[Der eine Fuß steht schon im Grabe]

By Johann Christian Günther

Written 1709-01-01 - 1709-01-01

Der eine Fuß steht schon im Grabe

Und wittert die Vergängligkeit.

Welt, was ich von dir weis und habe,

Ist Unruh, Sorgen, Müh und Streit.

Drum seh ich dort zum Voraus hin,

Wo ich in kurzem glücklich bin.

Mein Gott, du Herr von Zeit und Tagen,

Womit bezahl ich deine Treu?

Du läst mich noch im Alter tragen

Und legst mir so viel Kräfte bey,

Als unter tausend kaum ein Mann

Bey meinen Jahren wüntschen kan.

Du hast dich meiner angenommen

Und in der schwersten Zeit erbarmt;

So oft ich in Gefahr gekommen,

Hat deine Hülfe mich umarmt

Und öfters, eh ich selbst gedacht,

Aus Kummer Freud und Lust gemacht.

Ich bin ein Baum, woran dein Seegen

Auf achtundneunzig Zweigen blüht,

Und darf mein Haupt nicht eher legen,

Als bis es an den Enckeln sieht,

Was jedem, der die Eltern ehrt,

Auf Erden vor ein Wohl gehört.

Es kan wohl nicht mehr lange werden,

Mein Seiger ist gewis bald leer,

Ich sehne mich auch von der Erden

Und bin mir schon fast selbst zu schwer.

Herr, halt mich fertig und bereit

Und zeuch mich aus der Eitelkeit!

Die Kraft der eußerlichen Sinnen

Läst, wie ich fühle, mercklich nach.

Erneure du den Mensch von innen,

Und wird der Schenckel kranck und schwach,

So halt den Glauben starck und fest,

Bis daß der Geist den Leib verläst.

Mein fleischlich Auge will fast brechen;

Es breche denn auch immerhin.

Ich kan mir beßern Glanz versprechen

Und seh gleichwohl schon, wo ich bin:

Ich bin in Hofnung allbereit

Im Lichte jener Herrligkeit.

Die Sprache scheint sich zu verlieren.

Was thuts? Mein Heiland zeiget sich,

Das Wort einmahl vor mich zu führen;

Drum, Satan, fleuch und schäme dich:

Wo so ein großer Mittler spricht,

Da gilt dein böses Klagen nicht.

Geht endlich auch bey andern Schmerzen

Der Nachdruck des Gehöres ein,

So hör ich dennoch in dem Herzen

Den Geist der Warheit Abba schreyn,

Und dieser Trost bezeugt mir frey,

Daß ich in Gottes Kindschaft sey.

Dies zuversichtliche Vertrauen

Behalt und nehm ich aus der Welt;

Der Tod gebiehrt mehr Lust als Grauen,

Dieweil mein Creuz durch ihn zerfällt.

Es nimmt mein Schlafgemach, das Grab,

Der Glieder schwere Kleidung ab.

Herr, las mich nun in Frieden fahren

Und Simeons Gefehrte seyn.

Die Schuld von meinen jungen Jahren

Hüllt Jesus in sein Schweißtuch ein

Und läst sie ewig in der Gruft,

Woraus mich seine Zukunft ruft.

Die Kinder, so du mir gegeben,

Las allzeit deine Wege gehn

Und dermahleinst in jenem Leben

Mit mir vor deinem Throne stehn;

Von Gütern aber dieser Welt

Gieb jedem, was dir selbst gefällt.

So freut euch nun, ihr mürben Glieder,

Der Lauf ist aus, der Kampf vollbracht.

Hier legt euch endlich ruhig nieder,

Hier habet ihr die stille Nacht,

Wo euch kein böser Traum betrübt.

Herr, komm nun, wenn es dir beliebt.