Daß ehrwürdige Alter Bey Beerdigung Fr. M. L. g. E. den 9. Julii 1671.

By Heinrich Mühlpfort

Das ungemenschte Bolck die rauhen Massageten

So theils Möotis Pful theils Tanais umschränckt

Mag aus ergrimmtem Haß sein’ alte Greisen tödten;

Ob es die

Daß ein verlebter Leib nicht zu Geschäfften nütze

Daß ein krafftloser Arm nicht ferner dienen kan

Daß ein betagter Mann mehr bey dem Ofen sitze

Als er zu Felde geht und legt den Harnisch an.

So laufft doch der Natur diß Rasen gantz zuwider.

Ists möglich daß ein Mensch den andern Menschen schlacht?

Und jämmerlich zermetzt sein eigen Fleisch und Glieder?

Ja oft den jenen Leib so ihn zur Welt gebracht?

Jhr wilden Scythen geht mit den verdammten Bräuchen

Mit dem verfluchten Neid der auf das Alter fällt.

Ein Anblick grauer Haar und derer Ehren-Zeichen

Hat gar was Herrlichers in unserm Sinn bestellt.

Pflantzt ein beschneites Haupt und ernstliches Gesichte

Der rohen Jugend nicht Pflicht und Gehorsam ein?

Weist nicht der Jahre Schnee der Weißheit reiffe Fruchte?

Und bey Betagten muß auch viel Erfahrung seyn.

Des Menschen Seele fängt alsdenn erst an zu leben

Je mehr der mürbe Leib sich zu dem Grabe neigt;

Ist von den Reitzungen und Lüsten nicht umbgeben

Auß derer Keim und Kern nur lauter Unfall steigt.

Da vor der Jahre May vom warmen Blut erhitzet

Hat hier des Alters Frost die Flammen abgekühlt

Da in Begierden vor das geile Fleisch geschwitzet

Verzehrt es hier die Zeit daß nichts dergleichen fühlt.

Zu dem verlescht auch nicht des Geistes Feuer-Funcken

Die Asche grauer Haar so sie vielmehr ernehrt.

Die Seele so vorhin von dem Geblüte truncken

Wird gleichsam nüchtern da und bleibet unbeschwert.

Verschwind des Leibes Krafft so wächst der Klugheit Stärcke

Verblühn die Glieder schon so grünet der Verstand.

That nicht Themistocles im Alter Wunder-Wercke?

Lebt er nicht hundert Jahr an Sinnen unverwand?

Und alte Leute sind recht himmlische Sibyllen

Die ins Verborgne sehn weissagen was ergeht

Die den Oraculn gleich die Welt mit Weißheit füllen

Und lehren was da wol und was da übel steht.

Ließ uns das Alterthum nicht Sitten und Gesetze?

Hat der begraute Witz nicht Länder auferbaut?

Und Städte angelegt und zu denselben Schätze

Und aller Völcker Recht der Nachwelt anvertraut?

Welch Undanck wär es nun die sich umb uns verdienet

Durch ihre Müh und Fleiß in Wolstand uns gebracht

Nicht wieder so zu ehrn daß ihr Gedächtnüß grünet

Daß ihnen Lob und Ruhm ein ewig Denckmal macht!

Und weyht der Danckbarkeit Athen so viel Altare

So kan ein Mensch sein Hertz zum Danck-Altare weyhn

Der Scheitel Lilien dem Silber-grauen Haare

Das uns mit Gutthat pflegt und Segen zu bestreun.

Bevor wann sie nun diß was sterblich abgeleget

Und den erstarrten Leib der Erden schicken zu

Daß man nicht ihren Ruhm zugleich zu Grabe träget

Den letzten Ehren-Dienst als wie es billich thu’.

Jhr hochbetrübten ihr in Flor und Schleyr verstecket

Fühlt jetzt des Todes Grimm in mancherley Gestalt.

Jhn hat

Der ihm sein Hertze raubt in dem die Liebste kalt.

Denn muß der Kinder Reyh die treue Mutter missen

Stöst heisse Seuffzer auß schmiltzt in ein Thränen-See

Klagt daß ihr Aufenthalt und Zuflucht hingerissen

Und daß der beste Freund von ihrer Seiten geh.

Der Enckel zarte Schaar von Wehmuth überschwemmet

Weiß nicht genug sein Leid zu geben an das Licht

Läst seiner Augen-Brunn abschiessen ungehemmet

In dem der müde Mund Groß-Mutter rufft und spricht.

So sehnlich wird betraut die Seelige Matrone

Die Ehr und Lebens satt gegangen auß der Welt

Und deren graue Haar auch ihres Alters Krone

Weil sie die Lebens-Zeit der Tugend zugesellt.

Mißgönnt

Daß sie der Erden Angst vertauscht umb stete Lust

Daß statt der Dornen sie in Rosen jetzt kan weiden

Und vor deß Crentzes Kelch den Tranck des Lebens kost.

Wie viel elende Nächt’ und Tage sie gelitten

Wie offt der Kranckheit Schmertz den matten Leib geplagt

Und wie ihr Mutter-Hertz der Kummer hat bestritten

Ist sattsam an dem Licht und unnoth daß mans sagt.

Nun hat sie obgesiegt ihr ist der Kampff gelungen

Weil Glauben und Gedult als Waffen sie geführt

Und mit durch Noth und Tod hertzhafftig durchgedrungen

Daß ihre Scheitel nun die Ehren-Krone ziert.

Das kan

Jhr Alter wird euch auch ein Tugend-Spiegel seyn

Und Stralen guter Zucht in eure Hertzen blitzen

Und in der Seelen Grund ihr Denckmahl sencken ein.

Was wolt ihr viel das Grab mit tauseud Thränen waschen?

Wer so den Lauff vollbracht dem rufft man mehr Glück zu!

Rühmt eurer Mutter Treu und ehrt den Rest der Aschen

Biß daß euch GOttes Schluß rufft zu dergleichen Ruh.