Das lob der Silvia, eines gewesenen frauenzimmers in L. G. L.
Geliebte poesie! mein schönstes zeit-vertreiben!
Wofern ich künfftig soll dein grosser freund verbleiben,
So gieb mir diesesmahl vollkommne wörter ein,
Wie meine Silvia recht kan beschrieben seyn.
Doch welcher fremde thon bestrafet diß verlangen?
Und spricht: Verwegner mensch! du bist zu weit gegangen,
Dein bitten ist umsonst, wo der betrogne kiel
Die menschen fahren läst, und engel mahlen will.
Der lobspruch, welchen wir in reime können fassen,
Wird die vollkommenheit gar selten sehen lassen.
Und dessentwegen ist die Silvia galant,
Weil ihre trefflichkeit den wenigsten bekannt.
Ja, liebste poesie! ja freylich ist dein schelten
Gantz billich und gerecht; Doch laß michs nicht entgelten!
Ich soll und muß es thun, daß alle welt versteht,
Wie weit die Silvia mit ihrem lobe geht,
Da eine schlechte hand, die sie kaum angerühret,
So viel vortrefflichkeit in kurtzer zeit gespüret.
Hat man den himmel doch in kupffer abgedrückt,
Den noch kein menschen-kind von ferne nur erblickt;
Kan ein geübter mund gantz ungehindert sagen,
Was sich am letzten theil der erden zugetragen,
Den er noch nie gesehn; Zeigt ein stock-blinder mann
Die farben offtermahls am allerbesten an;
So will ich ebenfalls von den erhobnen gaben
Der edlen Silvia ein blindes urtheil haben.
Es hat ihr die geburth schon so viel ruhm gebracht,
Als man bey andern kaum im sterben kundbar macht.
Selbst die natur hielt sie vors beste meister-stücke,
Darüber eyferte das blinde weib, das glücke,
Und nahm ihr alsobald den, welcher sie gezeugt;
Wie wurde Silvia durch diesen fall gebeugt!
Die augen machten sich zu lauter thränen-quellen,
Das hertze wuste nichts als jammer vorzustellen.
Allein der himmel sprach: Mein engel! weine nicht,
Der schaden, welcher dir durch diesen fall geschicht,
Ist schon durch mich ersetzt. Ein unvergnügter morgen
Hat öffters hinter sich den schönsten tag verborgen.
Wenn deine jugend schon an sturm und wind gewohnt,
So bleibt des alters kern von mancher noth verschont.
Die perle würde nicht so grossen werth erlangen,
Wo sie durchs wasser nicht viel kostbarkeit empfangen;
Drum wird bey Silvien der angenehmste schein
Auch durch den thränen-fall gar leicht zu sehen seyn.
Sie soll noch als ein schatz und kleinod dieser erden,
Dem geist und leibe nach gantz unvergleichlich werden.
Diß alles ist fürwar nach dieser zeit erfüllt:
Die augen find allhier des himmels ebenbild;
Darinnen aber muß ihr noch der himmel weichen,
Dort ist ein eintzig licht, hier sind zwey solche zeichen.
Wer diesen sonnen sich nun gar zu nahe macht,
Wird wie durch einen blitz um sein gesicht gebracht.
Und wo es wahr verbleibt, was man sonst pflegt zu sagen:
Man müsse sich ins hertz durch diese pforten tragen,
So kan ich, Silvia! nicht in dein hertz hinein,
Der eingang scheinet mir voll von gefahr zu seyn.
Ich würde mich traun selbst der letzten noth bestimmen,
Und aus verwegenheit verbrennen und verglimmen.
Die farbe, welche sich im angesichte zeigt,
Sieht wie ein neuer schnee, roth ist sie nicht geneigt.
Und dieses kommt daher, weil wir, wenn wir uns schämen,
Die röthe meistentheils ins angesichte nehmen;
Doch meine Silvia hat selten was gethan,
Das sie vor dieser welt zur scham bewegen kan.
Drum darff ihr wangen-feld auch nimmermehr erröthen,
Und die erhöhte stirn ist frey von allen nöthen.
Der allerliebste mund sieht blos darum so klein,
Weil die geheimnisse der seelen gantz allein
In seiner macht beruhn, die er wohl muß verwahren,
Und einen kleinen platz vor ihren ausgang sparen.
Wenn diß gemeine thor bißweilen offen steht,
Und ein subtiler ritz zu dem verborguen geht,
So sieht man ohngefähr zwey dutzent weisse säulen,
Die sich von osten an gantz biß nach westen theilen.
Am kinne lässet sich ein kleines wärtzgen sehn,
Das ist, so viel man mir gesagt, darum geschehn:
Als unlängst die natur spatzieren gehen solte,
Und hier in dieser stadt genau erforschen wolte,
Wer von den damen wohl die allerbeste sey?
