Der Eich-Baum Bey dem Gutsmuthischen Begräb- nisse fürgestellet An. 1690.

By Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau

Der geist der poesie hat manches schon erdacht

Wenn sie der todten grab mit farben angestrichen

Und bald aus ihrem thun granaten-frucht gemacht

Bald wieder ihren ruhm mit lorbeern hat verglichen;

Heut aber fängt mein trieb was ungemeines an

Indem ich einen mann der voller kern gewesen

Der uns mehr nutz und frucht als palmen lassen lesen

Und wie ein balsam-baum sich allen auffgethan

Den edlen Gutsmuths nur mit einer blossen eichen

Nach seinem tode will in dieser schrifft vergleichen.

Doch denckt nicht sterbliche daß meiner feder hier

So krafft als dinte wird zu beyder ruhme fehlen;

Athen zog eicheln schon dem besten zucker für

Und ließ wie Spanien zu speisen sie erwehlen.

Die Römer haben nur den helden ihrer stadt

Zu ehren einen krantz von eichen-laub erfunden

Und Deutschland war so sehr an dieses holtz gebunden

Daß man mit anderm nichts vor dem geopffert hat.

Was kan der selige nun besserm auff der erden

Als einer eichen noch zuletzt verglichen werden?

Sein erster kinder-gang in der verwirrten welt

Nahm witz und lehren schon von jungen eichen-zweigen;

Denn wie ihr zartes holtz sich wie es uns gefällt

Von unsern händen läst nach ieder forme beugen:

So fiel sein hertze bald der eltern willen bey

Und ließ wie Cimon sich zur tugend auffwärts richten

Zu zeigen: daß ein baum nur reich an seinen früchten

Und eine mutter erst vollkommen glücklich sey

Wenn sie um ihren schatz vor andern recht zu preisen

Nur wie Cornelia darff auff die kinder weisen.

Mit zeit und jahren wuchs auch die erfahrenheit

So wie ein eichen-baum von vielen sturm und winden;

Denn wer die stirne nicht mit staub und schweiß bestreut

Wird auch das güldne fließ der ehre selten finden.

Der klügste Hannibal muß durch gefahr erhöht

Der grosse Cäsar vor in wellen elend werden.

Drum brach der selige durch sorgen und beschwerden

Und glaubte: daß ein mensch nicht eher feste steht

Biß müh und kummer ihm mit dem wir uns beladen

So wenig als das feur kan grünen eichen schaden.

Diß alles überwog der kern der süssen frucht

Die er biß in den tod vor keinem angebunden

Und mancher offtermahls noch eh’ er sie gesucht

Wie eicheln ohngefehr in wäldern hat gefunden.

Der fromme Scipio hat alle fast beschenckt

Agesilaus nichts als schuldner hinterlassen;

Er suchte iederman mit liebe zu umfassen

Und hat mit Phocion den gringsten nicht gekränckt

Wohl aber vielen so wie eichen-bäume bienen

Zu ihrem auffenthalt und schutze müssen dienen.

Nechst liebe soll ein mensch auch klug im rathe seyn

Nach art der wider gifft bewehrten eichen-rinden.

Denn klugheit muß die noth mit zucker überstreun;

Wie Aertzte wund und schmertz mit eichen-laub verbinden.

Der ruhm deß seligen ist allen offenbar

Und darff wie Cato sich durch säulen nicht vermehren

Weil bloß vernunfft und witz der marmol seiner ehren

So wie der eichen-safft des mistels wachsthum war;

Und unser Leopold ihm selber neu gebohren

Indem er ihn zum rath und ritter außerkohren.

Je höher aber er an stand und würde stieg

Je tieffer warff sein hertz sich wieder zu der erden;

Denn dieses bleibt auch sein wie Cyrus gröster sieg

Daß er im glücke nicht hat können stöltzer werden

Und also dißfalls auch wie eichen sich bezeigt;

Die zwar ihr hohes haupt zum himmel auffwärts strecken

An wurtzeln aber auch gleich tieff im grunde stecken

Zur lehre: daß der ruhm schon von sich selber steigt

Und ein bescheidner bloß mit nutz-erfüllten schalen

Gleich wie ihr gipffel soll mit lauter früchten pralen.

Die klugen zehlen sonst zu wundern der natur

Auch dieses: daß ihr stamm kan keinen ölbaum leiden.

Wer weiß nicht wie sein geist auff der gesetzten spur

Das oele falscher welt hat wissen zu vermeiden?

Wenn er auff erden schon den grossen GOtt beschaut

Und durch des glaubens-krafft den sünden obgelegen?

Drum ward er lebenslang vom himmel auch mit segen

Als wie ein eichen-baum mit honig überthaut

Und ließ die blöden offt aus seinen augen lesen:

Daß er bey sorgen auch stets gutesmuths gewesen.

Itzt hat der blasse tod sein urthel abgefaßt

Und läßt das trauer-lied in unsern ohren schallen

Was jener Spanier auff einen eichen-ast

Zum sinnenbilde schrieb: Nun ist er auch gefallen.

Doch nur der meynung nach; denn kunst und wissenschafft

Schnitzt form und bilder erst aus umgefällten eichen;

So kan auch unser geist erst GOttes bilde gleichen

Wenn er sich von der welt zum himmel auffgerafft;

Der leib muß aber so wie eicheln in der erden

Zum stamme mit der zeit zum menschen wieder werden.

Was preßt betrübteste denn eure seuffzer aus?

Ein baum der lange zeit mit ruhme frucht gegeben

Und schon dem wesen nach im himmel wie ein haus

Von eichen-holtze fängt vom neuen an zu leben?

Fürwar sein glücke braucht itzt eure klagen nicht;

Drum auff und streicht das saltz der thränen von den wangen!

Denn ist euch allen gleich ein vater untergangen

So glaubt daß dennoch auch sein tod diß urtheil spricht:

Daß wer hier trauren will muß eichen-bäumen gleichen

Und mehr dem kummer nicht als diese plitzen weichen.