Das Verlohrne Paradies. Sechster Gesang.

By John Milton

Unerschrocken und unverfolgt gieng der Engel indessen

Während der langen Nacht in den weiten Gefilden des Himmels,

Bis itzt von den zirkelnden Stunden

Und die Thore des Lichts mit seiner Rosenhand aufschloß.

eine Höhl' ist im Berge Gottes zunächst am Throne,

Wo im beständigen Zirkel das Licht und die Finsterniß wechselnd

Aus- und einziehn; dies macht die anmuthsvolle Verändrung

In dem Himmel, gleich Tag und Nacht. Wie das Licht itzt heraustritt,

Geht auf der andern Seite die folgsame Finsterniß wieder

In die Höhle zurück, bis ihre Stunde gekommen,

Und sie mit ihrem Schleyer den Himmel bedecket. Doch möchte,

Was dort Finsterniß ist, auf Erden nur Dämmerung heißen. —

Und der Morgen, geschmückt mit empyreischem Golde,

Wie er im obersten Himmel erscheint, war hervor nun gegangen

Vor der verschwindenden Nacht, die die Stralen des Aufgangs durchbohret.

Als die Ebnen, bedeckt mit hellen geschlossenen Schaaren,

Und mit Wagen, und flammenden Waffen, und seurigen Rossen

In die Augen ihm fielen; mit wiederscheinendem Schimmer

Gegen einander stralend. Er sah, daß Krieg schon vorhanden,

Und die Zeitung schon da war, die er zu bringen gedachte,

Er gesellt sich sogleich zu diesem Heere von Freunden,

Welche mit lautem Geschrey ihn jauchzend empfiengen, daß Einer,

Daß von so viel gefallnen, so vielen verlohrnen, doch Einer

Wiederkam, nicht verlohren. Sie führten mit hohem Beyfall

Jhn zum heiligen Hügel, und stellten ihn da vor des Höchsten

Stuhl. Da kam bald, wie mitten aus einer güldenen Wolke

Eine gnädige Stimme hernieder, die so zu ihm sagte:

Diener des Höchsten

Einen besseren Streit, da du die Sache der Wahrheit

Gegen rebellische zahllose Mengen allein vertheidigt;

Mächtger in Worten, als sie in Waffen; und wegen der Wahrheit

Allgemeine Verachtung ertrugst, die schwerer zu tragen,

Als Gewaltthätigkeit; denn deine größeste Sorge

War nur, daß du gerechtfertigt stündest vorm Angesicht Gottes,

Sollten auch Welten für thöricht dich halten; zu leichterem Siege

Sollst du glorreicher nun mit diesem Heere von Freunden

Gegen die Feinde zurückgehn, so sehr du von ihnen verhöhnet

Weggegangen; und sollst mit Gewalt die Rebellen bezwingen,

Die die Vernunst zum Gesetz, und den

Anzunehmen sich weigern; ihn, der durch das Recht der Verdienste

Würdig des Throns sich gemacht. — Geh, Fürst der him̃lischen Schaaren

Michael Da diese Schlacht der Engel hauptsächlich auf Offenb. Joh. XII. 7. 8. gegründet ist: Und es erhub sich ein Streit im Himmel, Mi- chael und seine Engel stritten mit dem Drachen, und der Drache stritte und seine Engel, und sie- geten nicht, auch ward ihre Stät- te nicht mehr funden im Himmel: so wird Michael mit Recht von dem Poeten zum Heerführer der Engel ge- macht. N., du auch der nächste nach ihm an kriegrischem Muthe,

Gabriel, eilet, und stellt euch vor meine gewaffneten Heilgen,

Meine unüberwindlichen Söhne! Geht, führt sie ins Schlachtfeld,

Führt sie bey Tausenden an, bey Millionen; an Zahl gleich

Jenen rebellischen gottlosen Haufen. Mit Feuer und Schwerdte

Fallet sie an voll Muth; verfolgt sie zum Rande des Himmels;

Treibt sie von Gott und der Seeligkeit aus zu dem Orte der Qualen,

Tief in des Tartarus Schlund, der schon sein feuriges Chaos

Jhnen entgegen weit aufgesperrt, um ihren Fall zu empfangen.

Also sprach die allmächtige Stimme, und Wolken verhüllten

Rundum den Berg, und Dampf stieg auf in düsteren Kreisen,

Und wild streitende Flammen; die Zeichen erwachenden Zornes.

