Das Verlohrne Paradies. Fünfter Gesang.

By John Milton

Jtzo nahte mit Rosenschritten Dies ist der erste Morgen nach Satans Ankunft auf der Erde. So wie Homer den Morgen mit Rosen- fingern mahlt: ; so giebt ihm Milton Rosenfüße, und im sechsten Buche v. 3. eine Rosen- hand. Der Morgen ist zuerst grau, und wird, wenn die Sonne höher kömmt, rosenfarbig. N. der Morgen im Osten,

Und besäte die Erde mit orientalischen Perlen:

Als, so wie er gewohnt war,

Luftig und leicht; von reiner Verdauung, und sanften und milden

dünsten erzeugt; vom bloßen Schalle der säuselnden Blätter,

Und der rauchenden Bäche, (dem Fächer

Süßen Morgengesange der Vögel auf jeglichem Zweige

Leicht zerstreuet. Um desto größer war seine Verwundrung,

Als er

Und mit glühenden Wangen, in einem unruhigen Schlummer

Fand. Halb aufgerichtet, auf seine Seite gelehnet,

Hieng er mit Blicken voll herzlicher Lieb’, in süßem Entzücken,

Ueber ihr, und beschaute die Schönheit, die schlafend, und wachend

Jmmer besondern Reiz um sich her schoß. Mit lieblicher Stimme,

So wie Zephir Floren Als wenn die sanften westlichen Lüfte über Blumen wehn. Dies ist außerordentlich schön und poetisch. Richardson. anhaucht, und indem er die Hand ihr

Sanft berührte, lispelt er zärtlich ihr also: Erwache,

Meine Schönste, meine Vermählte

Letztes, bestes Geschenke des Himmels, o du, mein Alles,

Du mein immer neues Vergnügen, erwache! der Morgen

Stralt; uns ruft das thauigte Feld; wir verlieren die Frühzeit,

Wo wir beobachten können, wie unsre gewarteten Pflanzen

Aufschossen, wie der Myrthenbaum tropft und die Balsamgesträuche;

Wie die Natur die Farben mahlt, und die fleißige Biene

Auf den Blumen sitzt, und fließende Süßigkeit auszieht.

Also lispelnd weckt er sie auf; doch mit starrendem Auge

Sah sie auf

O du einzger, in dem ich mit allen meinen Gedanken

Ruhe finde; mein Ruhm, und meine Vollkommenheit! Fröhlich

Seh ich dein Antlitz aufs neu, und die Rückkehr des Morgens! Ich träumte

Diese Nacht, (und ich habe nie eine Nacht noch, wie diese,

Hingebracht;) finster träumt’ ich, wofern es anders geträumt war,

Nicht, so wie ich gewohnt bin, von dir, noch von den Geschäften

Des verflossenen Tages; noch von des künftigen Morgens

Arbeiten; sondern von Harm und Beleidigung, wovon ich vor dieser

Unglückseeligen Nacht nichts gewußt. Es dünkte mich, jemand

Rufte mir nah an meinem Ohre mit freundlicher Stimme,

Mit ihm zu gehn; ich hielt sie für deine Stimme; sie sagte:

Warum schläfst du,

Und am kühlsten, am stillsten; bloß da nicht, wo horchend die Stille

Vor der nächtlichen Sängerinn weicht, die wachend ihr süßtes

Liebebegeistertes Lied itzt tönen läßt; itzo regieret

Durch die Himmel der volle Mond; die Fläche der Dinge

Zeigt er im sanfteren Schatten mit angenehmerem Lichte.

Aber vergebens, wenn niemand es sieht. Es wachet der Himmel

Jtzt mit allen Augen, wen sonst, als dich, zu betrachten,

Dich, den Wunsch der Natur, bey deren himmlischem Anblick

Alle Dinge sich freuen, und, voll vom mächtgen Entzücken,

Angezogen durch deine Schönheit, ohn’ Aufhören schauen,

Als ob deine Stimme gerufen, erhub ich mich; aber

Fand dich nicht, und verfolgte drum meinen Pfad, dich zu finden.

Und ich gieng, wie mich dünkt, allein, und auf Wegen, die plötzlich

Zu dem Baum der verbotnen Erkenntniß mich brachten. Er schien mir

Schön, und meiner Einbildungskraft viel schöner noch, als er

Mir bey Tage geschienen. Indem ich ihn wundernd betrachte,

Stand daneben Einer, gestaltet, und recht so beflügelt,

Wie die Bewohner des Himmels, die oft uns erscheinen; es tropften

Seine thauigten Locken Ambrosia

Diesen Baum an, und sprach: Du schöne Pflanze, mit Früchten

Ganz überladen, würdigt dich niemand, dich deiner Bürde

Zu entledgen, und deine vortrefflichen Früchte zu kosten,

Weder Gott, noch Mensch? Ist Erkänntniß so sehr denn verachtet?

