Der 90. PsalmHerr Gott, du bist ja für und für die Zuflucht deiner Herde

By Paul Gerhardt

Written 1641-01-01 - 1641-01-01

Herr Gott, du bist ja für und für

Die Zuflucht deiner Herde,

Du bist gewesen, eh allhier

Gelegt der Grund zur Erde;

Und da noch kein Berg war bereit,

Da warst du in der Ewigkeit,

O Anfang aller Dinge.

Du läßt die Menschen in das Tor

Des Todes häufig wandern

Und sprichst: Kommt wieder, Menschen, vor

Und folget jenen andern!

Denn dir sind, Höchster, tausend Jahr

Als wie ein Tag, der gestern war

Und nunmehr ist vergangen.

Du läßt das schnöde Menschenheer

Wie einen Strom verfließen

Und wie die Schifflein auf dem Meer

Bei gutem Wind hinschießen:

Gleichwie ein Schlaf und Traum bei Nacht,

Der, wenn der Mensch vom Schlaf erwacht,

Entfallen und vergessen.

Wir sind ein Kraut, das bald verdorrt,

Ein Gras, das jetzt aufgehet,

Wird aber schnell von seinem Ort

Entführet und verwehet;

So ist ein Mensch: heut blühet er,

Und morgen, wann ihn ungefähr

Ein Wind rührt, liegt er nieder.

Das macht, Herr, deines Zornes Grimm

Daß wir sobald verschwinden;

Dein Eifer stößt und wirft uns üm,

Von wegen unsrer Sünden.

Die Sünden stellest du vor dich,

Davon brennt und entrüstet sich

Dein allzeit reines Herze.

Das ist das Feur, das uns versehrt

Das Mark in allen Beinen,

Daher kommts, daß der Tod verzehrt

Die Großen und die Kleinen;

Drum fahren unsre Tage hin

Wie ein Geschwätze durch den Sinn,

Wenn wir die Zeit vertreiben.

Wie lang hält doch das Leben aus?

Gar selten siebzig Jahre.

Wenns hoch kommt, werden achtzig draus,

Und wenn man alle Ware,

Die hier gewonnen, nimmt zuhauf

Ists lauter Müh von Jugend auf

Und lauter Angst gewesen.

Wir rennen, laufen, sorgen viel,

Und eh wir uns versehen,

Da kommt der Tod, steckt uns das Ziel,

Und da ists dann geschehen;

Wie fliehen eilend und behend,

Und ist doch niemand, der sein End

Und Gottes Zorn bedenke.

Lehr uns bedenken, frommer Gott,

Das Elend dieser Erden,

Auf daß wir, wann wir an den Tod

Gedenken, klüger werden!

Ach kehre wieder, kehr uns zu

Dein Angesicht und steh in Ruh

Mit deinen bösen Knechten!

Erfüll uns früh mit deiner Gnad

Am Leib und an der Seelen,

So wollen wir dir früh und spat

Dein Lob mit Dank erzählen;

Erfreu uns, o du höchste Freud,

Und gib uns wieder gute Zeit

Nach so viel bösen Tagen!

Bisher hats lauter Kreuz geschneit,

Laß nun die Sonne scheinen,

Bescher uns Freude nach dem Leid

Und Lachen nach dem Weinen!

Laß deiner Werke süßen Schein,

Herr, deinen Knechten kundbar sein

Und dein Ehr ihren Kindern!

Bleib unser Gott und treuer Freund,

Halt uns auf festem Fuße;

Und wenn wir etwa irrig seind,

So gib, daß sich mit Buße

Das Herze wieder zu dir wend;

Auch fördre das Tun unser Händ

Und segn all unsre Werke!