Eben so furchtbar erklangen die lauten ätherschen Trommeten

Von den Höhen des Berges. Auf dieses Zeichen zum Aufbruch

Zogen die kriegenden Mächte mit ihren glänzenden Schaaren

In ein mächtiges Viereck von unwiderstehlicher Stärke

Fest zusammengeschlossen, stillschweigend weiter, beym Schalle

Kriegrischer Harmonien, die sie mit heroischem Muthe

Unter ihren göttlichen Führern zu tapfern Thaten

Für die Sache Gottes, und seines

Also zogen sie fort in unzertrennlichen Gliedern;

Jhre vollkommnen Linien brach kein verhindernder Hügel,

Und kein enges Thal, kein Wald, kein Strom. Denn ihr Zug gieng

Ueber dem Grunde hoch fort, und ihre flüchtigen Tritte

Trug die leidende Luft; Wie damals, als über

Vorgefordert vor dich, das ganze Geschlechte der Vögel

Auf den Fittigen schwebend kam, in gehöriger Ordnung,

Jhre Namen von dir zu empfangen. So zogen sie weiter

Ueber manche Landschaft des Himmels, und manches Gebiete,

Zehnmal länger, als dieser Erdball. Zuletzt fiel gen Norden

Fern am Horizont ein feurig Revier in die Augen,

Welches von Ende zu Ende in kriegrischem Anblick sich streckte,

Und indem es näher erschien, von unzehligen Spitzen

Aufgerichteter Speere starrte, von schimmernden Helmen,

Und zusammengedrungenen Schilden, mit prahlenden Bildern

Ausgeschmückt;

Waren sie eilig in Anzug; sie wähnten, noch selbigen Tages

Gottes heiligen Berg durch Ueberfall, oder mit Sturme,

Zu gewinnen, und seinen Beneider, den stolzen Bewerber

Um den göttlichen Thron, darauf zu erheben. Jhr Anschlag

Aber mislung auf halbem Wege. Zwar kam es uns anfangs

Seltsam und wunderbar vor, daß Engel Engel bekriegen,

Und sich feindlich die anfallen sollten, die ehmals so einig

An des Himmels festlichen Tagen in Lieb und in Freuden

Sich voll Freundschaft umfiengen, als

Söhne, die alle mit Hymnen den Ewigen Vater besangen;

Aber der Kriegslärm hub an; des Anfalls rauschend Getöse

Macht schnell jedem mildern Gedanken des Friedens ein Ende.

In der Mitte, vor allen hoch, einem Gott gleich, erhaben,

Saß der Abtrünnige stolz auf seinem Sonnglänzenden Wagen,

Als der Götze der Majestät Gottes, rundum ihn umgaben

Flammende Cherubim ihn und güldene leuchtende Schilde.

Jtzo sprang er herunter von seinem prächtigen Throne,

Und ein geringer Raum, ein furchtbarer Unterschied war noch

Zwischen Heer und Heer; die Fronte stand gegen die Fronte

In erschrecklicher Schlachtordnung von entsetzlicher Länge.

Eh sie einander erreichten, trat

An der scharfen Spitze der Schlacht vor den wolkigten Vortrab;

Einem Thurm gleich; in schimmernden Waffen von Demant und Golde.

Seraph

Welcher unter den Mächtigsten stund, auf erhabene Thaten

Sinnend; — sein eignes furchtloses Herz erforschet er also:

Himmel, daß solche Gleichheit noch mit dem Höchsten zurückbleibt,

Wenn die Pflicht und die Treu nicht mehr bleibt; und sollte die Macht nicht

Und die Stärke da fehlen, wo Tugend fehlt? Sollten sie dann nicht

Am ohnmächtigsten seyn, wenn sie am frechsten ist, wenn auch

Unüberwindlich sie scheint? Mit Vertraun auf die Hülfe der Allmacht

Will ich itzt seine Stärke prüfen, so wie ich vor kurzem

Seine Vernunft geprüft, und krank und falsch sie befunden.

Ist es nicht billig, daß der, so kürzlich im Streite der Wahrheit

Ueberwunden hat, itzt im Streite der Waffen auch siege,

Sieger im letzten Kampfe, so wie in dem ersten? Der Streit zwar

Ist verwegen und thöricht, wenn mit der Gewalt die Vernunft ficht;

Ist es darum nicht vernünftig, daß nun der Vernunft auch der Sieg bleibt?

Dieses erwog er bey sich; aus seinen gewaffneten Freunden

Trat er darauf herzhaft hervor, und gieng mit verdoppelten Schritten

Seinem verwegenen Feind entgegen, der mehr noch entflammet ward,

Da er dies sah; voll Zuversicht fordert ihn

Findet man dich, Vermessener, hier? Du hattst dir geschmeichelt,

Ohne Widerstand jene Höh, nach welcher du strebest,

Schon zu erreichen; den Thron des Allmächtgen, und seine Seite

Unbewacht und verlassen zu finden, vorm mächtigen Schrecken

Deines streitbaren Arms, und deiner gewaltigen Zunge.

