Dem Unbekannten.
Ruhst und rastest du denn nimmer, erhabene
Grosse Mutter Natur? Schlummert die Schnell-
kraft nie,
Die den Schooss dir befruchtet,
Die die säugende Brust dir schwellt?
Von dem mattesten Strahl, welcher den Morgen
färbt,
Regt die Rüstige sich, schafft und zerstört und wirkt,
Bis die blasseste Rose
In den Locken des Abends welkt —
Auf thauduftender Flur schlummert die Mitternacht.
Seine wolkige Bahn wandelt der müde Mond.
Ringsum gähnet die Schöpfung;
Rastlos waltet die Schöpferin,
Schwirrt im flisternden Schilf, plätschert im Rohr
des Sumpfs,
Tränkt die Saaten mit Thau, duftet im Fliederbusch,
Gurgelt heiser im Frosche,
Flötet gellend im Wachtelschlag;
Summt im blühenden Baum aus den Zehntausenden
Goldner Käfer, beseelt Völker von gaukelnden
Mücken, schrillt in der Grille
Flügel, donnert im Wasserfall,
Thürmt am Saume des Süd Wolken wie Berg'
empor,
Wälzt die Berge daher, prasselt aus kämpfenden
Wolken, zuckt in der Leuchtung,
Stürmt im brausenden Wirbelwind.
Die du, heilige Kraft, brünstig das All um-
schlingst,
Alles Leben gebierst, alles Geborne nährst,
Unbekannte, wer bist du?
Nieerlauschte, wo wirkest du?
Durch die Adern des All spritzest du flammend
Blut,
Kochst in Schachten das Gold, rüttelst den Ocean,
Wölbst Basalte zu Domen,
Höhlst kristallene Grotten aus.
Aus dem Staube herauf rufst du die Pflanzen-
welt.
Säuselnd wallet die Saat, säuselnd der Eichenwald.
Sonnan rauschet die Zeder,
Würzig duftet das Veilchenthal.
Stoffen gibst du Gestalt, gibst dem Atom Ge-
fühl,
Jubel füllen den Busch, Jubel die blaue Luft.
Schau, es wimmelt im Tropfen,
Schau, das Sandkorn bevölkert sich.
Leben, nimmer gezählt, preisen dich, Künst
lerin,
Leben jeglicher Art, Kondor und Colibri,
Strausspolype und Flusspferd,
Riesenmuschel und Räderthier.
Aber lauter, denn sie, preist dich des Menschen
Geist,
Dich der Kante Vernunft, dich der Gesang Homers,
Dich der Zirkel des Newton,
Dich der Pinsel des Raphael.
Ahnd' ich Wahrheit? Bist du jenes unendliche,
Unergründliche Ding, welches des Denkers Loth
Zu ergründen, der Hymne
Flug umsonst zu erfliegen strebt?
Bist du Gottheit? bist du's, welchen die Myrias
Menschenzunge besingt, den der Mäander
Den der Jordan
Den
Schwindelnd steh' ich am Saum deiner Unendlich-
keit!
Eines ahnd' ich: Ich bin deiner Unendlichkeit
Mitgenosse, bin Tropfe
Deines stiebenden Flammenborns.
In des flammenden Borns Silbergeriesel fliesst
Einst der Tropfe zurück, freut sich der Einigung,
Und verschmilzt in der Welten
Allumgürtenden Ocean.