Das Verlohrne Paradies. Erster Gesang.

By John Milton

Von dem ersten Vergehn des ungehorsamen Menschen,

Und dem verderblichen Essen der Frucht des verbo-

tenen Baumes,

Welches den Tod auf die Erde gebracht, und alles ihr Elend,

Mit dem Verluste von

die verlohrnen Rechte von neuem erwarb, und von neuem

Uns den seligen Sitz der Unschuld wieder gewonnen:

Sing, o himmlische Muse, die auf dem geheimen Gipfel

Horebs, oder auf Sinais Höhen den Schäfer begeistert,

Der den erwählten Saamen zuerst gelehrt

Himmel und Erde Nach den ersten Worten des er- sten Buchs Mose. N. dem Chaos entsprang; — doch gefällt dir der Hügel

Sions mehr, und der Bach Siloah Siloah war ein kleiner Bach, der nahe am Tempel Jerusalems vorbey floß. Er wird erwähnt Jes. VIII, 6. Daß Milton also in der That die himmlische Muse anruft, welche den König Da- vid und die Propheten auf dem Berge Sion, und zu Jerusalem begeistert, so wie Mosen auf dem Berge Sinai. N., der nah am Orakel

Gottes vorbey fließt: so ruf ich von da zu dem kühnen Gesange

Deine Hülfe herunter, der mit nicht gewöhnlichem Fluge

Ueber den hohen

Und die geheiligte Spur von großen Dingen verfolget,

Die sonst niemand vor mir in Prosa noch Reimen

Und du besonders, o Geist

Der du allen Tempeln ein Herz, das aufrichtig und rein ist,

Vorziehst; unterrichte du mich, denn du weißt es

Gegenwärtig im Anfang, da du die mächtigen Flügel

Ueber den weiten Abgrund, gleich einer brütenden Taube

Ausgespreitet, und fruchtbar ihn machtest; — erleuchte was finster

In mir ist, durch dein Licht, und alles was niedrig ist in mir,

Das erhebe, das stärke; damit ich die ewige Vorsicht,

Nach dem erhabenen Innhalt des großen Gesanges, vertheidge,

Und die Wege Gottes den Menschen rechtfertigen möge

Sage zuerst, denn der Himmel hält deinem Blick nichts verborgen,

Noch der Hölle Tiefen

Die im glücklichen Zustand, (so hoch vom Himmel beseligt!)

Unsere Stammältern trieb, von ihres Schöpfers Befehlen

Abzuweichen, und seinem Willen entgegen zu handeln,

Welcher nur Eins verbot, und sonst sie Herren der Welt ließ?

Sage, wer war es, der sie zuerst von ihrem Gehorsam

Zu dem schändlichen Aufstand verleitet? — Der Drache der Hölle.

Dieser war es, welcher mit List, von Rachsucht und Neide

Angefeuert, die Mutter des Menschengeschlechtes verführte,

Als ihn sein Stolz mit dem ganzen Heere rebellischer Engel

Aus dem Himmel geworfen, durch deren Beystand er glaubte,

Ueber alle, die neben ihm waren, sich zu erheben;

Ja dem Allmächtigen selbst die Wage zu halten, wofern der

Jhm widerstünde. Voll stolzer Ehrsucht begann er im Himmel

Wider den Thron und die Herrschaft Gottes vermessene Kriege,

Und gottlose Schlachten; mit eitlem Bestreben. Jhn stürzte

Flammend von der ätherischen Bühne die Kraft des Allmächtgen

Mit erschrecklichem Fall, und gräßlichem Brande, herunter

In das bodenlose Verderben. Hier sollte der liegen

In dem strafenden Feuer, mit demantnen Ketten

Welcher sich unterstand, den Allmächtgen zum Streite zu fordern.

Neunmal die Zeit, die den Tag und die Nacht den Sterblichen abmißt,

Lag er mit seinem scheußlichen Haufen, überwunden,

In dem feurigen Schlunde sich wälzend, vom Falle betäubet,

Obgleich unsterblich. Jedoch zu größern Qualen versparte

Sein Gericht ihn. Jhn nageten itzt die schwarzen Gedanken

Seines verlohrnen Glücks, und der immerwährenden Schmerzen.