Thörichter! dachtest du nicht, daß es vergeblich sey, Waffen

Wider ihn, den Allmächtgen, zu führen, der zahllose Heere

Aus den geringsten Dingen sich schaffen kann

Zu bestrafen; der dich mit einem einzigen Schlage

Seiner alles erreichenden Hand, ohn' andere Hülfe

Völlig vernichten kann; dich, und deine rebellischen Schaaren,

Wenn er will, überdeckt mit Finsterniß hinlegt. Doch siehst du,

Alle sind nicht von deinem Gefolge; noch einige stehn hier,

Die es vorziehn, an Gott mit Treu und Gehorsam zu halten.

Ob sie gleich deinen verkehrten Augen da sichtbar nicht waren,

Als ich in deiner irrenden Welt allein nur von allen

Abzugehn schien. Du siehest hier meine Sekte! lern itzo,

Aber zu spät, wie oft wenige klug sind, wenn tausend irren.

Jhm antwortet der große Feind mit verachtendem Auge:

Dir zum Unglück, aber für mich und für meine Rache,

Welche zuerst dich gesucht, kehrst du zur glücklichsten Stunde

Von der Flucht wieder um, aufrührischer Engel, am ersten

Deinen gebührenden Lohn zu empfangen, das erste Probstück

Dieses gereizten mächtigen Arms, nachdem du zuerst es

Wagtest, mit dieser Zunge, vom Widerspruchsgeiste befeuert,

Dich dem dritten Theile der Götter entgegen zu stellen,

Die sich in voller Synode versammelt, ihr Recht an die Gottheit

Zu behaupten, und die, so lange sie göttliche Kräfte

In sich noch fühlen, keinem die Allmacht eingestehn können.

Aber du kömmst recht gelegen für deinen Gefährten, voll Ehrsucht

Eine Feder von mir zu gewinnen, damit, wenn dirs glückte,

Du den andern den Weg zu unserm Verderben zeigtest.

Aber zuvor, (der Verzug soll kurz seyn, damit du nicht rühmest,

Daß ich die Antwort dir schuldig geblieben) zuvor laß dir sagen,

Daß ich Anfangs geglaubt, es wäre für himmlische Seelen

Himmel und Freyheit eins; doch seh ich nunmehr, daß die meisten

Lieber aus Trägheit zu dienen geneigt sind! Sklavische Geister,

Bey Gesängen und Festen erzogen; die hast du gewaffnet,

Sänger und Saitenspieler des Himmels; die Knechtschaft gewaffnet,

Mit der Freyheit zu streiten, wie dieser entscheidende Tag wird

Darthun, wenn man sie beyde mit ihren Thaten vergleichet.

Kurz, und mit ernster Stirn antwortet ihm

Abgefallner, du irrest beständig, und deines Jrrens

Wirst du kein Ende finden, nachdem du vom Pfade der Wahrheit

Abgewichen; mit Unrecht willst du durch den Namen der Knechtschaft

Es erniedern, wenn diesem man dient, dem zu dienen der Schöpfer

Und die Natur befiehlt. Gott und die Natur will zugleich es

Wenn er, der herrscht, es am würdigsten ist, und die er beherrschet,

Uebertrifft an Macht und Verdiensten. Dieses ist Knechtschaft,

Dem Unweisen zu dienen, und dem, der voll Hochmuth sich auflehnt

Wider seinen Würdgern; wie dir itzt die Deinigen dienen,

Dir, der du selber nicht frey, und dein eigener Sklav bist. Und darfst doch

Uns und unsern Dienst noch boshaft verspotten. Regiere

Du in der Höllen in deinem Reich, und laß mich im Himmel

Gott dem Ewigseeligen dienen, und seinen Geboten,

Seinen, unsers Gehorsams so würdgen Geboten gehorchen.

Aber erwarte du Strafen und Ketten, und keine Reiche

In der Hölle! — Von dem, der, wie du erst sagtest, geflohn war!

Nimm dies indessen zum Gruß auf deinem gottlosen Helm hin.