Oder verbietet es Neid, oder sonst was, von dir zu essen?

Es verbiet es, wer will; doch mir soll niemand das Gute

Länger noch vorenthalten, so du von selber mir anbeutst.

Und weswegen wärst du denn hier gepflanzet? — Indem er

Dieses gesprochen, zögert er nicht; mit verwegenen Händen

Pflückt’ er davon, und aß. Ein kalter Schauder ergriff mich

Bey so frechen Worten, mit einer eben so frechen

That bekräftigt. Doch er, als wie von Freuden berauschet,

Sprach: O göttliche Frucht! zwar an sich selber so süß schon,

Aber süßer noch, also gepflückt. Verboten hier, scheinst du

Bloß für Götter bestimmt zu seyn; doch wärst du, aus Menschen

Götter zu machen, geschickt. Und warum nicht Götter aus Menschen,

Da das Gute nur mehr überfließt, je mehr es sich mittheilt,

Und der Schöpfer dadurch nicht verringert, nur mehr noch geehrt wird.

Komm denn, glückseelges Geschöpf, du schöne englische

Koste du gleichfalls davon. Du bist sehr glücklich, doch kannst du

Noch viel glücklicher werden; nur nicht vortrefflicher. Kost es

Und sey künstighin eine Göttinn unter den Göttern.

Nicht an die Erde gefesselt, erheb in die Lüfte dich manchmal

So wie wir; und steige zuweilen zum Himmel auf, der dir

Nach Verdiensten gebührt, und sieh, was dorten die Götter

Für ein Leben genießen, und lebe du gleichfalls wie Götter.

Als er so sprach, trat er näher, und hielt mir dicht vor die Lippen

Einen Theil von der herrlichen Frucht, die er abgepflückt hatte,

Und der reizende süße Geruch erweckte so heftig

In mir die Begierde zum Essen, daß ich, wie mich dünkte,

Kosten mußte. Schnell flog ich mit ihm hinauf in die Wolken;

Und ich sah unten die Erde weit ausgestreckt, unermeßlich

Liegen in weiter veränderten Aussicht, ganz voller Verwundrung

Ueber meinen aufsteigenden Flug, und die schnelle Versetzung

In so einen erhabenen Stand. Mein Führer indeß war

Plötzlich verschwunden; und ich, so wie es mir vorkam, sank nieder,

Und fiel in Schlaf. Doch ach! wie fröhlich war ich erwachend,

Als ich fand, dies sey bloß ein Traum. — So erzählet ihm Eva

Jhre Nacht

Bestes Bild von mir selbst, du, meine theurere Hälfte,

Mich auch betrübet die Unruh, die diese Nacht durch im Schlafe

Deine Gedanken empört. Auch will dein seltsamer Traum mir

Nicht gefallen; ich fürchte, vom Bösen sey er entsprungen.

Aber woher denn das Böse? In dir kann kein Böses nicht wohnen,

Denn du bist rein erschaffen. Doch wisse, verschiedene Kräfte

Sind, geringer als unser Verstand, in unserer Seele,

Die ihm als ihrem Oberhaupt dienen; und unter denselben

Hat nach ihm oft die Einbildungskraft ihr Amt zu verwalten.

Diese formieret in uns von allen äußeren Dingen,

Welche von unsern fünf wachsamen Sinnen uns vorgestellt werden,

Phantasien und Luftgestalten, die unsre Vernunft dann

Trennet, oder verbindet, und alles aus ihnen erbauet,

Was wir bejahen, oder verneinen, und was wir Erkenntniß,

Oder Meynung nennen. Zu ihrer einsamen Zelle

Weicht sie, wenn die Natur itzt ruht; doch wachet nicht selten

Gaukelnd die Einbildungskraft, wenn sie entfernt ist, und sucht sie

Nachzuahmen; allein indem sie viel ungleiche Bilder

Mit einander verbindet, so schafft sie oft wilde Geburten

Und besonders in Träumen, in denen sie alte Geschichte

Oft mit neuern Reden unschicklich zusammensetzt. Etwas

Aehnlichs mit unsern letzten Gesprächen des Abends entdeck’ ich

Auch in deinem Traum, wie mich dünkt, doch mit seltsamem Zusatz.

Sey indessen nicht traurig. In Gott und des Menschen Gemüthe Gott bedeutet hier nur so viel als Engel, wie in verschiedenen an- dern Stellen dieses Gedichts. N.)

Kann das Böse kommen, und wieder weichen; wofern es

So gemißbilligt wird, und läßt deshalb in der Seele

Weder Flecken, noch Tadel. Dies heißt mich hoffen, du werdest

Nimmer wachend das thun, was du zu träumen verabscheut.