So brachte man alsbald die Silvia herbey.
Die war vor andern nett, galant, manierlich, schöne,
Drum machte die natur bey ihr ein
Sie legte gantz subtil ein pünetgen auf das kinn,
Und sprach: Man ruffet mich zu andern örtern hin;
Doch laßt das zeichen stehn, damit ich dich geschwinde,
Wenn mir was schönes fehlt, hernachmals wieder sinde.
Nun möcht’ ich der natur gern einen possen thun;
Drum wolte Silvia in meinem willen ruhn?
So würd’ ich tag für tag ihr
Biß dieses zeichen gantz verwischet und zerrissen.
Doch ob man dieses gleich als wunder-wercke preißt,
So weiß ich doch gewiß, es sieht der edle geist
Noch tausendmahl so schön. Die innersten gemächer
Sind meistentheils galant, wenn äusserlich die dächer
In vollem putze stehn. Zwar bey der Silvia
Ist, wo ich rathen darff, der einzge mangel da,
Daß sie die tugenden, so viel sie kan, verstecket,
Und dergestalt davon das wenigste entdecket.
Doch wie ein heller glantz auch durch die wolcken bricht,
So nimmt uns Silvia das allerminste nicht.
Es weiß die halbe welt, daß wir bey unsern linden
An ihrer artigkeit das gröste kleinod finden.
Ein fremder, welcher sonst allhier den gantzen ort,
Doch sie noch nie gesehn, zieht schwerlich weiter fort.
Man saget: Daß bey ihr ein wechsel sey geschehen,
Und daß zur selben zeit die welt nicht recht gesehen,
Da sie den schönsten geist, den kaum der zehnte mann
Recht voll und unverfälscht bey sich verspühren kan,
In einen solchen leib aus unverstand begraben,
Der sonst aus schwachheit nur will halbe seelen haben.
Sie zündet auf einmahl viel hundert seelen an,
Doch ihrem hertzen hat kein fünckgen leid gethan.
Sie fordert ein altar, das blos zu ihren ehren,
Den ausgestreuten rauch des opffers soll verzehren.
Ein abgenützter heerd, ein falscher opffer-knecht,
Und flüchtger weyrauch sind der Silvia zu schlecht.
Daher ist, wie mich deucht, auch dieser vorsatz kommen,
Daß sie bißher noch nie ein opffer angenommen.
Wers aber nicht versteht, wohin diß absehn zielt,
Der spricht: Die Silvia hat lauter falsch gespielt;
Es können uns dabey die augen und die minen,
Und alles, was an ihr, zur sichern nachricht dienen.
O schade! daß sie nichts von der barmhertzigkeit
Bey andern mercken läßt; da gleichsam sonst ein streit
Von allen tugenden in ihrer brust zu finden,
Da immer eine will die ander’ überwinden.
Doch diese mißgunst legt sich bald gefangen hin,
So bald sich Silvia recht dencket zu bemühn.
Denn ihre tugend macht, als wie der strahl vom lichte
Die augen und das hertz der eulen, gantz zu nichte.
Sie als ein weibs-volck hat so viel autorität,
Daß ihr kein laster-freund gern an der seiten steht.
In ihrer stirnen ist ein merckmahl eingegraben,
Davor die kühnheit selbst ein schrecken muste haben.
Was sonst durch sauer-sehn und fluchen kaum geschicht,
Das wird durch einen winck bey Silvien verricht.
Mit diesem lernet sie die welt zu allen dingen
Biß zur unmöglichkeit mit leichter mühe zwingen.
Hier fällt mir etwas ein, das fast unglaublich scheint:
Die Silvia ist doch dabey ein demuths-freund,
Und wird den blumen gleich: Je höher solche steigen,
Je tieffer sie den kopff hin zu der erden neigen.
Was fremde leute fast zu der erstaunung führt,
Dadurch wird Silvia am wenigsten gerührt.
Sie hält nichts von sich selbst: Je mehr sie weiß und lernet,
Je mehr verbleibt ihr hertz von hochmuth weit entfernet.
Jhr bester zeit-vertreib ist eine kluge schrifft,
Mit diesem hat sie schon viel löbliches gestifft.
Jhr denckmahl wird zuerst durch dieses bücher-lieben
Selbst in das grosse buch der ewigkeit geschrieben.
Vors andre schämet sich auch mancher musen-sohn,
Daß die gelehrsamkeit bey einer weibs-person
Mehr als bey ihm vermag, und wünschet ihrentwegen
Auf ein gelehrtes werck sich ebenfalls zu legen.
So dienet Silvia dem nächsten und der welt.
Doch welcher diß an ihr vor’s allerbeste hält,
Betrüget sich gar sehr: Sie bleibet auch darneben
Der wahren frömmigkeit im höchsten grad ergeben.