Als er noch sprach, erhub er mit seinen mächtigen Armen

Einen verdoppelten Streich in die Höh; der Streich blieb nicht hängen,

Sondern stürzte so schnell, gleich einem Wetter, auf

Stolzen Helm, daß kein Blick, kein schneller Gedanke, noch minder

Sein gewaltiger Schild ihn aufhielt. Zehn gräßliche Schritte

Wankt’ er zurück, den zehnten hielt auf gebogenen Knien

Noch sein Speer auf; als wenn auf der Erden verschlossene Winde

Oder wildbrausende Wasser, die ihren Weg mit Gewalt sich

Oeffnen, ein ganzes Gebirge von seiner Stelle gehoben,

Halb gesunken, mit allen Fichten. Entsetzen ergriff itzt

Die rebellischen Thronen, noch größere Wuth, da sie sahen,

Daß ihr Mächtigster also besiegt war. Die unsern, voll Freuden,

Machten ein siegweißagend Geschrey, voll muthgen Verlangens

Nach der grimmigen Schlacht; deswegen ließ

Die Erzengelsposaune blasen; mit festlichem Klange

Schallte sie durch die Fernen des Himmels; und laute Hosannahs

Wurden von unsern getreuen Heeren dem Höchsten gesungen.

Aber nicht müßig standen die feindlichen Legionen;

Sondern huben mit scheußlicher Wuth den schrecklichen Streit an.

Und nun erhub sich ein wildes Geschrey, und wüthendes Rasen,

Als man vorher nie im Himmel gehört; es prasselten Waffen

Wider Waffen, und brüllten entsetzliche Zwietrach; laut donnern

Durch die Gefilde die tobenden Räder der ehernen Wagen,

Und das Getöse der Schlacht ward fürchterlich. Ueber dem Haupte

Flog ein traurig Gezisch von feurigen Pfeilen, in hohen

Flammenden Wolken; sie überwölbten im Fliegen mit Feuer

Beyde Treffen; so rauschten die beyden mächtigen Heere

Unter der feurigen Decke lautstürmend gegen einander

Mit unauslöschlicher Wuth. Der ganze Himmel erschallte,

Und die Erde, wäre sie damals gewesen, die Erde

Hätte vorm Streit im Mittelpunkte gezittert. Was Wunder,

Da Millionen wildkämpfender Engel auf beyden Seiten

Gegen einander fochten, und der geringste von ihnen

Diese Elemente bezwingen, und mit der Gewalt sich

Jhrer sämmtlichen Kräfte bewaffnen konnte; wie mußte

Jhre Macht nicht viel größer seyn (da zahllose Heere

Gegeneinander stunden) mit furchtbarem kriegrischem Feuer

Jhren beglückten Geburtssitz in wilde Verwirrung zu setzen,

Doch nicht ganz zu zerstören! Wofern nicht der ewige König

Mit allmächtiger Hand von seiner himmlischen Veste

Jhre Gewalt beschränkt; ob ihre Zahl gleich so groß war,

Daß schon jegliche Kriegsschaar für sich ein zahlreiches Heer schien,

Und jedwede gewaffnete Hand allein schon so stark war,

Als ein ganzes Geschwader. Es schien im wilden Gefechte

Jeder Kriegsmann ein Führer, und wußt’ auch ohne Befehle

Anzurücken, zu stehn, die Ordnung der Schlacht zu verändern,

Oder die Glieder des grimmigen Treffens zu öffnen, zu schließen.

Da war kein Gedanke zu fliehn, kein Gedanke zum Weichen,

Keine nicht edele That, die Furcht verrathen. Denn jeder

Stützt sich auf sich selbst, als ob der Ausschlag des Sieges

Einzig auf seinem Arm beruh’ — Erhabene Thaten

Ewigen Nachruhms wurden gethan, doch unendlich zu sagen,

Denn die Schlacht war von vielerley Art, und verbreitete weit sich

Jtzt auf dem Boden ein Treffen zu Fuß; itzt wurden die Lüfte,

Da sie auf ihren gewaltigen Schwingen empor sich gehoben,

Rundum gepeitscht; und die ganze Luft schien ein kämpfendes Feuer.

Lange hieng in ebener Wagschaal die Schlacht. Bis daß Satan,

(welcher an diesem Tag erstaunliche Stärke gezeiget,

Und nicht seines Gleichen gefunden) nachdem er sich lange

Durch das verwirrte Gefecht der Seraphim durchgedrungen,

Endlich sah, wo

Ganze Geschwader hinlegte; mit beyden Händen erhoben

Flog das gewaltige Schlachtschwerdt empor, und mit weiter Verwüstung

Stürzt es wieder herab. Schnell eilte

Solcher Zerstörung entgegen zu setzen. Er warf ihm sein Schild vor,

Eine felsichte Scheibe von zehnfachem Demant, im Umkreis

Unermeßlich. Der Erzengel ließ, indem er sich nahte,

Von der Arbeit der Schlacht ab, und war schon voll freudiger Hoffnung,

Hier den verwüstenden innern Krieg des Himmels zu enden,

Und den Erzfeind niederzuwerfen, oder in Ketten

Jhn gefangen zu schleppen. Mit feindlich drohenden Blicken

Und entflammtem Gesicht begann er zuerst zu ihm also: