Das tägliche Mond-Licht.

By Barthold Heinrich Brockes

Wie unter so viel tausend Gaben

Auch billig für des Mondes Schein,

Wo wir nicht unerkänntlich seyn,

Wir GOtt zu dancken Ursach haben,

Als wodurch, wenn der Sonnen-Licht

Mit seinen Strahlen uns gebricht,

Wir doch dasselbe wunderschön

Jm Wieder-Schein, im Duncklen, sehn;

So find ich, wenn mans recht bedencket,

Daß GOtt uns durch der Sonnen Glut

Noch ein nicht minder herrlich Gut

Und einen Mond-Schein täglich schencket.

Wie an den Mond die Strahlen fallen

Und dadurch, daß sie rückwerts prallen,

Glantz, Schimmer, Klarheit, Licht und Schein,

Die sonst nicht würden sichtbar seyn,

Uns in der Dunckelheit gewähren;

So fallen Strahlen an den Duft

Der unsre Welt verhüll’nden Luft,

Wodurch sie uns ein Licht gebähren,

Daß man zwar alle Tage sieht,

Jedoch sich leider nicht bemüht

Dieß grosse Wunder zu betrachten,

Und es des Denckens wehrt zu achten.

Zweymahl an einem Tag’ allein

Vertritt die Luft des Monden Stelle,

Und machet, da der Sonnen Licht

Der Erden noch und schon gebricht,

Dennoch den Kreis der Erden helle.

Wenn nicht die Luft die Welt bedeckte,

Wär unvermeidlich alsobald,

So bald die Sonne sich versteckte,

Die Welt der Schatten Auffenthalt.

Ja so pech-schwartze Finsternissen

Würd’ alles plötzlich sincken müssen,

Daß früh der Sonnen Blick und Pracht,

Durch ein so schnell und strenges Funckeln;

Des Abends die stock-finstre Nacht,

In ja so schnell und strengem Dunckeln,

Das zarte Wesen unsrer Augen

Nicht würde zu ertragen taugen.

Es würde was da lebt auf Erden

Gewiß dadurch geblendet werden.

Ist es denn nicht der Mühe wehrt,

Dis Wunder wol zu überlegen,

Der Dämmrung Nutzen zu erwegen,

Wodurch uns GOtt das Licht vermehrt;

Indem man früh so wol, als spat,

Das Licht viel ehr und länger hat.

Man wird daher mit Rechte können

Den Luft-Kreis einen Mond fast nennen,

Da er die Sonne, eh sie steiget,

Auch wenn sie sich bereits geneiget,

Nicht anders, wie der Mond, uns zeiget.

Es scheint hiedurch um unsre Welt,

Wie um Saturn, ein’ Art von Circkel vorgestellt.

Wie kömmt es nun, daß solch ein Licht,

Daß solch ein grosser Cörper nicht,

Ob selbiger, in einem Stück,

Gleich mehr als sieben Meilen dick,

Ob wir von ihm gleich gantz umgeben,

Ob wir gleich in und durch ihn leben,

Daß, sag ich, solches nicht betrachtet,

Die Macht des Schöpfers nicht geachtet,

Nicht angebetet, nicht verehrt,

Nicht einst bemercket wird von Geistern,

Die, wenn man sie sich nennen hört,

Sich aller Wissenschaft bemeistern?

Von Menschen, deren Schuldigkeit

In nichtes sollt so sehr bestehen,

Als Göttliche Vollkommenheit

In seinen Wercken anzusehen;

Als für so viele Lieb’ und Güte

Sich, mit erkänntlichem Gemühte,

Dem Schöpfer danckbar zu erzeigen,

Zu ihm durch sein Geschöpf zu steigen,

Durchs sicht-zum unsichtbaren Licht?

Woher dieß kommt? Das weis ich nicht.