Der Barmekiden Untergang ...

By Annette von Droste-Hülshoff

Written 1835-01-01 - 1835-01-01

„Reiche mir die Blutorange

Mit dem süßen Zauberdufte,

Sie die von den schönsten Lippen

Ihre Nahrung hat geraubt.

Sagt' ich es nicht, o Maimuna,

Flehend, händeringend, knieend,

Sagt' ich es zu sieben Malen,

Nicht zu tausend Malen dir?

‚Laß, o Fürstin, diese Liebe!

Laß von dieser dunklen Liebe,

Dir die ganze Brust versengend,

Unheil bringend und Gefahr!

Daß nicht merk' es der Kalife,

Er, der zornbereite Bruder,

Nicht den Dschafer dir verderbe,

Deinen hohen Barmekiden,

Nicht den Dschafer dir verderbe

Und dich selber, Fürstin, auch!‘“

Doch was ist die weise Rede

In dem liebentglühten Herzen?

Wie das Winseln eines Kindleins

In der wutentbrannten Schlacht,

Wie ein linder Nebeltropfen

In dem flammenden Gebäude,

Wie ein Licht, vom Borde taumelnd

In den dunkeln Ozean!

In der Tänzerin Gewande

Schmiegen sich der Fürstin Glieder,

Um die Schultern Seide flattert,

In dem Arm die Zither liegt.

O, wie windet sie die Arme

Hoch das Tamburin erschwingend,

O, wie wogen ihre Schritte,

Ihre reizerblühten Glieder,

Daß der Barmekide glühend

Seine dunklen Augen birgt!

Sieben Jahre sind verschwunden,

Sieben wonnevolle Jahre,

Zu den sieben drei und fünfe,

Und in den Gebirgen irrend

Zieht der Barmekiden Schar.

Mütter auf den Dromedaren,

Blind geweint die schönen Augen,

In den Armen Kindlein wimmernd

In die lagerlose Nacht.

Über Bagdads Tor ein Geier,

Kreisend über Dschafers Schädel,

Rauscht hinan und rauscht vorüber,

Hat zur Nahrung nichts gefunden

Als in seiner Augen Höhlen

Nur zwei kleine Spinnlein noch.