Das vierte Fenster.

By Barthold Heinrich Brockes

Des vierten Fensters Schilderey stellt uns, in ungemeiner

Zier,

Von neuem ganz verschiedne Schönheit, in einer neuen Ord-

nung, für.

Wir wollen, zur Veränderung, vom Horizont zum Vorgrund

gehen,

Und wie vorher die nahen Wunder, anitzt die fernen erst

besehen.

Dieß Fenster liegt recht gegen Osten, man sieht hier früh

der Sonnen Gluht,

Am weit entlegnen Horizont, aus der bestrahlten Elbe

Fluht,

In einem Purpur- rohten, güldnen, recht majestät’schen

Schimmer, steigen,

Und, in dem grossen Wasser-Spiegel, im Wiederschein, sich

doppelt zeigen.

Wie schimmern denn die kleinen Wellen! wie zittern von

dem güldnen Licht,

In dem sonst fast sapphirnen Wasser, die angestrahlten

Stellen nicht!

Die man denn oft mit tausend Freuden, da, wo es recht, wie

Feuer, glühet,

Von vielen Segeln unterbrochen, und angenehm beschattet,

siehet.

Wie ich denn einst drey hundert Segel auf einmahl, wunder-

würdig schön,

Auf der bestrahlten Elbe Fluht, in bunten Farben, schwimmen

seh'n.

Von diesem grossen Wasser- Reich wird jenseits unserm

Blick kein Strand,

Und nichts, als Wasser und als Luft, dem Auge sichtbar,

obgleich Land

Hier, durch ein Perspectiv, zu seh’n; so zeigt doch am Gesicht-

Kreis sich

Dem blossen Aug’, als überall, auch hier ein ebner blauer

Strich,

An dem jedoch, von oben her, ein ja so langer weisser

glänzet,

Indem die Luft daselbst am Wasser, wie dieses an dem Luft-

Kreis, grenzet.

Dort ein unabzusehend blaues, hier ein beblühmtes gelbes

Feld

Wird disseits, durch den hohen Deich, so wie es scheinet, in

der Mitten,

Als wie durch einen grünen Strich, geziert, geschieden und

durchschnitten,

Der den gewalt’gen Wasser-Strohm, GOtt Lob! bisher

zurücke hält.

Am Fusse dieser grünen Mauer ist ein fast güldner Strich

zu schauen

Von der beblühmten Herren-Wiese, der, bey den grünen,

weiss- und blauen,

Vorhin bereits erwehnten Strichen, sich in annoch ver-

mehrter Pracht,

Indem der obre Silber scheint, zu einem güldnen Grunde

macht.

Die schön- beblühmten Auen nun, mit fetten Heerden ange-

füllt,

Die scheinen, ja sind in der That, des Friedens und der Ruhe

Bild.

Man würd’ hier von der weiten Fläche und grünen Ebne

mehr noch seh'n;

Allein verschiedene Gebäude, nebst Bäumen, die sich da

erhöh'n,

Verdecken sie, und zeigen sich bald hier mit ihren rohten

Gipfeln,

Bald dort, zumahlen wenn sie blüh’n, mit gelblich-grün- und

weissen Wipfeln,

An ihrer Stelle gleichfals schön, indem sie, von den ebnen

Flächen,

Die fast gleichformige Figur, durch viele Formen, unter-

brechen.

Das Haus des

sen,

Erhebt und weiset sich vor andern, worauf denn von der

breiten Gassen

Die Häuser in der Quer sich zeigen, nebst ihren Gärtchen, an

dem Graben,

Von welchem wir den glatten Spiegel, samt seinem Schmuck,

beschrieben haben.

Hier siehet man, von hohen Jpern, der schattigten Alleen

Pracht,

Die, zwischen beyden breiten Graben, des Schlosses schö-

nen Eingang macht,

Und an derselben das Gerichts-Haus, von Steinen zierlich

aufgeführet,

So überhalb der

Land-Soldaten

Die Wache stets versehen wird. Gleich an der

Garde rühret

Des äussern Grabens grosse Brücke, die mit der Zug-Brück’

ausgezieret,

Und alle Nacht geschlossen wird, sowohl als sie den innern

decket.

Von dieser langen, starken Brücke, so zieret, nützt und

schützt, erstrecket

Sich noch ein Damm, den ich mit Jpern, zu beyden Seiten,

ausgeschmückt,

Zu dessen Ende man das Thor, ein grosses Flügel-Thor,

erblickt.

