Segen bey gutem Wetter möge

heben,

Und daß wir, wenn wir ihn bekommen, auch GOtt zu danken

uns bestreben;

Doch auch zugleich dabey erwegen, daß, da wir, trotz der

dürren, kalten

Und pftmahls nassen Witterung, doch so viel Heu und Korn

erhalten,

Es fast ein doppelt Wunder sey; in welchem man zugleich

entdeckt,

Daß in dem Wege der Natur ein’ offenbahre Warnung

steckt,

Daß wir nicht künftig, wie vorhin, bey unserer Gewohnheit

bleiben,

Der Erndte Segen unserm Fleiß und unsrer Arbeit zuzu-

schreiben,

Und denken, ohne daß wir uns der Huld des grossen Gebers

freuen,

Es sey des Himmels Schuldigkeit, die Erndte müsse wohl

gedeyen.

Auch laßt uns sonderlich hiebey zu überlegen nicht vergessen,

Was vor ein Schatz im Grase stecke, und seinen grossen

Wehrt ermessen.

Da dieses Jahr uns klar gezeigt, worauf man nimmer sonst

gedacht,

Daß, wenn nur bloß das Gras uns fehlte, nicht nur allein

die Thiere sterben;

Nein, aus der ganz gewissen Folge, wir selber müßten mit

verderben.

Lobsinget denn für Korn und Gras des Gebers weise Lieb’

und Macht!