Das Labyrinth der Zeit ...
Written 1697-01-01 - 1697-01-01
Der liebe Wohnung war zuerst das Paradieß
Ein Garten wo die Lust in Unschuld zu genießen.
Doch da des Apfels Kost sie aus demselben stieß
Und Adams Augen sich begunten auf zu schließen:
Da sah' er Even an und die versteckte sich
Er konte nicht die Spur der reinen Liebe schauen.
Die Sinnen schweifften aus und musten wunderlich
Sich selbst ein Labyrinth in ihrer Liebe bauen.
Der Liebe bindet man daher die Augen zu
Weil sie vergeßen hat den ersten Weg zu finden.
Der Gang ist ihr verdeckt; mit solcher Tugend Ruh
Kan man der Liebe Meer nicht wie in Eden gründen.
Die Liebe ward darauf ein Labyrinth der Zeit.
Denn wie ein Labyrinth mit Gängen wohl verstricket
Und so verwirrt gebaut daß gehet man zu weit
Man sich nur mehr vertiefft und nie das End erblicket:
So geht man auch vergnügt in Liebes-Garten nein;
Verwirrung folgt darauf. Die Liebe hat die Gänge
So wunderlich verbaut daß ob wir drinnen seyn
So irren wir dennoch die Quer und in die Länge.
Wir suchen was allhier nicht in Vollkommenheit
Die Rosen ohne Dorn die Eden hat getragen;
Und werden durch Betrug und Unvergnüglichkeit
Auf manchen falschen Weg der Liebes-Lust geschlagen.
Wir sind den Vögeln gleich wer hier ins Netze fliegt
Verwirrt die Flügel bald verwickelt leicht die Sinnen.
Wenn gleich der liebe Bau uns eußerlich vergnügt
So ists ein Labyrinth wo Arbeit gnug darinnen.
Ein Theseus lege wohl in Creta noch verstrickt
Wenn Ariadne nicht den Faden ihm gegeben.
Und sie hingegen blieb im Liebes-Garn berückt
Und muste sonder Hulf' und Theseus Liebe leben.
Die Liebe macht es so. Wie groß das Labyrinth
So in Egyptens Reich in Lemnos hat gestanden
Und das in Tuscia, so ein Porsenna spinnt:
So würcket Amors-Hand doch viel verwirrtre Banden.
Wenn jene Gärten sich vorlängst in Staub verkehrt
So wächst und grünet noch das Labyrinth der Liebe.
Es bringt der Zeiten Zahn der jene hat verzehrt
Aus diesem neue raus durch Hülffe unsrer Triebe.
Hier aber fällt mir gleich ein Labyrinth der Zeit
Ein solch Gebäude bey das Klugheit aufgeführet
Wo Wissenschafft den Grund und wo Gelehrsamkeit
Und ein beredter Kiel die Gänge hat gezieret.
Wo Helden Könige und große Leute stehn
Zu welchen uns die Kunst durch Ariadnens Faden
Durch kluge leitung führt und das wir blühen sehn
In der gelehrten Welt und ihrem Bücher-Laden.
Das aller Zeiten Macht durch Ruhm und Flor besiegt
Dadurch ein edler Mann die Musen sich verbindet
Und ein verdientes Lob ein Edler Gleditsch kriegt
Dem manch vortrefflich Buch viel Ehren-Kräntze windet.
Hochwehrtgeschätzter Freund dein frohes Hochzeit-Fest
Erlaubet mir vieleicht daß ich mit Amors Reiche
In dessen Garten dich nun Venus steigen läst
Ein Labyrinth im Schertz und auch im Ernst vergleiche.
Ein solches Labyrinth muß deine Liebe seyn
Darinnen sich dein Geist in dem er da spatzieret
Und sich in das vertieft was ihm so ungemein
Und er noch nie gesehn gantz unvermerckt verliehret.
In Holland hast du zwar viel artiges erblickt
Das voller Schertz und Lust und gut genung zu heißen.
Cupido aber ließ dich dennoch unbestrickt
Vor Liebe woltest du kein Mägdgen da nicht beißen.
In Franckreich giengest du um deine kleine Welt
In dieser großen schön und herrlich aus zuschmücken.
Es war dein gantzes Thun geschickt und wohl bestellt
Dein Absehn aber nicht die Liebe da zu drücken.
Wie mancher Teutscher hat in Franckreich sich verirrt
Daß denn Verstand und Glück im Labyrinth geseßen?
Ein Creta ist daselbst und manche Schönheit wird
Der fremden Gut und Blut gleich Minotauren freßen.
Nein Edler Gleditsch nein du warest zwar galant,
Doch klug und liefest nicht in diesen Schönheits-Garten
Wo Rosen denen längst die Knospen aufgerannt
Die auf den stehen Bruch von allen Völckern warten.
Der Himmel hatte dir was bessers ausersehn
Und ließ dich voller Ruhm von jenen Liljen reisen
Die den geprägten gleich durch aller Hände gehn
Dir in der Vaters-Stadt was edlers anzuweisen.
Wer dich ein Labyrinth, galantes Leipzig nennt
Wo bey der großen Zahl der Schön- und Seltenheiten
Man leichtlich irre wird und so genau nicht kennt
Wem unter allen doch der Vorzug an der Seiten
Der saget was bekandt und deine Pracht verdient
Und wird geliebter Freund dein Glück im lieben rühmen
Da dein Vergnügen itzt in einem Garten grünt
Den Anmuht Sittsamkeit und Tugenden beblümen.
Diß Lust-Gefülde heist die edle Böttcherin.
Der bloße Nahme wird dein zartes Hertz entzücken
Und ihre Trefflichkeit führt deinen Geist und Sinn
In so ein Labyrinth das zaubrend kan bestricken.
Dein Auge sah' an Ihr die schönen Augen an
Verstand und Lieblichkeit Geschlecht und schöne Sitten
Du wurdest unvermerckt auf diesem Liebes-Plan
Mit tausend Regungen verwickelt und bestritten.
Hier an dem schönen Ort aus Amors Trieb und Krafft
Lagst du so Tag als Nacht gefangen in Gedancken.
Wenn seufzest du das Glück mir mein Ergetzen schafft
So schließet es mich selbst in diese Liebes-Schrancken.
Sind in diß Labyrinth Gedancken Hertz und Geist
Zu meiner Böttcherin die mich mit Anmuht bindet
In Garten meiner Lust die Sinnen stets verreis't
So will ich daß man mich bey ihr beglücket findet.
Die Tugend kam hierauf und sprach zu der Natur:
Du würdest ohne mich im Labyrinthe bleiben.
Komm gib mir Aug' und Hertz so zeig' ich dir die Spur
Wo lieben sonder Schuld und unverwirrt zu treiben.
Nun führt sie dich mein Freund durch ihre Himmels Hand
Aus diesem Labyrinth, das eitle Liebe bauet
Zum Liebes Paradieß; so heißt der Ehestand
Wo man die Liebe klug und voller Tugend schauet.
Ein reicher Seegen fließt sonst auf ein edles Paar.
Dich wolle Gottes Huld zum Seegens-Erben setzen.
Die Liebe werde dir was sie erst Adam war
Ein reines Paradieß im Wohlseyn und Ergetzen.