Da sieht man sich zween Wege theilen, der eine führet,

linker Hand,

Zum Flecken und zur Hardewick, woran noch ein Paar

Häuser stand,

Der andere nach Groden zu. Zieh’ ich von dort nun meine

Blicke,

Von der geschmückten Landschaft Ferne, noch immer näher

zu mir her;

Seh’ ich des Walles Parapet, und, auf den Batterien,

Stücke,

Von unten einen schrägen Weg, der, rechter Hand, uns in die

Quer,

Wie jener, den wir erst beschrieben, sich zu der linken Hand

erhöht,

Wodurch denn eine Symmetrie, wenn man im Schloß-Platz

tritt, entsteht,

Da dieser auch mit jungen Linden, sowohl als jener, ausge-

ziert,

Und einer, linker Hand, bequem, der andre Rechts zum Wall

uns führt.

Dieß wäre nun der Schmuck und Inhalt der vierten Fenster-

Schilderey.

Wir haben denn zu seh’n noch übrig, was auf der fünf-

ten Tafel sey.

Es wird zuerst, im Vorgrund hier, ein Stall (der noch nicht

lang' erbaut

Und ziemlich zierlich aufgeführt) und, überdem, der Wall

geschaut,

Worauf, nebst einem grossen Stück, ein Schilder-Haus

und ein Gerüst,

Mit einer grossen erzuen Glocke, (die, wenn es Zeit zu essen

ist,

Den Leuten auf dem Feld’ es meldet) und, überdem, nicht

minder schön,

Als was wir sonst bereits erblicket, vom Garten auch ein

Theil zu seh'n,

Der zwischen beyden Graben lieget, durch deren Bäume

holdes Grün,

Zumahl wenn sie, wie eben itzt, in Millionen Bluhmen

blüh'n,

Das Auge sich besonders labt. Dann siehet man, nicht ohn’

Vergnügen,

Auf dem geraumen Vorwerks-Platz, zwey grosse Vorwerk’

einzeln liegen,

Die zu der Stallung für das Vieh, zum Schirm-Dach für

des Sommers Gaben,

An Umfang, Höhe, Breit’ und Länge, nicht leichtlich ihres

gleichen haben.

Zu beyden Seiten werden Felder, mit Saat gesegnet und

geschmückt,

Auch, nebst dem Grodner Weg und Häusern, ein langes

Stück vom Deich' erblickt,

Worüber man der Elbe Fluht, die sich im grossen Cirkel

zieht,

So hier, als um die ganze Landschaft, bis am Gesichts-Kreis,

fliessen sieht.

Dieß wäre nun, in einer Kürze, so weit sich das Gesicht

erstrecket,

Was man für eine Wunder-Meng’ aus meines Thürmchens

Sitz entdecket,

Zur stetigen Erinnerung, wie wunderschön auch hier die

Welt,

Zum Preise Deß, Der sie gemacht, Der sie geschmückt, Der

sie erhält,

Der Land und Wasser benedeyet, und sie so herrlich vorge-

stellt.

Der innre Zieraht meiner Einöd’ ist und bestehet aus

Papier,

Worauf jedoch der Menschen Kunst, in einer nett verklein-

ten Zier,

Die Gröss’ und Pracht, wozu die Menschheit, durch Denken

und durch Fleiß, geschickt,

Ja, daß durch sie, als durch ein Werkzeug, sich die Natur oft

selber schmückt,

In Frankreichs Gärten vorgestellt. Es dienet dieser Zieraht

mir

Zugleich, da er in Oel getränkt, und vor den Fenstern sitzt,

die Blitze

Der Sonnen-Strahlen abzukehren, wie auch den Wind, so

daß in Hitze,

Nicht weniger auch in der Kälte, mir Frankreichs Herrlich-

keiten nütze.

Noch zeigen, edler Mieris, hier von deiner Hand verschiedne

Risse,

Daß man, in deiner Bilder Zügen, Natur und Kunst bewun-

dern müsse:

(wofern nicht auch die Kunst Natur,

Und wesentlich nicht unterschieden.) Sonst steh’n, in diesem

Thürmchen, nur

Zwey Stühl’, ein Tisch von Holz, sechs Bücher, und, zu der

Stärkung des Gesichts,

Ein Perspectiv: Papier und Federn, ein Bluhmen-Glas, und

weiter nichts.

Dieß ist von meiner hohen Einöd’ ein Abriß, den ich, nach

Vermögen,

So zum erwegenden Bewundern, dir, wehrter Leser, als auch

mir,

Zum Dank- erfüllten Angedenken, bemüht gewesen vorzule-

gen.

Hier seh’ ich nun, in stiller Freuden, (mein Schöpfer, Dir sey

Dank dafür!)

Noch täglich, mit stets neuen Augen,

des Wassers Pracht,

Auch, im erstaunlich- weiten Umfang,

ments Sapphir,

Und lob’, im fröhlichen Erstaunen, den Schöpfer, welcher

alles macht,

Der alles ziert, erhält, regieret, und welcher mir in meinem

Leben,

In diesem Sitz, Jhn zu bewundern, so viel Gelegenheit

gegeben.