Das vom Wiederschein geschmückte klare Wasser.

By Barthold Heinrich Brockes

Hier, wo helle Sittig- grüne mit viel dunkel- grünen

Schatten,

Zum Vergnügen unsrer Augen, im polierten Glanz sich

gatten,

Sieht man von den weissen Weyden, von dem Schilf und

niedern Büschen

Eine deutliche Verdopplung in den Wiederschein sich

mischen,

Daß ein es bemerkend Aug’, inniglich dadurch gerührt,

In dem grünen klaren Glanz, in dem Wasser-Spiegel hie,

Den so schöne Bilder füllen von der schwimmenden Copie,

Bald ein ja so groß Vergnügen, als von ihrem Urbild,

spührt.

Aber, wenn man alle beyde, öfters wechsels-weis’, erblicket,

Wird man durch die dopple Pracht doppelt auch dadurch

erquicket.

Oft, wenn man, in sanfter Stille, sich an beyder Pracht

ergetzt,

Wird man, durch ein schnell Geräusche, fast in kleine Furcht

gesetzt,

Wenn, aus grünen nassen Bäumen, Karpen hie und da sich

heben,

Und, mit klatschendem Gezisch, in begrünten Lüften

schweben,

Bald beschuppte blaue Rücken, bald die gelben Bäuche

zeigen,

Und, mit schwankender Bewegung, wieder schnell sich ab-

werts neigen.

Da sie denn, mit stärkerm Klatschen, und vergrössertem

Bewegen,

Tausend Silber-farbne Cirkel auf der grünen Fläch’ erregen.

Hat sich nun die vor’ge Stille mählich wieder eingefunden,

Siehet man die grüne Schönheit wieder, wie zuvor, ver-

bunden.

Tausend zierliche Figuren stellen in dem grünen Schein,

Der so mannigfaltig grün, wie auf Glas gemahlt, sich ein.

Wie ich eben dieses schrieb, und ich auf des Wassers

Spiegel

Einen nah dabey gelegnen Gras- und Kräuter-reichen

Hügel,

Auch ein auf ihm weidend Schaf sich im Wasser bilden

sah;

Machte mir, nebst andern Bildern, welche auf dem Was-

ser liegen,

Durch der Farb- und Formen Schmuck, dieses Bild auch

ein Vergnügen.

Aber höret, was geschah!

Eben auf derselben Stelle, wo das Bild vom Schafe

schwamm,

Nah an einer Weiden Stamm,

Warf von ungefehr ein Fisch aus der Fluht sich in die

Höhe,

Welches mich zum Lachen brachte,

Weil ich bey dem Zufall dachte:

Dieses dient’, ein gutes Rähtsel etwan folgends abzuge-

ben:

(mancher dürft’, es aufzulösen, sich vielleicht umsonst

bestreben)

„oerter wären in der Welt, wo es dann und wann geschähe,

„daß, wenn Schaf’ in vollem Grase auf der fetten Weide

gingen,

„jhnen, eh’ man sichs versähe,

„carpen aus den Rücken sprüngen.

Diese Grille theilt ich

Welcher, etwa ein paar Schritt

Von mir, in dem weichen Grase

Ein gelehrtes Büchlein lase.

Der denn, da er diese Wahrheit von dem seltnen Zufall

wußte,

Ob er gleich sonst ziemlich ernsthaft, doch darüber lachen

mußte.

Darauf fuhr ich, wie vorhin, an dem angenehmen Ort,

Mit den vorigen Gedanken von dem Schmuck des Wassers,

fort.

Oft wird des gefärbten Wassers, und der Bilder-vollen Pracht

Lieblich- stille, sanfte, dunkle, angenehme, grüne Nacht

Noch viel schöner unterbrochen, wenn bald die bestrahlte

Gluht

Einer Purpur-rohten Bluhme, die am Ufer steht, die Fluht

Recht mit einem rohten Scheine, wo sie dunkel- grün

gemahlet,

Bald des Flieders weisse Blühte, wie ein weisses Licht,

bestrahlet.

Oefters sieht man schnelle Lichter auf dem dunklen Grund

entsteh'n,

Wenn von denen schnellen Schwalben, die, mit emsigem

Vergnügen,

Ueber dieser glatten Bahn, mit bestralten Schwingen, fliegen,

Auch, im regen Wiederschein, ihre weisse Brust zu seh’n.

Da denn, durch den regen Schatten, oft ein rauschendes

Getümmel

In der Fluht erreget wird, wo ein scheuches Fisch-Gewim-

mel

Auf des Wassers Fläche spielt, die, durch ein empfundnes

Schrecken,

Sich auf einmahl in die Tiefe wieder suchen zu verstecken.

Selbst des Himmels schönes Blau scheint auf dieser Fluht

zu schwimmen,

Selbst der Sonnen Strahl auf ihr, wie ein güldnes Feur,

zu glimmen.

Kurz: es scheint, in einer Landschaft, auf der Fluht der

Wiederschein,

Unter allen, was so lieblich, fast das Lieblichste zu seyn.

Tausendmahl hab’ ich mich hier in das kühle Gras gesetzet,

Und mich bald am schönen Urbild, bald am Wiederschein,

ergetzet.

Da denn erst der Schein zum Urbild, dieß darauf zu Dem

mich zog,

Der es, uns zur Lust, erschaffen. Den die Lieb’ allein bewog,

So viel schönes uns auf Erden, und dazu uns das Gesicht,

Nebst dem alles zeigenden wunderreichen Sonnen-Licht,

Bloß zu unserm Nutz und Besten, uns gewürdigt, uns zu

schenken.

Möchte man doch solche Güte, solche weise Macht bedenken,

Und doch das, was gut, als gut, und doch das, was schön,

als schön,

Gott zum Ruhm, in unsrer Lust, uns bestreben anzusehn!