Demühtiger Dank für die gnädig abgewandte Einäscherung des Fleckens Ritzebüttel.

By Barthold Heinrich Brockes

Die stille Nacht hatt' allbereits die Welt in Schatten

eingehüllet,

Und, wie mit Dunkelheit die Luft, mit Schlaf schon

manches Aug' erfüllet,

Als plötzlich ein entsetzlich Licht den schwarzen Duft der

Finsterniß,

Und ein erbärmliches Geschrey die Augen von einander

riß.

Es nahm von einem schnellen Feuer ein rohter Schrecken-

reicher Schein

Jm Augenblick die hohe Tiefe des Schatten-reichen Luft-

Raums ein.

Ein gräßlich Licht befloß das Land, fiel an die Höh’n,

schwamm auf der Fluht,

Es loderte mit lautem Prasseln die freßige verzehrnde

Gluht,

Es fuhr die gelblich rohte Loh mit regem Wallen, wie

ein Strahl,

Aus zwey mit Stroh gedeckten Dächern, und aus zwo

Scheunen auf einmahl.

Was mich bey diesem Unglück nun mehr, als das Un-

glück selber, schreckte,

Und allen Eingesessenen die allergrößte Furcht erweckte,

War ein gefährlich strenger Wind, der in die grosse Lohe

blies,

Und gleichsam ihr geschwinde Wege, sich schleunig zu

vergrössern, wies.

Hier hätte man ein ängstlichs Schreyen, ein allgemeines

Klag-Getön,

Des Viehes jämmerliches Brüllen, ein Wasser! Wasser!

rufen hören,

Ein Lermen, Retten, Schleppen, Wühlen, sich mit der

Gluht die Furcht vermehren,

Mehr, als man tragen konnte, tragen, die hellen Thränen

fliessen seh'n,

Und lauter Elend schauen sollen! Ich eilte, nebst der

Wasser-Sprützen,

Den Flammen Widerstand zu thun, und das für ihrer

Wut zu schützen,

Was sich noch wollte retten lassen. Ich überlegte, rief,

befahl,

Bedrohte, bat, gebot, versprach, war bald an dem, bald

diesem Orte,

Veränderte Befehl und Anstalt, veränderte den Wasser-

Strahl

Der unaufhörlich regen Sprütze, nachdem ich es für

nöhtig hielt.

Doch alles wär umsonst gewesen, wenn nicht des Höchsten

Gnaden-Wille

Dem Sturm gebohten sich zu legen. Es ward ein’ unver-

hoffte Stille,

Nebst einer kleinen Aenderung des Windes, allgemach

gefühlt.

Die Lohe stieg mehr über sich, die anfangs immer vor

sich fraß,

Und, durch der Dächer, die von Stroh, schnell fangende

Verbrennlichkeit,

Zuweilen, wie der Schwefel, brennt, ja oft sich selbst,

in kurzer Zeit,

Auch in der Nachbarschaft gebahr. Wir machten alle

Dächer naß.

Das war auch unsre ganze Macht, weil der zu schwachen

Sprützen Fluht

Den wilden Grimm der strengen Flammen, der heftig

glüh'nden Kohlen Wut,

Zu dämpfen nicht im Stande war, auch die zu schwank-

und schwachen Staken

Der sonst in solchem Fall so dienlich- mit Nutz gebrauchten

Feuer-Haken,

Die nahen Häuser abzureissen, uns keine Dienste leisten

wollten.

Weil aber, wie bereits gesagt, die Kraft des Windes sich

gelegt,

Die Luft mit abgerißnem Feuer sich seitenwerts nicht mehr

bewegt,

Und die von Rauch gedrehten Wolken sich wirbelnd in die

Höhe rollten;

Gewonnen wir ein wenig Zeit, die nahen Dächer scharf

zu netzen,

Und sie dadurch, so viel als möglich, in eine Sicherheit

zu setzen.

Zu dieser unsrer Arbeit gab darauf der Schöpfer so viel

Gnade,

Daß sich die Brunst allmählig legte, so daß zuletzt der

ganze Schade

Auf fünf Gebäuden und vier Scheunen, und weiter nicht,

Gott Lob! sich streckte.

Worinn ein jeder, neben mir, ein halbes Wunder fast

entdeckte,

Daß zwischen Dächern, die von Stroh, die schon an sieben

Orten brennten,

Bey ziemlich stürmerischer Luft, bey wenig Feuer-Instru-

menten,

Da glimmend Korn und brennend Speck recht fürchter-

lich die Luft erfüllte,

Und überall zu zünden droht, ja letzters hier und dort

beklieben,

Dennoch des Höchsten Lieb’ und Macht die Freßigkeit

des Feuers stillte,

Daß sich sein Wüten legen müssen, und es, GOtt Lob!

dabey geblieben.

Sey denn, o Schöpfer! von uns allen, in tiefster Demuht,

hier gepriesen,

Daß Du, wie vormahls

Gluht und Brand,

Die grossen Plagen eines Landes, sich uns zwar nahe gnug

gewiesen,

Die Ruht’, in ihnen, uns gezeigt, die Schläge selbst doch

abgewandt.

Ach, laß uns, dieser Deiner Huld oft zu erinnern, nicht

vergessen!

Laß uns, nach überstandnem Leide, in frohem Danken, oft

ermessen:

Wie uns, mit allen Seinen Plagen, zuerst des Krieges

Grimm und Wut

Mit Rauben und mit Morden droht’, als eine Fluht, zu

überschwemmen,

Wie, mit nicht minderer Gefahr, nachhero die beschäumte

Fluht

In einer Linie schon stand mit unsern höchsten Deich- und

Dämmen,

Und wie anitzt die freßig-wild- und all-verzehr’nde rohte

Gluht

Uns den Garaus zu machen droht. Doch hat es unser

Gott gewehret,

Die Krieges-Wut, die Wassers-Fluht, die Gluht des

Feuers abgekehret,

Daß es allein beym Schrecken blieb, und wir, durch keine

Noht verstöret,

In stolzer Ruh Jhm danken können. Ach, laß doch ein

erkenntlichs Lallen

Dafür von uns, als Deinen Kindern, aus Gnad’, o Vater!

Dir gefallen!

Behüte ferner unsre Güter! beschütze den bestürmten

Strand!

Wend’ alles Unglück von uns ab, und segne dieses ganze

Land!