Sey denn nicht niedergeschlagen; umwölke nicht diese Blicke,

Die gewohnt sind, freudger zu seyn, und heitrer zu stralen,

Als wenn über die Erde der schöne Morgen uns lächelt.

Laß uns im Lustwald uns itzt zur frischen Arbeit erheben,

Oder am Quell, und unter den Blumen, die itzo den Busem

Voll von den besten Gerüchen eröffnen, worinn sie die Nacht durch

Sie verschlossen gehalten, und bloß für dich sie versparet.

Adam tröstete so die schöne betrübte Vermählte,

Und sie ward getröstet

Eine holdseelige Thräne fallen; mit ihren Haaren

Trocknet sie traurig sie ab; zwey andere kostbare Tropfen

Standen in jeder krystallnen Schleuse bereit schon, zu fließen;

Aber er küßte sie auf, eh sie fielen, als werthe Zeichen

Eines zärtlichen Kummers, und einer frommen Besorgniß,

Unrecht gethan zu haben. Aufs neu war alles erheitert,

Und sie eilten aufs Feld. Indem sie unter dem Dache

Hoher Lauben hervorgehn, zur weiten offenen Aussicht

Des anbrechenden Tags, und der eben aufgehenden Sonne,

(welche, mit ihren Rädern noch über dem Ocean hangend,

Gleich mit der thauigten Erde die Stralen herabschoß,) und vor sich

Ganz den Osten des Paradieses in weiter Landschaft

Mit den hellen glücklichen Ebnen von

Beugten sie tief sich zur Erden, und beteten an, und erhuben

Jhre Seufzer, die jedweden Morgen sie pflichtmäßig thaten

In verändertem Ausdruck; denn weder veränderter Ausdruck,

Noch auch fromme Begeistrung, war ihnen versagt, mit Gesängen

Jhren Schöpfer geschickt zu preisen; sie sprachen und sangen,

(solche fertige Wohlredenheit entströmte den Lippen,)

Ohne darauf zu sinnen, in Pros’ und harmonischen Versen,

Musikalscher, als daß sie der Laute noch Harfe bedurften

Sie noch angenehmer zu machen. Drauf huben sie so an:

Dieses sind deine herrlichen Werke, du Vater des Guten,

Großer Allmächtiger; Dein ist dieser gesammte Weltbau,

Den du so wunderbar schön geschaffen; wie wunderbar mußt du

Selbst denn nicht seyn, du Unaussprechlicher, der du erhaben,

Ueber diese Himmel erhaben, unsichtbar für uns bist,

Oder nur dunkel gesehn wirst, in deinen niedrigsten Werken.

Aber auch diese verkündigen weit über alle Gedanken

Deine Güt’ und göttliche Kraft. Jhr Söhne des Lichtes,

Die ihr am besten zu sprechen vermögt, sprecht ihr, o ihr Engel,

Denn ihr seht ihn. Jm Tag ohne Nacht umringet ihr jauchzend

Seinen Thron mit lauten Gesängen und schallenden Chören.

Jhr, im Himmel! Auf Erden verbindet euch, ihn zu erheben,

All’ ihr Geschöpfe, und preist ihn zuerst, und zuletzt, in der Mitten,

Und ohn’ Ende

Und du, o schönster der Sterne So nennt ihn Homer II. XXII. 318. Und Ovid drückt sich auf eben die Art aus: Met. II. 114. — diffugiunt stellae, quarum agmina cogit Lucifer, et cœli statione nouissimus exit. Es entfliehen die Sterne, indem die glänzenden Schaaren Lucifer forttreibt; und aus dem Him- mel der letzte verschwindet. Addison., der du am Himmel der letzte

Vom Gefolge der Nacht bist, wofern du zur ersten Dämmrung

Nicht mit größerem Rechte gehörst; du sicherstes Zeichen

Vom anbrechenden Tage, der du mit der stralenden Krone

Den sanftlächelnden Morgen bekrönest; in deiner Sphäre

Preis ihn, beym kommenden Tag, in der süßen Stunde der Frühe.

Du auch, das Auge, die Seele, von diesem vollkommenen Weltbau,

Sonne! für deinen größern erkenn ihn! So wohl wenn du steigest

Und den hohen Mittag erreicht hast, als wenn du ins Meer sinkst,

Laß auf deinem ewigen Laufe sein Loblied erschallen!

Und du, o Mond, der du itzo der Sonne des Morgens begegnest,

Bald mit den Fixsternen läusst, die in den bestimmten Kreisen

Fliehn; und ihr andern fünf wandelnden Feuer, die mystisch in Tänzen

Sich, nicht ohne Gesang, herum bewegen, verkündigt

Dessen Lob, der das Licht aus der Finsterniß Schooße hervorrief.