Das Labyrinth der Zeit ...

By Christian Friedrich Hunold

Written 1697-01-01 - 1697-01-01

Der liebe Wohnung war zuerst das Paradieß

Ein Garten wo die Lust in Unschuld zu genießen.

Doch da des Apfels Kost sie aus demselben stieß

Und Adams Augen sich begunten auf zu schließen:

Da sah' er Even an und die versteckte sich

Er konte nicht die Spur der reinen Liebe schauen.

Die Sinnen schweifften aus und musten wunderlich

Sich selbst ein Labyrinth in ihrer Liebe bauen.

Der Liebe bindet man daher die Augen zu

Weil sie vergeßen hat den ersten Weg zu finden.

Der Gang ist ihr verdeckt; mit solcher Tugend Ruh

Kan man der Liebe Meer nicht wie in Eden gründen.

Die Liebe ward darauf ein Labyrinth der Zeit.

Denn wie ein Labyrinth mit Gängen wohl verstricket

Und so verwirrt gebaut daß gehet man zu weit

Man sich nur mehr vertiefft und nie das End erblicket:

So geht man auch vergnügt in Liebes-Garten nein;

Verwirrung folgt darauf. Die Liebe hat die Gänge

So wunderlich verbaut daß ob wir drinnen seyn

So irren wir dennoch die Quer und in die Länge.

Wir suchen was allhier nicht in Vollkommenheit

Die Rosen ohne Dorn die Eden hat getragen;

Und werden durch Betrug und Unvergnüglichkeit

Auf manchen falschen Weg der Liebes-Lust geschlagen.

Wir sind den Vögeln gleich wer hier ins Netze fliegt

Verwirrt die Flügel bald verwickelt leicht die Sinnen.

Wenn gleich der liebe Bau uns eußerlich vergnügt

So ists ein Labyrinth wo Arbeit gnug darinnen.

Ein Theseus lege wohl in Creta noch verstrickt

Wenn Ariadne nicht den Faden ihm gegeben.

Und sie hingegen blieb im Liebes-Garn berückt

Und muste sonder Hulf' und Theseus Liebe leben.

Die Liebe macht es so. Wie groß das Labyrinth

So in Egyptens Reich in Lemnos hat gestanden

Und das in Tuscia, so ein Porsenna spinnt:

So würcket Amors-Hand doch viel verwirrtre Banden.

Wenn jene Gärten sich vorlängst in Staub verkehrt

So wächst und grünet noch das Labyrinth der Liebe.

Es bringt der Zeiten Zahn der jene hat verzehrt

Aus diesem neue raus durch Hülffe unsrer Triebe.

Hier aber fällt mir gleich ein Labyrinth der Zeit

Ein solch Gebäude bey das Klugheit aufgeführet

Wo Wissenschafft den Grund und wo Gelehrsamkeit

Und ein beredter Kiel die Gänge hat gezieret.

Wo Helden Könige und große Leute stehn

Zu welchen uns die Kunst durch Ariadnens Faden

Durch kluge leitung führt und das wir blühen sehn

In der gelehrten Welt und ihrem Bücher-Laden.

Das aller Zeiten Macht durch Ruhm und Flor besiegt

Dadurch ein edler Mann die Musen sich verbindet

Und ein verdientes Lob ein Edler Gleditsch kriegt

Dem manch vortrefflich Buch viel Ehren-Kräntze windet.

Hochwehrtgeschätzter Freund dein frohes Hochzeit-Fest

Erlaubet mir vieleicht daß ich mit Amors Reiche

In dessen Garten dich nun Venus steigen läst

Ein Labyrinth im Schertz und auch im Ernst vergleiche.

Ein solches Labyrinth muß deine Liebe seyn

Darinnen sich dein Geist in dem er da spatzieret

Und sich in das vertieft was ihm so ungemein

Und er noch nie gesehn gantz unvermerckt verliehret.

In Holland hast du zwar viel artiges erblickt

Das voller Schertz und Lust und gut genung zu heißen.

Cupido aber ließ dich dennoch unbestrickt

Vor Liebe woltest du kein Mägdgen da nicht beißen.

In Franckreich giengest du um deine kleine Welt

In dieser großen schön und herrlich aus zuschmücken.

Es war dein gantzes Thun geschickt und wohl bestellt

Dein Absehn aber nicht die Liebe da zu drücken.

Wie mancher Teutscher hat in Franckreich sich verirrt

Daß denn Verstand und Glück im Labyrinth geseßen?

Ein Creta ist daselbst und manche Schönheit wird

Der fremden Gut und Blut gleich Minotauren freßen.

Nein Edler Gleditsch nein du warest zwar galant,

Doch klug und liefest nicht in diesen Schönheits-Garten

Wo Rosen denen längst die Knospen aufgerannt

Die auf den stehen Bruch von allen Völckern warten.

Der Himmel hatte dir was bessers ausersehn

Und ließ dich voller Ruhm von jenen Liljen reisen

Die den geprägten gleich durch aller Hände gehn

Dir in der Vaters-Stadt was edlers anzuweisen.

Wer dich ein Labyrinth, galantes Leipzig nennt

Wo bey der großen Zahl der Schön- und Seltenheiten

Man leichtlich irre wird und so genau nicht kennt

Wem unter allen doch der Vorzug an der Seiten

Der saget was bekandt und deine Pracht verdient

Und wird geliebter Freund dein Glück im lieben rühmen

Da dein Vergnügen itzt in einem Garten grünt

Den Anmuht Sittsamkeit und Tugenden beblümen.

Diß Lust-Gefülde heist die edle Böttcherin.

Der bloße Nahme wird dein zartes Hertz entzücken

Und ihre Trefflichkeit führt deinen Geist und Sinn

In so ein Labyrinth das zaubrend kan bestricken.

Dein Auge sah' an Ihr die schönen Augen an

Verstand und Lieblichkeit Geschlecht und schöne Sitten

Du wurdest unvermerckt auf diesem Liebes-Plan

Mit tausend Regungen verwickelt und bestritten.

Hier an dem schönen Ort aus Amors Trieb und Krafft

Lagst du so Tag als Nacht gefangen in Gedancken.

Wenn seufzest du das Glück mir mein Ergetzen schafft

So schließet es mich selbst in diese Liebes-Schrancken.

Sind in diß Labyrinth Gedancken Hertz und Geist

Zu meiner Böttcherin die mich mit Anmuht bindet

In Garten meiner Lust die Sinnen stets verreis't

So will ich daß man mich bey ihr beglücket findet.

Die Tugend kam hierauf und sprach zu der Natur:

Du würdest ohne mich im Labyrinthe bleiben.

Komm gib mir Aug' und Hertz so zeig' ich dir die Spur

Wo lieben sonder Schuld und unverwirrt zu treiben.

Nun führt sie dich mein Freund durch ihre Himmels Hand

Aus diesem Labyrinth, das eitle Liebe bauet

Zum Liebes Paradieß; so heißt der Ehestand

Wo man die Liebe klug und voller Tugend schauet.

Ein reicher Seegen fließt sonst auf ein edles Paar.

Dich wolle Gottes Huld zum Seegens-Erben setzen.

Die Liebe werde dir was sie erst Adam war

Ein reines Paradieß im Wohlseyn und Ergetzen.