Das Verlohrne Paradies. Siebenter Gesang.

By John Milton

Steige vom Himmel herab, Urania Nach dem Horaz Od. III. IV. 1. De- scende coelo etc. Urania heißt nach dem Griechischen himmlisch, daß er also, wie zu Anfang des Gedichts, die himmli- sche Muse anruft. N.! Wenn ich dich anders

Recht bey diesem Namen genannt. Der göttli-

Folg’ ich, indem ich verwegen weit über den hohen

Und weit über den Flug der Schwingen des

Nicht den Namen, dein Wesen ruf ich zum kühneren Lied an,

Denn du bist keine der Musen

Gipfel nicht; sondern bist himmlisch gebohren. Bevor noch die Hügel

Sich erhoben, und Quellen geströmt, da hast du vertraut schon

Mit der ewigen Weisheit dich unterhalten; der Weisheit,

Deiner Schwester; und rührtest mit ihr die himmlischen Saiten

Vor dem allmächtigen Vater, der an den harmonischen Liedern

Selbst sich ergötzte. Geleitet durch dich, erkühnte mein Flug sich

In den Himmel der Himmel hinauf zu steigen. Dort trank ich

Als ein irdischer Gaft die empyreischen Lüfte,

Wieder zur Erde zurück, von der ich entsprungen; damit ich

Nicht, (wie

Stürzte,) von diesem fliegenden Roß, das kein Zügel regieret,

Abgeworfen, herunter falle, die Felder des

Noch die Hälfte des Lieds ist ungesungen, doch enger

In die sichtbare Sphäre des irdischen Tages beschränket.

Da ich auf sterblichem Boden nun steh, und die kühnen Gedanken

Nicht mehr über den Pol hinaus entzückt sind: so sing ich

Oder verstummt; ob ich gleich in übele Tage

Leider gefalln in übele Tage, voll übeler Zungen,

Sitzend in Finsterniß, rund um mich her mit Gefahren umgeben,

Einsam, verlassen; doch nicht allein, so lange du nächtlich

Ueberpurpert. Begeistre mein Lied,

Würdige Hörer finden, obgleich nur wenig der Edlen.

Aber verjage von mir den barbarischen Misklang des

Und der Schwärmer des

Wo selbst Fels und Hain zu seinen entzückenden Liedern

Ohren hatten; bis endlich Geschrey und wildes Getümmel

Leyer und Stimme betäubt; die Muse konnte den Sohn nicht

Schützen; doch also verlaß du nicht den, der itzo dich anruft,

Sage, was drauf, o Göttinn, erfolgt, da so huldreich der Engel

Von dem Abfall und Streit der rebellischen Thronen erzählet,

Und ihn durch dieß schreckliche Beyspiel gewarnet, vor gleichem

Als die Nachwelt auch, die seinen Lenden entsprungen,

Zu bewahren; und da der Baum der verbothnen Erkenntniß

Jhnen versagt war, dieß einzge Geboth, so leicht zu erfüllen,

Niemals zu brechen, und sich vielmehr an mancherley Arten

Voller Verwundrung hatt’ er mit Eva, seiner Vermählten,

Die Erzählung gehört; und saß in tiefen Gedanken

Ueber so hohe fremde Geschichte, so seltene Dinge,

Welche sie kaum sich zu denken vermochten; als Haß in dem Himmel,

Und so nah an der Seeligkeit Sitz, und dem Throne des Ewgen.

Aber das ausgestoßne, zurückgetriebene Böse,

Stürzte stromweis’ auf die, durch die es am ersten entsprungen,

Da es unmöglich sich mit dem Genuß der reinesten Freuden

Die er deshalb sich gemacht. Ein starkes unsündges Verlangen

Fasset ihn itzt, vom Engel zu wissen, was näher ihn angieng,

Wie die Welt, wie Himmel und Erd, im Anfang entstanden,

Wenn, und woraus sie geschaffen, zu welchem Zwecke; was vor ihm

Der erst eben die labende Quelle geschmeckt, noch begierig

Auf dem rinnenden Strom, der mit lebendigem Murmeln

Jmmer noch neuen Durst ihm erregt, sein Auge verweilet:

So fuhr

Große Dinge, sprach er, und wundervolle Geschichte

So verschieden von allem auf dieser niederen Erde,

Hast du uns offenbart, o göttlicher Lehrer! Dich sandte

Von dem Empyreum herab des Ewigen Gnade,

Uns in Zeiten vor Dingen zu warnen, die unser Verderben,

Da wir durch unsern Verstand sie nicht zu erreichen vermochten

Mit unsterblichem Dank sind wir der unendlichen Güte

Auch für diese Warnung verpflichtet, und feyerlich fassen

Wir den festen Entschluß, den Willen des obersten Herrschers

Aber indem du so huldreich uns würdigst, zu unserer Lehre,

Dinge, weit über die irdschen Gedanken, vor uns zu enthüllen,

Die nach der obersten Weisheit Befehl zu unsrer Erkenntniß

Nöthig schienen; so laß dir auch itzt herunter zu steigen,

Vortheilhaft scheint; wie dieser Himmel im Anfang entstanden,

Der so entfernt ist von uns, mit zahllosen feurigen Kugeln

Ausgeziert, und die umringende Luft, die alles, was Raum heißt,

Macht, oder ausfüllt; und rund um verspreitet, den blühenden Erdball

In der heiligen Ruhe der langen Ewigkeiten

Noch so kürzlich im Chaos zu baun

Angefangen, wie bald sie vollbracht? ist dieses dir anders

Uns zu enthüllen erlaubt. Wir suchen mit sträflicher Neugier

Sondern sein Lob zu erhöhn, wenn unser Wissen vermehrt wird.

Noch hat das große Licht des Tages die Hälfte der Rennbahn

Zu durchlaufen, indem es entzückt am Himmel verweilet,

Da es deine Stimme, die mächtige Stimme gehöret,

Und die Natur aus der finsteren Tiefe der Wasser heraufstieg.

Oder wenn nun zu deiner Erzählung der Abendstern. eilet,

Und der vertrauliche Mond; so wird mit dem Schatten der Nacht auch

Schweigende Stille sich nahn; der Schlaf, wenn du redest, wird wachen

Völlig geendet, und dich vor dem Anbruch des Morgens beurlaubt.