Das Vergangene, bey dem 1729. Jahres-Wechsel, betrachtet.
Es hat der Erden-Kreis den Lauff nun abermahl,
Der uns vom Sonnen-Licht entfernete, geendet:
Er hat sich allbereit, GOTT sey gedanckt! gewendet,
Von Nordens Frost und Nacht, zum Licht- und Lebens-
Je mehr dieß Wunder-Werck nun zu bewundern wehrt,
Je mehr es den Begriff von GOttes Allmacht mehrt,
Je grösser Heil dadurch der Menschheit wiederfährt,
Je mehr denn auch dafür dem Schöpfer Danck gehört;
Je minder, leider! wird von uns darauf geachtet;
Je weniger wird es, zu GOttes Ruhm, betrachtet;
So gar, daß kein Geschöpf, auch kein Vernunft-los Thier.
Am schwartzen Undancks-Greul so schuldig ist, als wir.
Warüm? es weiß es nicht. Wir wissen Zeit und Stunde,
Wir rechnen die Minut’, und kennen die Seeunde,
Wann die so heilsame Veränderung geschicht.
Doch, diesem ungeacht, bestreben wir uns nicht,
Der allgewaltigen, liebreichen, weisen Krafft,
Die, im erhalten selbst, noch unaufhörlich schafft,
Nur den geringsten Dienst, nur den geringsten Danck,
Für dieses Wunder-Werck zu leisten und zu bringen.
Wann hört man, Jhm dafür ein Lob- und Danck-Lied
Sprich, liebster Leser, nicht: Ja! ja! ich finde wol,
Daß man auch ietzt, wie sonst, dem Schöpfer dancken soll
Für alles, was Er thut. Denn, daß das Wasser naß;
Das Feuer reg’ und heiß; daß Bluhmen, Laub und Gras
Aus schwartzer Erde grünen,
Sind Dinge, die gewiß Bewunderung verdienen:
So auch dieß drehn der Welt. Ach nein: mich deucht,
Der so verwunderlich und schräg gestellten Erde
Sey wehrt, daß es noch mehr mit Wolbedacht gesehn,
Mit mehrerm Fleiss’ und Ernst betrachtet,
Mit mehr Aufmercksamkeit von uns beachtet,
Und folglich GOTT darinn noch mehr bewundert werde.
Denn ob gleich alle Ding’ uns ihren Schöpfer weisen;
Ob Er, im kleinsten auch zu loben und zu preisen;
So werden wir dennoch, wenn wir es recht ergründen,
Was ausserordentlichs in dieser Lenckung finden.
Der grosse Schöpfer hat, nach Zahlen, Mass’, Gewicht,
Den grossen Bau der Welt besonders zugericht:
Daß an der grossen Last die Angeln schräge stehn,
Wodurch so heilsame Verändrungen geschehn,
Von Wärm’ und Frost, von Schatten und von Licht;
Da sonst von Schlossen, Schnee und Eis ein’ ew’ge Bürde
In unsrer halben Welt die Lufft, die Fluth, das Land,
Und, in der andern Helft’, ein unlöschbarer Brand
Lufft, Erd’ und Fluth verderben würde.
Wo dieses ein Beweis von Weisheit und von Macht,
Von Güt’ und Liebe nicht zu nennen,
Und, wo darin die Gottheit nicht zu kennen,
Nicht anzubeten ist: so weis ich wahrlich nicht,
Zu welchem Endzweck doch, in diesem Leben,
Uns des Verstandes Licht
Gegeben.
Bey dieser Wechsel-Zeit, in der ich, Dem zum Preise,
Der alles schuff und schafft, mich inniglich erfreu,
Besing’ ich, Ehr-Furcht voll, den ietzt aufs neu,
In einer (wollte GOTT! Jhm angenehmen Weise)
Desselben Weisheit, Lieb’ und Macht,
Der, so wie alle Ding’, auch mich hervor gebracht;
Der, wie er so viel Guts, Leib, Sinnen, Kräfft’ und Leben,
Auch eine Seele mir gegeben,
Die, daß sie alle Krafft auf ihren Schöpfer richte,
Und, Jhm zum Ruhm, ein Lob- und Danck-Lied tichte,
So schuldig als bereit.
Allein,
Was wird der Vorwurff ietzt von meinen Liedern seyn?
Ich habe von der
Ich habe gleichfalls schon, wann keine Zeit nicht mehr,
Das
Und dir, auch mir, zur Lehr,
Einst anzusehn versucht. Es ist noch überblieben,
Auch in das stille Thal der Dinge, so dahin,
Mit einem forschenden und ernsten Sinn,
So tieff, als möglich ist, der Seelen Krafft zu sencken,
Und des
Als welches mehr, wenn man es wol erweget,
Verdient und nöthig ist, daß man es überleget.
Da das Vergangne ja, weit mehr noch als es scheinet,
Mit unsrer Gegenwart des Lebens selbst vereinet:
Da ieder Augenblick uns, wie ein Vlitz, entflieht,
Sich zum vergangenen gesellt, sich uns entzieht,
Ja gar uns mit sich fort, indem wir stets vergehen,
Mit ja so streng-als stillem Zwange reisst;
So daß daher, wenn wir es recht ergründen,
Selbst von der gegenwärtgen Zeit
Die beste Deutlichkeit
Bey dem vergangenen zu finden.
Betrachte denn, mit aufmercksamen Sinn,
Dasjenige, was weg, vergangen, und dahin,
So viel dir möglich ist, mein Geist!
Weil aber von sich selbst kein Mensch, was wahr, verstehen
Und, was man eigentlich soll glauben, fassen kann;
So ruff ich dich alhier, Quell aller Weisheit, an?
„höre, was hievon die Lippen, Dir anietzt zu Ehren
Der nimmer stille Fluß der Dinge, die zerstörlich,
Entladet sich von sich, versenckt sich unaufhörlich
In die Verwesungs-See, in das Zertrennungs-Meer,
Und bleibt doch stets erfüllt, und ist doch nimmer leer.
Von neuen Tropffen wird, in stetigem Gedränge,
Der ietzt an diesem Ort verhandnen Tropffen Menge
Jm Meer stets weggedrückt: so kommt und so vergehet,
Erzeugt sich, lös’t sich auf, entwickelt sich, entstehet,
Was die Natur hervor bringt und formirt,
Auch was sich wiederüm, durch sie zertheilt, verliert.
Die unbeständige Beständigkeit auf Erden
Kann wol mit allem Recht uns vorgestellet werden
Als eine Kette, die durch Ringe
Fest an einander hinge;
Doch die man, Wechsels-weis’, in solcher Ordnung sieht,
Daß das Entstehen das Vergehen,
Und das Vergehen das Entstehen
Beständig vorwärts zieht.
Wenn nun ein Mensch, dem GOTT Vernunst ge
Sein Wesen, seine Daur,
Bey folchem Zustand überdencket,
Wie plötzlich die Vergänglichkeit
Jhn selbst mit sich dahin zu raffen, dreut;
Da fast kein Wind so schnell, als er, verwehet,
Da fast kein Dampff so schnell, als er, vergehet,
Da sich das künftge, fast mit dem vergangnen bindet,
Und man die Gegenwart kaum kaum dazwischen findet;
Sollt’er denn nicht mit Recht bey stätigem Vergange
Der Creatur, von dem Zusammenhange,
Den das Vergangene mit dem Vergehnden hat,
Bemüht seyn etwas zu erwegen?
Und, ob das, was in seinem Sinn
Vergangen und dahin,
Auch würcklich sey vergangen, überlegen?
Indem ich dieses schreib’, heisst es bereits: ich schrieb;
Indem du dieses ließt, so hast du schon gelesen;
Du bist nicht mehr anietzt das, was du noch gewesen
In vor’gem Augenblick, der ietz’ge Puls-Schlag rieb
Von deinem Wesen was. Da nun nichts feste stehet,
Und aller Menschen Jetzt all’ Augenblick vergehet,
So sollte man ja wol mit recht ein ernstlichs dencken
Dem, was, nach kurtzem Jetzt, so lang nicht mehr ist, schencken.
Was ist es eigentlich, was wir vergangen nennen?
Ein Etwas, so wir nicht mehr hören, sehn,
Empfinden, riechen, schmecken können.
Die Tage, die dahin, die Zeiten, die vergehn,
Sind Sachen ebenfalls, wovon man glaubt zu fassen,
Daß sie nicht mehr, und daß sie uns verlassen.
Von Cörpern, wann sie sich verändern, sprechen wir,
Daß, da sie aufgelös’t, ihr Wesen sich verlier.
Wenn Regiment’ und Reiche, die entstanden,
Durch Zufäll’ untergehn; sie sind nicht mehr verhanden,
Spricht ieder, sie sind fort. Was Menschen ie gethan,
Erzeuget, ausgewirckt, zerstört, erbaut, erdacht,
Gefüget und getrennt, begonnen und vollbracht,
Sieht man, wann es vorbey, nicht anders an,
Als zeigte sich davon, im Schoosse der Natur,
Nicht die geringste Spur.