Rund umher wälzt er die giftigen Augen; sie sprachen Verzweiflung

Tiefe Betrübniß, mit standhaftem Haß, und verhärtetem Stolze

Untermischt: Und so weit, als die Blicke der Engel nur dringen,

Uebersieht er auf einmal die wüste traurige Gegend,

Unermeßlich; ein schrecklicher Kerker, rund um ihn her flammend,

Wie ein feuriger Ofen; doch schoß kein Licht von den Flammen,

Sondern vielmehr eine sichtbare Finsterniß

Lange Prospekte voll Jammer, und Regionen voll Kummer

Zu entdecken, und traurige Schatten, in welchen die Ruhe,

Und der Friede nie wohnt; die nie die Hoffnung besuchet,

Die sonst alles besucht; wo nichts als Qualen ohn' Ende

Unaufhörlich quälen, und eine feurige Sündfluth,

Die mit immerbrennendem Schwefel, der niemals verzehrt wird,

Sich unterhält. Und dies war der Ort, den die göttliche Rache

Diesen Rebellen bereitet, hier wies sie ihnen den Kerker

In der äußersten Finsterniß an, und ihr trauriges Erbtheil,

Dreymal so fern von Gott, und von dem Lichte des Himmels,

Als von dem äußersten Pole, der Erde Mittelpunkt absteht

Dieser Ort, o wie war er dem Orte so ungleich, von welchem

Sie herunter gestürzt! Daselbst erkennet er plötzlich

Seines Falles Gefärthen, von Wirbelwinden, und Fluthen

Stürmenden Feuers, bedeckt. Dicht neben ihm wälzt sich der nächste

Nach ihm, an Macht, und an Bosheit, den lange nachher

Unter

Satan Denn das Wort Satan bedeu- tet im Hebräischen einen Feind. Er ist vorzüglicher weise der Feind; der Haupt- feind Gottes und des Menschen. seitdem deswegen genennet) kehrte sich zu ihm,

Und brach so mit vermessenen Worten das gräßliche Schweigen:

O! wenn du es noch bist; doch ach! wie gefalln, wie verändert,

Bist du von dem, der sonst in den glücklichen Reichen des Lichtes,

Mit hellscheinender Klarheit gekleidet, so hell sie auch glänzten,

Myriaden weit überstralte! — Wofern du noch der bist,

Den ein gemeinschaftlich Bündniß, vereinte Gedanken und Thaten,

Gleiche Hoffnung, und gleiche Gefahr, zum glorreichsten Endzweck

Ehmals mit mir verbunden, und welchen itzo das Elend

Mit mir im gleichen Verderben vereint! — du siehest, wie tief wir

Aus der Höh in den Abgrund gefallen, so sehr hat sein Donner

Stärker, als uns, ihn gemacht; allein wer kannte bis hieher

Dieser greulichen Waffen Gewalt? Doch fürcht ich auch sie nicht,

Noch wird irgend etwas, womit uns der mächtige Sieger

Noch in seinem Zorne verfolgt, zur Reu mich bewegen,

Noch mein standhaft Gemüthe verändern, so sehr ich verändert

Nach der äußeren Herrlichkeit bin, noch weniger jemals

Jenen Unwillen, den die Verachtung meiner Verdienste

In mir erweckt; der mit dem Allmächtgen zu streiten mich antrieb,

Und zu dem trutzigen Streit unzählich gewaffnete Geister

Herzuführen, die Muth genug hatten, sein Reich zu verlassen,

Mich ihm vorzuziehn, und auf den Ebnen des Himmels

In der Schlacht, die so zweifelhaft war, mit Gegengewalt sich

Jhm entgegen zu stellen, und seinen Thron zu erschüttern.

Ist gleich das Schlachtfeld verlohren, so ist drum nicht alles verlohren.

Nicht der unbezwingliche Wille, der Trieb nicht nach Rache.

Noch der unsterbliche Haß, und der Muth, sich nie ihm zu beugen,

Noch im geringsten nachzugeben, und alles was sonst noch

Nicht überwunden kann werden. Die Ehre wird er von mir nie

Weder durch Zorn, noch durch Macht, erzwingen! — Mit flehendem Kniefall

Seine Gnade zu suchen, und dessen Macht zu vergöttern,

Der bey dem mächtigen Schrecken, so dieser Arm ihm verursacht,

Noch so kürzlich gefürchtet, sein wankendes Reich zu behaupten:

O dies wäre niedrig, in Wahrheit! und eine Schande,

Eine noch größere Schmach, als dieser gewaltge Herabsturz.

Da vermöge des Schicksals

Nicht vergehn kann; da durch die Erfahrung des wichtigen Ausgangs

Wir in Waffen nicht schlechter, in Vorsicht stärker geworden;

O so können wir uns mit beßrer Hoffnung entschließen,

Einen ewigen Krieg mit unsern mächtigem Feinde

Künftighin durch Gewalt oder List unversohnlich zu führen;

Welcher itzt triumphirt, und übermäßig sich freuet,

Daß er die Tyranney in seinem Himmel allein hat.