Der angräntzende Tod Bey Beerdigung Fr. D. K. g. M. den 9. Junii 1679. entworffe...

By Heinrich Mühlpfort

Du letzte Nachbarin von diesen Tugend-Frauen

So meine Kindheit noch als Mutter hat gekennt

Soll diese schwache Hand dir auch ein Denckmal bauen

Das nicht der Neid verhönt und keine Zeit zertrennt?

Ach ja! indem die Welt umb ihre Gräntzen streitet

Und durch der Waffen Recht sie zu erweitern denckt

Hat dich der blasse Tod so in ein Haus geleitet

Das Raum die Fülle hat und keine Gräntz umbschrenckt.

Du tauscht dein grünes Hauß mit einer schwartzen Kammer

Das kommt zwar der Vernunfft arg und erschrecklich für:

Alleine wer erwägt wie aller Schmertz und Jammer

Durch dieses Wechsels Schluß entschläfft zugleich mit dir

Der heist es wolgethan und wird die Welt beklagen

Daß sie die Thörichte von keinen Gräntzen weiß

Und läst sich bald den Geitz durch wilde Wellen jagen

Bald Hochmuth führen an auff ein gefährlich Eiß;

Daß sie mehr haben will als sie vor kan besitzen

Daß den Begierden auch die Erde viel zu klein.

Daß sie nur Schätze sucht die nicht der Seele nützen

Und bey der letzten Farth elende Tröster seyn.

Daß sie wie Tantalus nach falschen Aepffeln schnappet

Daß sie mit einem Sieb ausschöpffen will die Fluth

Gleich Fechtern die geblendt nur in den finstern tappet

Und bey dem höchsten Witz recht toll und alber thut.

Da doch der grosse Gött hat allen Dingen Gräntzen

So wol dem weiten Meer als auch der Erd er dacht

Und uns die wir vielmehr nach seinem Bilde gläntzen

Schon ein vollkommen Maß und richtig Ziel gemacht.

Diß kan der arme Mensch nicht haarbreit überschreiten

Und wenn der blasse Tod schon seine Richtsch nur zeucht

So zwingt er den zu gehn der kühn wil wieder streiten

Und der muß erstlich dran der furchtsam ist und fleucht.

Hingegen wenn der Tod besuchet unsre Gräntzen

Und man als einen Gast ihn heist willkommen seyn

Als Abgesandten ehrt der unter Sieges-Kräntzen

Uns in die lichte Burg des Himmels führet ein

So sind wir ja gewiß daß wir auß frembder Erden

Auß strenger Dienstbarkeit in güldne Freyheit ziehn:

Daß uns für Babylon Jerusalem muß werden

Und die wir hier verwelckt dort wieder sollen blühn.

Die Hoffnung stärckte dich O seelige Matrone

Als der verlangte Tod in deine Gräntzen trat:

Da als dein Eh-Herr starb des Hauptes Schmuck und Krone

Da hemmte sich bereit das müde Lebens-Rad.

Und wie oft bist du nicht in Enckeln schon gestorben

Wenn sie den Blumen gleich verblüth in erster Pracht?

Wenn diese Lilien ein kalter Nord verdorben

Die Rosen vom Geschlecht die Hitze welck gemacht.

Es hat auch nicht ein Jahr den Cirkel gantz vollzogen

Da fast in nichts als Blut dein mattes Hertze schwam

Als der ergrimmte Tod mit seinem Pfeil und Bogen

Die liebste Tochter dir auch aus den Augen nahm.

Da hat ihr Sterbe-Kleid zugleich dich eingehüllet

Und ferner alle Lust zu leben dir verkürtzt.

Ja deine Thränen hat die Zeit nicht mehr gestillet

Des Lebens übrig Rest war nur mit Weh durchwürtzt.

Nenn ich des Alters Last die häuffigen Beschwerden

Und was für Kummer mehr dein Hertze dir genagt;

So hat dein Tod dir bloß zum Engel müssen werden

Der nach getragner Last von der Erlösung sagt.

Erblaste Nachbarin ach daß aus deinen Gräntzen

Du diesen Bothen nicht auch hast zu mir geweist!

Ich wer’ aus meiner Gräntz als wie in Freuden-Täntzen

Ein williger Geferth und Nachbar nachgereist.

Denn ist es sonst bekandt daß man mit Nachbarn bauet

Daß aus den Fenstern man einander vielmals rufft:

So glaube daß mir nicht vor dieser Post gegrauet

Und daß ich längst geschickt zu fahren in die Grufft.

Es sey daß in dem Grab die Würme Nachbarn werden

Daß die Verwesung muß an statt der Schwester seyn;

Manch grober Nachbar ist ein Wurm und Schlang auff Erden

Der den Verleumbdungs-Zahn setzt gleich der Natter ein.

Friedfert’ ge Nachbarin du lebst nunmehr in Frieden

Läst die erboste Welt sich zancken wie sie will.

Bist gleich den Schlaffenden in stiller Ruh verschieden

Und hast nach Kampff und Streit erlangt das rechte Ziel.

Dein Angedencken blüht noch in der Kinder Seelen

Die Tugend legt dir selbst das wahre Zeugnüß bey

Daß man nicht erst auff Stein und Marmel darff aushölen

Wie sittsam still und fromm dein Lauff gewesen sey.

Du achtest nicht die Welt hieltst dich in deinen Gräntzen

Und stille Frömmigkeit war über dir dein Schild

Dein sorgen wie sich mehr die Nahrung möcht ergäntzen

Die Gottes Seegen auch sehr reichlich angefüllt.

Sonst hat des Nechsten Thun dir Kummer nicht erwecket

Dein Fenster durffte nicht des Nachbarn Richt-Stul seyn.

Du hast in deinem Hauß den Schnecken gleich gestecket

Und mehr als Gifft gehast den Heuch- und Schmeichelschein.

Die Enckel blieben nur die Cirkul deiner Freuden

Jhr angenehmer Schertz der beste Zeitvertreib

Jhr Zuspruch minderte das überhäuffte Leiden

Wenn neuer Kranckheit Weh befiel den mürben Leib.

Beglückte Nachbarin! die in der Kinder Händen

In ihrer Liebes-Pflicht so sanfft von hinnen fährt:

Die nach so vielem Sturm kan an den Port anländen

Und die kein zeitlich Creutz und Trangsal mehr beschwert.

Schlaf werthe Nachbarin in deines Grabes Gräntzen!

Dich hält gar wol verwahrt dein Gräntz- und Leichenstein

Dein Lebens-Winter sieht jetzt einen solchen Lentzen

Dem keine Blumen hier auff Erden ähnlich seyn.

Du gehest aus der Nacht zu jenem grossen Lichte

Aus deinem Elends-Bau ins Hauß der Herrlichkeit.

Jetzt erndtest du vergnügt die Fried- und Freuden-Früchte

Entnommen aller Angst entfernet allem Streit.

So seelig gräntzt der Tod an unsern irrd’ schen Häusern

So friedlich kehret er zu unsern Hütten ein:

“wer seiner Nachbarschafft sich trotzig will entäusern

&q;Dem legt er heute noch vielleicht den Gräntzen-Stein.