Daß ehrwürdige Alter Bey Beerdigung Fr. M. L. g. E. den 9. Julii 1671.
Das ungemenschte Bolck die rauhen Massageten
So theils Möotis Pful theils Tanais umschränckt
Mag aus ergrimmtem Haß sein’ alte Greisen tödten;
Ob es die
Daß ein verlebter Leib nicht zu Geschäfften nütze
Daß ein krafftloser Arm nicht ferner dienen kan
Daß ein betagter Mann mehr bey dem Ofen sitze
Als er zu Felde geht und legt den Harnisch an.
So laufft doch der Natur diß Rasen gantz zuwider.
Ists möglich daß ein Mensch den andern Menschen schlacht?
Und jämmerlich zermetzt sein eigen Fleisch und Glieder?
Ja oft den jenen Leib so ihn zur Welt gebracht?
Jhr wilden Scythen geht mit den verdammten Bräuchen
Mit dem verfluchten Neid der auf das Alter fällt.
Ein Anblick grauer Haar und derer Ehren-Zeichen
Hat gar was Herrlichers in unserm Sinn bestellt.
Pflantzt ein beschneites Haupt und ernstliches Gesichte
Der rohen Jugend nicht Pflicht und Gehorsam ein?
Weist nicht der Jahre Schnee der Weißheit reiffe Fruchte?
Und bey Betagten muß auch viel Erfahrung seyn.
Des Menschen Seele fängt alsdenn erst an zu leben
Je mehr der mürbe Leib sich zu dem Grabe neigt;
Ist von den Reitzungen und Lüsten nicht umbgeben
Auß derer Keim und Kern nur lauter Unfall steigt.
Da vor der Jahre May vom warmen Blut erhitzet
Hat hier des Alters Frost die Flammen abgekühlt
Da in Begierden vor das geile Fleisch geschwitzet
Verzehrt es hier die Zeit daß nichts dergleichen fühlt.
Zu dem verlescht auch nicht des Geistes Feuer-Funcken
Die Asche grauer Haar so sie vielmehr ernehrt.
Die Seele so vorhin von dem Geblüte truncken
Wird gleichsam nüchtern da und bleibet unbeschwert.
Verschwind des Leibes Krafft so wächst der Klugheit Stärcke
Verblühn die Glieder schon so grünet der Verstand.
That nicht Themistocles im Alter Wunder-Wercke?
Lebt er nicht hundert Jahr an Sinnen unverwand?
Und alte Leute sind recht himmlische Sibyllen
Die ins Verborgne sehn weissagen was ergeht
Die den Oraculn gleich die Welt mit Weißheit füllen
Und lehren was da wol und was da übel steht.
Ließ uns das Alterthum nicht Sitten und Gesetze?
Hat der begraute Witz nicht Länder auferbaut?
Und Städte angelegt und zu denselben Schätze
Und aller Völcker Recht der Nachwelt anvertraut?
Welch Undanck wär es nun die sich umb uns verdienet
Durch ihre Müh und Fleiß in Wolstand uns gebracht
Nicht wieder so zu ehrn daß ihr Gedächtnüß grünet
Daß ihnen Lob und Ruhm ein ewig Denckmal macht!
Und weyht der Danckbarkeit Athen so viel Altare
So kan ein Mensch sein Hertz zum Danck-Altare weyhn
Der Scheitel Lilien dem Silber-grauen Haare
Das uns mit Gutthat pflegt und Segen zu bestreun.
Bevor wann sie nun diß was sterblich abgeleget
Und den erstarrten Leib der Erden schicken zu
Daß man nicht ihren Ruhm zugleich zu Grabe träget
Den letzten Ehren-Dienst als wie es billich thu’.
Jhr hochbetrübten ihr in Flor und Schleyr verstecket
Fühlt jetzt des Todes Grimm in mancherley Gestalt.
Jhn hat
Der ihm sein Hertze raubt in dem die Liebste kalt.
Denn muß der Kinder Reyh die treue Mutter missen
Stöst heisse Seuffzer auß schmiltzt in ein Thränen-See
Klagt daß ihr Aufenthalt und Zuflucht hingerissen
Und daß der beste Freund von ihrer Seiten geh.
Der Enckel zarte Schaar von Wehmuth überschwemmet
Weiß nicht genug sein Leid zu geben an das Licht
Läst seiner Augen-Brunn abschiessen ungehemmet
In dem der müde Mund Groß-Mutter rufft und spricht.
So sehnlich wird betraut die Seelige Matrone
Die Ehr und Lebens satt gegangen auß der Welt
Und deren graue Haar auch ihres Alters Krone
Weil sie die Lebens-Zeit der Tugend zugesellt.
Mißgönnt
Daß sie der Erden Angst vertauscht umb stete Lust
Daß statt der Dornen sie in Rosen jetzt kan weiden
Und vor deß Crentzes Kelch den Tranck des Lebens kost.
Wie viel elende Nächt’ und Tage sie gelitten
Wie offt der Kranckheit Schmertz den matten Leib geplagt
Und wie ihr Mutter-Hertz der Kummer hat bestritten
Ist sattsam an dem Licht und unnoth daß mans sagt.
Nun hat sie obgesiegt ihr ist der Kampff gelungen
Weil Glauben und Gedult als Waffen sie geführt
Und mit durch Noth und Tod hertzhafftig durchgedrungen
Daß ihre Scheitel nun die Ehren-Krone ziert.
Das kan
Jhr Alter wird euch auch ein Tugend-Spiegel seyn
Und Stralen guter Zucht in eure Hertzen blitzen
Und in der Seelen Grund ihr Denckmahl sencken ein.
Was wolt ihr viel das Grab mit tauseud Thränen waschen?
Wer so den Lauff vollbracht dem rufft man mehr Glück zu!
Rühmt eurer Mutter Treu und ehrt den Rest der Aschen
Biß daß euch GOttes Schluß rufft zu dergleichen Ruh.