Das verlorne Paradies.

By Annette von Droste-Hülshoff

Als noch das Paradies erschlossen war

Dem ersten sündelosen Menschenpaar,

Kein Gift die Viper kannte, keinen Dorn

Der Strauch, der Leu und Tiger keinen Zorn,

Noch fröhlich scholl der Nachtigallen Flöte;

Da schlief an jedem Abend Eva ein

An einem Rosenstrauche, und der Schein

Von ihrer unschuldsvollen Wangenröthe

Spielt’ lieblich um der Blume lichten Ball;

Denn damals waren weiß die Rosen all’

Und dornenlos. — Umnickt vom duft’gen Kranz,

Der über’m Haupte führte lichten Tanz,

Ruhte das erste Weib, Gedanken sinnend.

Die Embrhone schon der Gottheit Siegel

Am Haupte trugen, schon im Keime minnend

Bewegten halberschloss’ne Seraphsflügel;

Sie lag den Zweig an ihre Brust gedrückt;

Denn keine Blume wurde noch gepflückt,

Bis leise sich die Wimper niederließ

Und in die Träume schlich das Paradies;

O heilig war das Weib; wer sie geseh’n,

Nicht denken hätt’ er können, ob sie schön,

Nur daß sie rein wie Thau, und Gottes Spiegel.