Das Menschliche Auge als ein Wun- derspiegel der Gottheit.

By Johann Justus Ebeling

So wie GOtt, des Lichtes Bronnen,

Als hat das Auge dieser Welt,

In dem feurgen Rund der Son-

An das Firmament gestellt:

So hat er auch an den Höhen,

Einer kleinen Welt ersehen;

An dem menschlichen Gesicht,

Ein recht herrlich Sonnenlicht.

Dieses sind die zwo Kristallen,

Die in unsern Haupte stehn,

Dadurch rege Strahlen prallen,

Die bis ins Gehirne gehn:

Dadurch wird der Leib erhellet,

Und der Seelen dargestellet,

Was der Erd und Himmelsbau,

Uns vor Schönheit legt zum Schau.

Sieht man in den weiten Grenzen,

Unsers Schöpfers Herrligkeit,

Aus der Sonnen Spiegel glänzen,

Deren Anblik uns erfreut;

So strahlt auch aus dem Gesichte

Aus dem hellen Augenlichte

Unsers grossen Schöpfers Zier,

Dessen weise Macht herfür.

Dieses klärlich zu beweisen

So bedenket und erwegt,

Was in zwey so kleinen Kreisen,

Was in aller Welt zu finden,

Muß sich hier gleichsam verbinden;

Dadurch blikt die Seele an,

Alles was man finden kan.

Was sehr gros, sich weit ausbreitet,

Selbst das breite Firmament,

Wird ins Auge eingeleitet;

Und die Sonne die dran brennt,

Die ein Körper dessen Strahlen,

Ungeheure Zirkel mahlen;

Nichts kann so vergrössert seyn,

Unser Auge schließt es ein.

Dieses Fernglas unsrer Seele,

Unsrer Augen doppelt Rund,

Lieget in zwiefacher Höle,

Stekt in einem tieffen Grund,

Lenkt sich zu der Nerven Quelle

Zum Gehirn, alwo die Stelle

Da es seinen Ursprung nimt,

Weil es für dem Geist bestimmt.

Man kann an dem innren Wesen,

An der äusren Einrichtung,

Weil wir mit Bewunderung

Ein recht künstliches Verbinden,

Vieler kleinen Theile finden,

Woraus sichtbarlich erhellt,

Wer dies Kunstwerk so gestellt.

Jedes Aug in seinem Fache,

Ist mit Knochen woll versezt,

Liegt als unter einem Dache,

Daß es bleibe unverlezt;

Es liegt unter einem Bogen,

Der mit Haaren überzogen,

Daran noch ein Vorhang hängt,

Der sich auf und abwerts lenkt.

Wie gar leicht verderben Glieder,

Die so künstlich, klein und zart;

Darum sind sie hin und wieder,

Oben, unten woll verwahrt.

Diese Fenster haben Laden,

Daß kein Zufal könne schaden;

Diese ziehn in einem Nu,

Sich wies Noth ist, auf und zu.

Diese zarten Augenlieder,

Die stat der Gardienen seyn,

Fallen wie ein Vorhang nieder,

Wenn des Lichtes heller Schein,

Gar zu stark ins Auge blendet;

Dadurch wird auch abgewendet,

Mancher Zufal der entsteht,

Und sich nach dem Augen dreht.

Sie sind gleichsam in der Mitten,

Von einander abgetheilt,

Und ein Vorhang der zerschnitten,

Abwerts und auch aufwerts eilt;

Oben, unten angeschlossen:

Wenn sie beide losgeschossen:

So ist jedes Aug verdekt,

Und ins Futteral verstekt.

Daß sie nicht verschrumpfet liegen,

Und sich nicht zu langsam drehn,

Wenn sie auf und abwerts fliegen;

So hat

Daß sie an den runden Bogen,

Der sehr knörplich, aufgezogen,

Und durch zarter Muskeln Band,

An dem Rande ausgespannt.

Sie bestehn aus fleischern Häuten,

Die von aussen etwas hart;

Doch sehr sanffte sich ausspreiten,

Weil sie innerlich sehr zart;

Und das Auge gar nicht drükken,

Wenn sie sich darüber rükken;

Sie sind wenn man sie erwegt,

Wie mit Sammt sanfft ausgelegt.

Diese Häutgen die verspüren,

Leicht wenn was in Augen stekt,

Wenn sie nur etwas berühren,

Daß als unrein sie beflekt:

Und das kan uns dazu nüzzen,

Daß wir es nicht lassen sizzen:

Sondern uns so gleich bemühn,

Weg zu wischen, weg zu ziehn.

