Das vierte Fenster.
Des vierten Fensters Schilderey stellt uns, in ungemeiner
Zier,
Von neuem ganz verschiedne Schönheit, in einer neuen Ord-
nung, für.
Wir wollen, zur Veränderung, vom Horizont zum Vorgrund
gehen,
Und wie vorher die nahen Wunder, anitzt die fernen erst
besehen.
Dieß Fenster liegt recht gegen Osten, man sieht hier früh
der Sonnen Gluht,
Am weit entlegnen Horizont, aus der bestrahlten Elbe
Fluht,
In einem Purpur- rohten, güldnen, recht majestät’schen
Schimmer, steigen,
Und, in dem grossen Wasser-Spiegel, im Wiederschein, sich
doppelt zeigen.
Wie schimmern denn die kleinen Wellen! wie zittern von
dem güldnen Licht,
In dem sonst fast sapphirnen Wasser, die angestrahlten
Stellen nicht!
Die man denn oft mit tausend Freuden, da, wo es recht, wie
Feuer, glühet,
Von vielen Segeln unterbrochen, und angenehm beschattet,
siehet.
Wie ich denn einst drey hundert Segel auf einmahl, wunder-
würdig schön,
Auf der bestrahlten Elbe Fluht, in bunten Farben, schwimmen
seh'n.
Von diesem grossen Wasser- Reich wird jenseits unserm
Blick kein Strand,
Und nichts, als Wasser und als Luft, dem Auge sichtbar,
obgleich Land
Hier, durch ein Perspectiv, zu seh’n; so zeigt doch am Gesicht-
Kreis sich
Dem blossen Aug’, als überall, auch hier ein ebner blauer
Strich,
An dem jedoch, von oben her, ein ja so langer weisser
glänzet,
Indem die Luft daselbst am Wasser, wie dieses an dem Luft-
Kreis, grenzet.
Dort ein unabzusehend blaues, hier ein beblühmtes gelbes
Feld
Wird disseits, durch den hohen Deich, so wie es scheinet, in
der Mitten,
Als wie durch einen grünen Strich, geziert, geschieden und
durchschnitten,
Der den gewalt’gen Wasser-Strohm, GOtt Lob! bisher
zurücke hält.
Am Fusse dieser grünen Mauer ist ein fast güldner Strich
zu schauen
Von der beblühmten Herren-Wiese, der, bey den grünen,
weiss- und blauen,
Vorhin bereits erwehnten Strichen, sich in annoch ver-
mehrter Pracht,
Indem der obre Silber scheint, zu einem güldnen Grunde
macht.
Die schön- beblühmten Auen nun, mit fetten Heerden ange-
füllt,
Die scheinen, ja sind in der That, des Friedens und der Ruhe
Bild.
Man würd’ hier von der weiten Fläche und grünen Ebne
mehr noch seh'n;
Allein verschiedene Gebäude, nebst Bäumen, die sich da
erhöh'n,
Verdecken sie, und zeigen sich bald hier mit ihren rohten
Gipfeln,
Bald dort, zumahlen wenn sie blüh’n, mit gelblich-grün- und
weissen Wipfeln,
An ihrer Stelle gleichfals schön, indem sie, von den ebnen
Flächen,
Die fast gleichformige Figur, durch viele Formen, unter-
brechen.
Das Haus des
sen,
Erhebt und weiset sich vor andern, worauf denn von der
breiten Gassen
Die Häuser in der Quer sich zeigen, nebst ihren Gärtchen, an
dem Graben,
Von welchem wir den glatten Spiegel, samt seinem Schmuck,
beschrieben haben.
Hier siehet man, von hohen Jpern, der schattigten Alleen
Pracht,
Die, zwischen beyden breiten Graben, des Schlosses schö-
nen Eingang macht,
Und an derselben das Gerichts-Haus, von Steinen zierlich
aufgeführet,
So überhalb der
Land-Soldaten
Die Wache stets versehen wird. Gleich an der
Garde rühret
Des äussern Grabens grosse Brücke, die mit der Zug-Brück’
ausgezieret,
Und alle Nacht geschlossen wird, sowohl als sie den innern
decket.
Von dieser langen, starken Brücke, so zieret, nützt und
schützt, erstrecket
Sich noch ein Damm, den ich mit Jpern, zu beyden Seiten,
ausgeschmückt,
Zu dessen Ende man das Thor, ein grosses Flügel-Thor,
erblickt.
