Der Chloris antwort an den Adon, der ihr seine liebe angetragen, und gegen-liebe...
Es ist zu viel, Adon! sich also gleich verlieben:
Es ist zu viel, Adon! alsbald halbtodt zu seyn;
Doch was die feder gleich auf das papier geschrieben,
Das trifft deswegen nicht auch mit dem hertzen ein.
Ein wort ist doch kein pfeil. Es kostet wenig dinte,
So stirbt man hundert mal auf allen blättern hin.
Drum halt’ ich deinen brief vor eine blose finte,
Darauf ich, viel zu bau’n, noch nicht versehen bin.
Du hast nur blosen schertz in bleichen ernst gekleidet,
Ich weiß wohl, daß Adon nicht so geschwinde liebt;
Dieweil sein kluger geist die übereilung meidet,
So ihren dienern nichts, als reu zu lohne giebt.
Verzeih’ denn, Werther Freund! daß ich der marter lache,
Die deine poesie der höllen gleiche macht:
Gereimte klagen sind gar eine leichte sache;
Wie bald ist, was nicht ist, in einen vers gebracht?
Du sprichst zwar: Wo ich dir kein pflaster übersende,
So werdest du ein raub des blassen todes seyn;
Allein es geht mit dir noch lange nicht zum ende.
Und welch Galenus giebt gesunden artzney ein?
Wer auf dem tode liegt, wird keine verse dichten.
(schau, wie dein eigen brief mir dein gemüth entdeckt).
Die seuffzer lassen sich nach keiner regel richten,
Wenn schmertz und todes-angst in marck und adern steckt.
Unmöglich ist es nicht, daß dich ein aug’ entzündet,
Doch meines klagest du mit höchstem unrecht an,
Nachdem es keinen strahl in seinem sterne findet,
Der ein so edles hertz in flammen setzen kan.
Und könnt’ ich mich auch das schon überreden lassen;
So würd’ ich dennoch nicht von allem zweiffel los.
Denn hertzen, die so bald und hefftig funcken fassen,
Verfallen insgemein in mehr als eine schoos.