An der Lieder äusren Spizzen

Allwo sie zusammen gehn,

Find man steiffe Haare sizzen,

Die sich oben aufwerts drehn:

Aber an dem Untern beugen,

Niederwerts sich künstlich neigen:

Daß sie nicht durch das Berührn,

Sich verwikkeln und verliehrn.

Diese Haare die steif hangen,

Sind in vielen Fällen nuz;

Daß sie gleich den Staub auffangen;

Dienen unsern Aug zum Schuz,

Wider die Unreinigkeiten,

Die sie gleich vorüber leiten:

Damit sie desselben Schein,

Nicht, wie sonsten schädlich seyn.

Ebenfals muß man gestehen,

Daß es weislich eingericht,

Daß die Haare, als wir sehen,

Wie es an dem Haupt geschicht,

Nicht sich in die Länge treiben.

Sondern ohne Wachsthum bleiben,

Wenn sie ihre Läng erreicht,

Wie uns die Erfahrung zeigt.

Dieses scheinen Kleinigkeiten,

Und sind dennoch wunderbahr,

Weil

Schon gesehn auf die Gefahr,

Die da könnte die Kristallen

Unsrer Augen leicht befallen:

Dafür sind sie nun beschüzt,

Weil davor die Schutzwehr sizt.

Wenn wir ihren Bau betrachten,

Sehen alle Theile an,

Die bewundernd hoch zu achten

Und kein Künstler künsteln kan:

So muß jederman erkennen,

Daß das Aug ein Werk zu nennen,

Das die Weisheit ausgedacht,

Wunderbahr zu Stand gebracht.

Weislich ist schon an den Augen

Die rundlänglichte Figur,

Weil die flachen nicht recht taugen

Alle Bilder der Natur,

Die den Mittelpunet bestrahlen,

Deutlich in sich abzumahlen,

Als das, was rund ausgehöhlt,

Wie die Sehekunst erzählt.

Da die Augen rund gebildet,

Wird darin der Gegenstand,

Ohn Verwirrung abgeschildet,

Und viel leichter, wie bekandt,

Können sie sich nunmehr wenden,

Als wenn an den äusren Enden,

Ekken wären, die im Drehn,

Nicht so leicht beweglich gehn.

Jedes Aug besteht aus Häuten, Unter diesen dreien Häuten ist die äuserste sehr hart, vorne aber in einen ziemlichen Umsange durchsichtig, und wird daher tunica cornea oder die durchsichti- ge Horn-Haut genennet. Sie umgiebet das ganze Auge, und machet rund herum das Weisse in densel- ben. Unter dieser lieget die andre, die man tunica uvea oder die Traubenförmige nennet. Diese ist hinterwerts im Auge ganz schwarz, kleidet die inwen- dige Höhle aus, und hindert sonderlich daß das Licht von den Seiten des Auges nicht zurük nach den Bo- den prallen und die AbbildnngAbbildung der Strahlen an dem- selben hindern könne. Die dritte Haut bedekket den Boden des Auges, wie ein seiner weisser Flor und wird daher die Nezförmige Haut oder Tunica re- tina genennet. Daran geschehen alle Abbildungen im Auge, und werden alle Bilder dem Sehnerven, der dichte hinter ihr lieget, zugeführet.

Die dreifach sind an der Zahl,

Und aus so viel Feuchtigkeiten

Darin sich des Lichtes Strahl,

Als in einem Spiegel drükket,

Und zum Mittelpuncte schikket,

Dran man eine schwarze Wand,

Findet gleichsam ausgespannt.

Wenn durch wässrichte Kristallen

Die das äusre Licht berührt,

Mancherlei Gestalten fallen;

Werden sie dahin geführt,

Wo sie diese Wand bestrahlen,

Und sich gleichsam dran abmahlen,

Da hernach der Geist erblikt,

Was daran ist abgedrükt.

Was noch sonsten ist zufinden,

Von den Nerven, Muskeln, Haut,

Woraus in den hohlen Gründen,

Ist das runde Aug erbaut,

Wollen wir nicht weiter zeigen,

Sondern diesmahl nur verschweigen,

Weil wir schon genug gesehn,

Unsern Schöpfer zu erhöhn.

Kein Theil ist daran so kleine,

Es hat seinen grossen Nuz,

Und kein Häutgen ist so feine,

Es dient dem Kristall zum Schuz;

Oder muß auf andre Weise,

Dieses Wundervoll Gehäuse,

Zu dem Zwek, zu seinem Schein,

Vortheilhafft und nüzlich seyn.

Wer die Augen braucht zum Sehen,

Und aufmerksam nur erwegt,

Wie das pfleget zu geschehen,

Daß der Lichtstrahl darin schlägt;

Wie das was die Häutgen rühret,

Wird zu dem Gehirn geführet:

Der erkennt, nur

Muß derselben Meister seyn.

