Der angräntzende Tod Bey Beerdigung Fr. D. K. g. M. den 9. Junii 1679. entworffe...
Du letzte Nachbarin von diesen Tugend-Frauen
So meine Kindheit noch als Mutter hat gekennt
Soll diese schwache Hand dir auch ein Denckmal bauen
Das nicht der Neid verhönt und keine Zeit zertrennt?
Ach ja! indem die Welt umb ihre Gräntzen streitet
Und durch der Waffen Recht sie zu erweitern denckt
Hat dich der blasse Tod so in ein Haus geleitet
Das Raum die Fülle hat und keine Gräntz umbschrenckt.
Du tauscht dein grünes Hauß mit einer schwartzen Kammer
Das kommt zwar der Vernunfft arg und erschrecklich für:
Alleine wer erwägt wie aller Schmertz und Jammer
Durch dieses Wechsels Schluß entschläfft zugleich mit dir
Der heist es wolgethan und wird die Welt beklagen
Daß sie die Thörichte von keinen Gräntzen weiß
Und läst sich bald den Geitz durch wilde Wellen jagen
Bald Hochmuth führen an auff ein gefährlich Eiß;
Daß sie mehr haben will als sie vor kan besitzen
Daß den Begierden auch die Erde viel zu klein.
Daß sie nur Schätze sucht die nicht der Seele nützen
Und bey der letzten Farth elende Tröster seyn.
Daß sie wie Tantalus nach falschen Aepffeln schnappet
Daß sie mit einem Sieb ausschöpffen will die Fluth
Gleich Fechtern die geblendt nur in den finstern tappet
Und bey dem höchsten Witz recht toll und alber thut.
Da doch der grosse Gött hat allen Dingen Gräntzen
So wol dem weiten Meer als auch der Erd er dacht
Und uns die wir vielmehr nach seinem Bilde gläntzen
Schon ein vollkommen Maß und richtig Ziel gemacht.
Diß kan der arme Mensch nicht haarbreit überschreiten
Und wenn der blasse Tod schon seine Richtsch nur zeucht
So zwingt er den zu gehn der kühn wil wieder streiten
Und der muß erstlich dran der furchtsam ist und fleucht.
Hingegen wenn der Tod besuchet unsre Gräntzen
Und man als einen Gast ihn heist willkommen seyn
Als Abgesandten ehrt der unter Sieges-Kräntzen
Uns in die lichte Burg des Himmels führet ein
So sind wir ja gewiß daß wir auß frembder Erden
Auß strenger Dienstbarkeit in güldne Freyheit ziehn:
Daß uns für Babylon Jerusalem muß werden
Und die wir hier verwelckt dort wieder sollen blühn.
Die Hoffnung stärckte dich O seelige Matrone
Als der verlangte Tod in deine Gräntzen trat:
Da als dein Eh-Herr starb des Hauptes Schmuck und Krone
Da hemmte sich bereit das müde Lebens-Rad.
Und wie oft bist du nicht in Enckeln schon gestorben
Wenn sie den Blumen gleich verblüth in erster Pracht?
Wenn diese Lilien ein kalter Nord verdorben
Die Rosen vom Geschlecht die Hitze welck gemacht.
Es hat auch nicht ein Jahr den Cirkel gantz vollzogen
Da fast in nichts als Blut dein mattes Hertze schwam
Als der ergrimmte Tod mit seinem Pfeil und Bogen
Die liebste Tochter dir auch aus den Augen nahm.
Da hat ihr Sterbe-Kleid zugleich dich eingehüllet
Und ferner alle Lust zu leben dir verkürtzt.
Ja deine Thränen hat die Zeit nicht mehr gestillet
Des Lebens übrig Rest war nur mit Weh durchwürtzt.
Nenn ich des Alters Last die häuffigen Beschwerden
Und was für Kummer mehr dein Hertze dir genagt;
So hat dein Tod dir bloß zum Engel müssen werden
Der nach getragner Last von der Erlösung sagt.
Erblaste Nachbarin ach daß aus deinen Gräntzen
Du diesen Bothen nicht auch hast zu mir geweist!
Ich wer’ aus meiner Gräntz als wie in Freuden-Täntzen
Ein williger Geferth und Nachbar nachgereist.
Denn ist es sonst bekandt daß man mit Nachbarn bauet
Daß aus den Fenstern man einander vielmals rufft:
So glaube daß mir nicht vor dieser Post gegrauet
Und daß ich längst geschickt zu fahren in die Grufft.
Es sey daß in dem Grab die Würme Nachbarn werden
Daß die Verwesung muß an statt der Schwester seyn;
Manch grober Nachbar ist ein Wurm und Schlang auff Erden
Der den Verleumbdungs-Zahn setzt gleich der Natter ein.
Friedfert’ ge Nachbarin du lebst nunmehr in Frieden
Läst die erboste Welt sich zancken wie sie will.
Bist gleich den Schlaffenden in stiller Ruh verschieden
Und hast nach Kampff und Streit erlangt das rechte Ziel.
Dein Angedencken blüht noch in der Kinder Seelen
Die Tugend legt dir selbst das wahre Zeugnüß bey
Daß man nicht erst auff Stein und Marmel darff aushölen
Wie sittsam still und fromm dein Lauff gewesen sey.
Du achtest nicht die Welt hieltst dich in deinen Gräntzen
Und stille Frömmigkeit war über dir dein Schild
Dein sorgen wie sich mehr die Nahrung möcht ergäntzen
Die Gottes Seegen auch sehr reichlich angefüllt.
Sonst hat des Nechsten Thun dir Kummer nicht erwecket
Dein Fenster durffte nicht des Nachbarn Richt-Stul seyn.
Du hast in deinem Hauß den Schnecken gleich gestecket
Und mehr als Gifft gehast den Heuch- und Schmeichelschein.
Die Enckel blieben nur die Cirkul deiner Freuden
Jhr angenehmer Schertz der beste Zeitvertreib
Jhr Zuspruch minderte das überhäuffte Leiden
Wenn neuer Kranckheit Weh befiel den mürben Leib.
Beglückte Nachbarin! die in der Kinder Händen
In ihrer Liebes-Pflicht so sanfft von hinnen fährt:
Die nach so vielem Sturm kan an den Port anländen
Und die kein zeitlich Creutz und Trangsal mehr beschwert.
Schlaf werthe Nachbarin in deines Grabes Gräntzen!
Dich hält gar wol verwahrt dein Gräntz- und Leichenstein
Dein Lebens-Winter sieht jetzt einen solchen Lentzen
Dem keine Blumen hier auff Erden ähnlich seyn.
Du gehest aus der Nacht zu jenem grossen Lichte
Aus deinem Elends-Bau ins Hauß der Herrlichkeit.
Jetzt erndtest du vergnügt die Fried- und Freuden-Früchte
Entnommen aller Angst entfernet allem Streit.
So seelig gräntzt der Tod an unsern irrd’ schen Häusern
So friedlich kehret er zu unsern Hütten ein:
“wer seiner Nachbarschafft sich trotzig will entäusern
&q;Dem legt er heute noch vielleicht den Gräntzen-Stein.