Die bleibet der compaß, so ihre lebens-farth,
Biß sie zum hafen kommt, vor aller noth bewahrt.
Durch diese gantz allein kan sie schon auf der erden
Zum engel, und ihr kuß zum paradiese werden.
Wer Silvien nicht kennt, der geh ins gottes-haus,
Dahin kommt sie zuerst, und geht zuletzt heraus.
Da läßt sie alle noth, durch singen und durch beten,
In wahrer heiligkeit von ihrer seelen treten.
Doch wenn du dieses thust, geliebte Silvia!
So stehen offtermals viel hundert andre da,
Die gar nicht heilig sind, die sich an dir vergaffen,
Die bald das achsel-band in kluge falten raffen,
Bald rock und krause ziehn, bald die perruque drehn,
Bald ihren schnupff-toback, bald sonsten was besehn,
Und die den feder-busch, der Silvia zu ehren,
In einer predigt mehr als hundertmahl verkehren.
Ich selbsten geh manchmal in diese - - schul,
Da bist du prediger, mein hertz der predig-stuhl.
Drum wenn das amen kommt, so schein ich gantz bethöret,
Und habe viel gesehn, doch nichts dabey gehöret;
In vorbitt und gebet seufftzt meine brust allein:
Gott lasse Silvien vollkommen glücklich seyn!
Daher geschicht es auch, daß ihr nicht etwas fehlet,
Und daß kein schwacher geist die muntre seele quälet.
Wiewohl, wenn Silvia gleich nicht so glücklich wär,
So würde doch dabey ihr lustiger
Gantz unverändert stehn. Wie sie bey guten tagen
Die zugedachte lust weiß mäßig zu vertragen;
So wird im trauren auch nichts übriges gespührt,
Kein unfall geht so weit, daß er ihr hertz berührt.
Sie stemmt den matten leib auf seine sorgen-säulen,
Der geist hingegen mag die himmels-lufft zertheilen.
Jhr sinnbild ist ein schiff, das zwischen wellen steht,
Und selbsten noch nicht weiß, wohin sein lauffen geht;
Darinnen sitzt ein kind, das keine ruder lencket,
Auf keine winde sieht, an keine nothdurfft dencket,
Mit dieser überschrifft: Wohin der himmel will!
Erleuchte Silvia! hierinnen thust du viel.
Die feder ist zu schlecht, dich gnug heraus zu streichen,
Du hast darinnen wohl gar wenig deines gleichen.
Hier aber stock’ ich fast, galaute Silvia!
Ich suche noch etwas, doch dieses ist nicht da.
Und meinest du vielleicht, daß ich blos mit dir schertze,
So sage mir doch nur, wo hast du denn dein hertze?
Ich habe dich nun fast fünff jahre schon gekannt,
Auch andre haben dich viel tausendmahl genannt.
Doch niemand unter uns erkühnt sich zu beschreiben,
Wie du im hertzen siehst, es will verborgen bleiben.
Heißt es etwan mit dir, wie man sonst öffters spricht:
Mein kind ist gut, allein ihr hertze tauget nicht?
Nein, nein! wie reimt sich das zu deinen andern thaten?
Ich werde, wie mich deucht, die sache so errathen:
Dein hertz verbleibt ein schatz, der fast verriegelt ist,
Und den kein bloses wort, kein bloser blick aufschließt.
Es ist das paradies, zu dessen lustbarkeiten
Jm dencken ihrer viel, im wercke wenig schreiten.
Diß heiligthum soll nur ein hoherpriester sehn,
Wie in der alten welt beyn Juden ist geschehn;
Und wer das amt verlangt, der muß nebst andern gaben
Nach recht und billigkeit vornehmlich diese haben:
Er muß verständig seyn; sonst lebt er wie ein rind,
An dessen seite zwar die grösten schätze sind,
Das aber nimmermehr derselben werth ergründet,
Und also größre lust bey stroh und miste findet.
Er muß ein bücher-freund und ein gelehrter seyn;
Sonst raumt ihm Silvia die herrschafft schwerlich ein.
In ungelehrter hand würd’ ihre klugheit sterben,
Und mit der klugheit sonst auch manche lust verderben.
Er muß beständig seyn; Denn wo sie einen ehrt,
Der lieb und treue mehr, als wohl sein kleid, verkehrt;
So sag’ ich: Silvia hat nun so offt gewehlet,
Und beym beschlusse doch im nöthigsten gefehlet.
Doch wenn der rechte kommt, der ihr das hertze nimmt,
So hab ich ihm vor mich die freundschafft schon bestimmt;
Vielleicht wird er alsdenn nicht allzu viel verschweigen,
So kan ich auch ihr hertz in meinen versen zeigen.