Das Lehrreiche Winter Grün.

By Johann Justus Ebeling

Die Welt ist weiß zur Winterszeit,

Und in dies bleiche Todtenkleid,

Ist alles gleichsam eingehüllet;

Die Luft ist schwärzlich angefüllet

Mit Dünsten, und ihr hell Revier,

Kommt uns, als wie ein Zimmer für,

Darin die Wände und die Bogen,

Mit schwarzen Trauer-Flor bezogen.

Erbärmlich Bild! der Erden Reich,

Ist einem Sterbaewölbe gleich,

Worin der kalte Todt regieret,

Das was im Sommer schön gezieret,

Da unsre Erd ein Freudenthal,

Ist nun im Winter blaß und kahl;

Der Bäume Schirm, der sie umlaubet,

Ist durch den Frost hinweggeraubet.

Der grünen Gipfel schöner Kranz,

Und der smaragdnen Blätter Glanz

Ist hin: die Aeste die wir schauen,

Erwekken uns ein banges Grauen:

Der Büsche Kronen gleiche Pracht,

Wird wie ein wilder Strauch geacht,

Da sich die Spizzen an den Hekken,

Wie starr und kahle Klauen strekken.

Der Erden zugefrorner Schoos,

Zeigt nichts als ein verfaultes Moos,

Daran des Todes Farbe lehret,

Daß es schon zur Verwesung kehret.

So ist im Reiche der Natur,

In Gärten, Wiesen, Wald und Flur,

In Schnee und Eis erstarrt, erfroren,

Was in den Frühling wird gebohren.

Jedoch so todt die blasse Welt,

Die durch den kalten Nord verstellt;

So war dennoch bei vielen Leichen,

Noch hie und da ein Freudenzeichen.

Man fand noch manches Wintergrün,

Das aus den weissen Schnee her schien,

Der Hofnung Bild, lies sich noch sehen,

In tieffen Thälern, auf den Höhen.

Es schien durch ein versteinert Eis,

Zu unsers Schöpfers Ruhm und Preis,

Das grüne Keimgen auf den Feldern;

Die fette Fichte in den Wäldern,

Der Taxus, hielten bei den Druk,

Der kalten Lust doch ihren Schmuk;

Am Meeres Ufern, an den Flüssen,

Sah man ein grünes Graß auch spriessen.

Der Felder Grün gab diese Lehr: Ich keime zu des Schöpfers Ehr,

Der vor des Frostes kalten Stürmen,

Die Saat weis weislich zu beschirmen.

Ein weisser Pelz von Frost gewebt,

Der flokkigt ist, und um uns klebt,

Muß unsre Lebensglut erhalten:

O Menschen seht der Vorsicht walten.

Ein Bild von Menschen deren Glück,

Bei hart und wiedrigen Geschick,

Nicht welket, und erblaßt verdirbet,

Vielmehr noch neuen Wuchs erwirbet.

Die Hofnung wird im Kreutz gestärkt,

O! wol dem, der das gläubig merkt,

Der wird bei des Verhängnis Plagen,

Nicht über sein Verderben klagen.

Ein Fichtenwald, ein Lorbeer Hain,

Läst seiner grünen Blätter Schein,

Sich nicht bei Schnee und kalten Reiffen,

Als einen welken Schmuk abstreiffen.

Sie blühen auch im Winter schön,

Und lassen uns ein Denkbild sehn

Von Menschen die die Aendrung hassen,

Und sich durch nichts verwandeln lassen.

So lang die Glükkes Sonne lacht,

Und ihrer Strahlen heitre Pracht,

Mit Lust und Anmut uns erquikket;

So blühen wir: wenn Noth uns drükket,

So fält die Hofnung gleich dahin:

Allein wer auch den frohen Sinn

Den Muth bewahrt vor bangen Schmertze,

Zur Zeit der Noth, der hat ein Herze.

Der Taxus grünet auch im Schnee,

Und prangt in majestätscher Höh

Gleich aufgestellten Ehrensäulen;

Die Wolken drohen ihn mit Keilen,

Ein Schnee Gestöber stürtzt herab,

Allein er blüht in seinem Grab,

Jhn ziert den Frost, wenn Schnee und Reiffen,

Jhn wie mit Silber überhäuffen.

Das Herz wird durch das Aug erwekt,

Wenn es des Taxus Grün entdekt;

Mir deucht es wol uns solches weisen,

Wie man auch muß im Leiden preisen,

Den

Wer unter harten Druk vergnügt,

Gleicht einem Taxus der beschneiet,

Und wie mit Zukker überstreuet.

Wie lieblich scheint es wenn das Gras,

Durch ein gefrornes Spiegel Glas,

Durch Eis davon ein Flus bebrükket,

Mit seinen grünen Spizzen blikket.

Es ist, als wenn hier Schilderei,

Mit dem Kristall bedekket sey,

In Spiegelrahmen eingefüget,

Wohinter sie verwahret lieget.

O! schönes Bild! das uns abmahlt,

Die Tugend die viel heller strahlt,

Wenn sie mit Leiden ist gezieret,

Und unterm Kreutze recht probiret.

Das Gras das in dem Flusse schwimmt,

Ist gleich dem, der zur Saat bestimmt

Die zwar in Thränen ausgesäet,

Doch Freudenreich wird abgemähet.

Des Winters Grün auf Erd und Meer,

Giebt uns zuletzt noch diese Lehr:

Die Noth wird immer noch vermindert,

Wenn man nur Hofnung hat, die lindert.

Dies lehret uns es kommt die Zeit,

Da alles blüht in Heerlichkeit:

Die Hofnung zeiget uns imgleichen,

Die Lust, wenn trübe Stunden weichen.