Himmel, Erde, Thal und Hügel,

Sonne, Sterne, Baum und Kraut;

Alles sehn wir durch die Spiegel,

Was der Schöpfer hat gebaut.

Ist er darum nicht zu preisen,

Das er in so engen Kreisen

Alles das zusammen zieht,

Was nur schönes schimmert, blüht?

Was die Nähe und die Ferne

In sich hegt, wird uns bekandt,

Durch dis Paar der lichten Sterne,

Die des Höchsten Wunderhand

Uns in unser Haupt gesenket,

Und so weislich hat gelenket,

Ja! es wird dadurch die Welt,

Uns recht deutlich vorgestellt.

Unsre Augen bleiben sizzen,

In dem angewiesnen Ort,

Aber ihre strengen Blizzen,

Rennen allenthalben fort:

Wenn sie wieder rükwerts fliegen,

Bringen sie dem Geist vergnügen,

Flössen ihm durch ihrem Schein,

Was sich schönes findet, ein.

Mensch! erkenne diese Gaben,

Die wir von der Gütigkeit,

Eines weisen Schöpfers haben,

Der die Welt mit Glanz bestreut:

Brauche deine hellen Augen,

Lust und Freude einzusaugen,

Aus dem Dingen dieser Welt,

Die dir dadurch vorgestellt.

Aber möchtest du auch lernen,

In den Tieffen, in den Höhn,

In der Nähe, in den Fernen

Allenthalben

O! so würde durch das Wunder

Deiner Augen, auch der Zunder

Reger Andacht angebrandt;

Wer die Welt nur blos ansiehet,

Wie ein unvernünfftig Thier,

Und sich nicht im Geist bemühet,

Jhre Schönheit, Pracht und Zier,

Aufmerksam zu überdenken,

Und das Herz darauf zu lenken,

Seinen Schöpfer nicht so ehrt,

Ist der Augen nimmer wehrt.

Wische den Gewohnheits Schlummer,

Mensch! aus deinem Angesicht,

Und vertreib den finstern Kummer,

Da du kanst das Freuden-Licht

Das das Herz ergözt, erblikken;

Sprich im freudigen Entzükken:

Sol mein steter Vorwurf seyn.

Wirst du so des Schöpfers Wesen,

In dem Buche der Natur,

Durch der Augen Spiegel lesen,

An der schönen Kreatur:

So wirst du in allen Werken,

Seine weise Almacht merken;

So bringt dir ein jeder Blik,

Jmmer süsse Lust zurük.

Brauche ferner dein Gesichte,

Und lies fleißig in der Schrifft,

Was dein Auge in dem Lichte

In des Geistes Wort antrifft:

Da wirst du gerührt erkennen,

Daß

Der durch seine Gütigkeit,

Auch des Geistes Aug erfreut.

Lies wie er sich da beschrieben,

Als ein höchst volkomner Geist,

Was er denen die ihn lieben,

In der künfftgen Welt verheist:

Folge denen heilgen Lehren,

Jhn im Geiste zu verehren:

So wird dreinst dir mehr gewährt,

Wenn dein Auge ist verklärt.

Deucht dir schon das ein Gelükke

Wie es auch warhafftig ist,

Daß dein Auge durch die Blikke,

Allenthalben Wunder liest:

Was vor grosse Seeligkeiten,

Wird dort

Da der Vater alles Lichts,

Ist der Vorwurf des Gesichts.

Wir sehn hier durch einen Spiegel,

Noch in einem dunklen Wort:

Aber dort auf Salems Hügel,

Ist der vollenkommne Ort,

Wo wir in des Himmels Lichte,

Unsern

Was wir hie noch nicht verstehn,

In volkomner Klarheit sehn.

Können wir auf denen Auen

Der bestrahlten Eitelkeit;

So viel schöne Wunder schauen,

Da noch viele Dunkelheit;

Da noch viele finstre Schatten,

Sich mit Licht und Klarheit gatten,

Was wird denn zu hoffen seyn,

Beim verklärten Augenschein?

Doch mein Geist der faßt das nimmer,

Und das Auge sieht es nicht,

Was vor ein gestrahlter Schimmer

Aus dem Licht der Gottheit bricht.

Ich bin noch im finstren Lande,

Da ich vom verklärten Stande

Noch nicht alles kan verstehn,

Was des Glaubens Aug gesehn.

Dieses weis ich, und den Glauben,

Sol mir weder Höll, noch Welt,

Und kein teuflisch Spötter rauben:

Dort in dem bestirnten Zelt,

Werd ich JEsum dreinst erblikken,

Da wird sich mein Aug erquikken,

An den Wundern mancher Art,

Die der Himmel offenbahrt.