Da sieht man sich zween Wege theilen, der eine führet,
linker Hand,
Zum Flecken und zur Hardewick, woran noch ein Paar
Häuser stand,
Der andere nach Groden zu. Zieh’ ich von dort nun meine
Blicke,
Von der geschmückten Landschaft Ferne, noch immer näher
zu mir her;
Seh’ ich des Walles Parapet, und, auf den Batterien,
Stücke,
Von unten einen schrägen Weg, der, rechter Hand, uns in die
Quer,
Wie jener, den wir erst beschrieben, sich zu der linken Hand
erhöht,
Wodurch denn eine Symmetrie, wenn man im Schloß-Platz
tritt, entsteht,
Da dieser auch mit jungen Linden, sowohl als jener, ausge-
ziert,
Und einer, linker Hand, bequem, der andre Rechts zum Wall
uns führt.
Dieß wäre nun der Schmuck und Inhalt der vierten Fenster-
Schilderey.
Wir haben denn zu seh’n noch übrig, was auf der fünf-
ten Tafel sey.
Es wird zuerst, im Vorgrund hier, ein Stall (der noch nicht
lang' erbaut
Und ziemlich zierlich aufgeführt) und, überdem, der Wall
geschaut,
Worauf, nebst einem grossen Stück, ein Schilder-Haus
und ein Gerüst,
Mit einer grossen erzuen Glocke, (die, wenn es Zeit zu essen
ist,
Den Leuten auf dem Feld’ es meldet) und, überdem, nicht
minder schön,
Als was wir sonst bereits erblicket, vom Garten auch ein
Theil zu seh'n,
Der zwischen beyden Graben lieget, durch deren Bäume
holdes Grün,
Zumahl wenn sie, wie eben itzt, in Millionen Bluhmen
blüh'n,
Das Auge sich besonders labt. Dann siehet man, nicht ohn’
Vergnügen,
Auf dem geraumen Vorwerks-Platz, zwey grosse Vorwerk’
einzeln liegen,
Die zu der Stallung für das Vieh, zum Schirm-Dach für
des Sommers Gaben,
An Umfang, Höhe, Breit’ und Länge, nicht leichtlich ihres
gleichen haben.
Zu beyden Seiten werden Felder, mit Saat gesegnet und
geschmückt,
Auch, nebst dem Grodner Weg und Häusern, ein langes
Stück vom Deich' erblickt,
Worüber man der Elbe Fluht, die sich im grossen Cirkel
zieht,
So hier, als um die ganze Landschaft, bis am Gesichts-Kreis,
fliessen sieht.
Dieß wäre nun, in einer Kürze, so weit sich das Gesicht
erstrecket,
Was man für eine Wunder-Meng’ aus meines Thürmchens
Sitz entdecket,
Zur stetigen Erinnerung, wie wunderschön auch hier die
Welt,
Zum Preise Deß, Der sie gemacht, Der sie geschmückt, Der
sie erhält,
Der Land und Wasser benedeyet, und sie so herrlich vorge-
stellt.
Der innre Zieraht meiner Einöd’ ist und bestehet aus
Papier,
Worauf jedoch der Menschen Kunst, in einer nett verklein-
ten Zier,
Die Gröss’ und Pracht, wozu die Menschheit, durch Denken
und durch Fleiß, geschickt,
Ja, daß durch sie, als durch ein Werkzeug, sich die Natur oft
selber schmückt,
In Frankreichs Gärten vorgestellt. Es dienet dieser Zieraht
mir
Zugleich, da er in Oel getränkt, und vor den Fenstern sitzt,
die Blitze
Der Sonnen-Strahlen abzukehren, wie auch den Wind, so
daß in Hitze,
Nicht weniger auch in der Kälte, mir Frankreichs Herrlich-
keiten nütze.
Noch zeigen, edler Mieris, hier von deiner Hand verschiedne
Risse,
Daß man, in deiner Bilder Zügen, Natur und Kunst bewun-
dern müsse:
(wofern nicht auch die Kunst Natur,
Und wesentlich nicht unterschieden.) Sonst steh’n, in diesem
Thürmchen, nur
Zwey Stühl’, ein Tisch von Holz, sechs Bücher, und, zu der
Stärkung des Gesichts,
Ein Perspectiv: Papier und Federn, ein Bluhmen-Glas, und
weiter nichts.
Dieß ist von meiner hohen Einöd’ ein Abriß, den ich, nach
Vermögen,
So zum erwegenden Bewundern, dir, wehrter Leser, als auch
mir,
Zum Dank- erfüllten Angedenken, bemüht gewesen vorzule-
gen.
Hier seh’ ich nun, in stiller Freuden, (mein Schöpfer, Dir sey
Dank dafür!)
Noch täglich, mit stets neuen Augen,
des Wassers Pracht,
Auch, im erstaunlich- weiten Umfang,
ments Sapphir,
Und lob’, im fröhlichen Erstaunen, den Schöpfer, welcher
alles macht,
Der alles ziert, erhält, regieret, und welcher mir in meinem
Leben,
In diesem Sitz, Jhn zu bewundern, so viel Gelegenheit
gegeben.