[DEr geist des alterthums schrieb den beschaumten wellen]

By Christian Hölmann

Written 1690-01-01 - 1690-01-01

DEr geist des alterthums schrieb den beschaumten wellen

Die künstliche Geburth der liebes-Göttin zu

Und daß ein muschelhaus auf den gesaltznen stellen

Sowohl zur überfuhr als ihrer ersten ruh

An statt der wiege sey damals bestimmt gewesen;

Allein so wurde da die wahrheit eingehüllt

Wer ihre Perlen nun wolt' aus dem schlamme lesen

Der fand sie endlich zwar doch frembde vorgebildt.

Zieht jenen vorhang weg und last die fabeln schweigen;

Was gilts die wahrheit wird ja selbst der augen-schein

Euch den verdeckten grund der Sache besser zeigen

Daß ich so Muschel Meer als Welle müsse seyn.

In meinen gründen ist die liebe ja gebohren

Ich bin ihr erster Sitz ihr Stammhauß Vaterland

Mich hat zu dieser See selbst die natur erkohren

An deren ufern sich das schöne Mädgen fand.

Ihr glieder möget nun vor mir die seegel streichen

Weil ich die Götter selbst durch mich hervorgebracht

Ihr selber müstet auch im Mutterleib' erbleichen

Wenn nicht durch mich das Thor wär' in die welt gemacht.

Es füllet meine frucht den Himmel und die Erde

Ich mache daß der bau der wundergroßen welt

Nicht vor der letzten zeit zu einer wüsten werde

Die nichts als distel-sträuch und dörner in sich hält.

Ich bin das paradieß vor dem die keuschheit wachet

In dessen gegenden die lebens-früchte blühn

Wo unser leben wird wie feuer angefachet

Dabei die Söhne sich wie Adam gerne mühn;

Ein Tempel wo die glutt der liebe stündlich brennet;

Ein Opffertisch wo milch zum opffer wird gebraucht;

Ein heiligthum daß die für Priester nur erkennet

In deren keuscher brust ein reiner weihrauch raucht;

Ein gutes feld das nur gerathne früchte bringet;

Ein garten den der thau der wollust überfließt;

Ja der die anmuth hat die alle welt bezwinget

Und dessen blumenfeld sein eigner fluß begießt.

Ein Meer wo Ebb' und Flutt dem Monden-lauffe gleichet;

Ein spiegel-glattes eiß wo auch ein Riese fält;

Ein hafen den vergnügt die Zuckerflott' erreichet;

Die Schule die man nur für junge männer hält;

Der liebe musterplatz die mannschafft auszuüben;

Ein zwinger welcher zu doch nicht verschlossen ist;

Die wahlstatt wo auch wol ein Simson ist geblieben;

Das schützenhauß in dem ein jeder gerne schiest;

Ein Marckt wo regungen durch blicke zu erlangen;

Ein wechseltisch der uns vor Jungfern Frauen zahlt;

Ein laden wo noch nie gebrauchte wahren hangen;

Ein thal in welches nie das licht der Sonnen strahlt;

Ein bergwerck welches gold und silber-adern heget;

(Die wüntschelrutte schlägt offt allzu hefftig an)

Ein land das unbesät auch keine früchte träget;

Ein abgrund wo die welt die perlen fischen kann;

Der männer gröster schatz liegt offt in meinem fache

Denn das behältnüß bin ich eigentlich dazu

Drum hält die eifersucht bey mir so scharffe wache

Damit demselbigen kein frembder eingriff thu.

Hier ist der bienenstock wo aus der keuschen blume

Der lebens-honig wird zur rechten zeit gemacht;

Der himmel und die welt trägt den zum eigenthume

Wenn ich ihn an das licht sein ziel davon gebracht.

Der liebe ruhestadt die liegt auff meinem grunde

Ihr forst in welchem sie die schönsten zobel jagt

Die männer sind dabey die besten jäger-hunde

Denn ihr verwegner geist ist immer unverzagt.

Wenn ich verschlossen bin so geht die lust im leide

Offt werden gar darum die länder ruinirt

Und spinnen trauerflor an statt der weissen seide

Weil meine muschel nicht den thron mit perlen ziehrt.

So kann der wohlstand sich auff meine pfeiler gründen

Wer führt nun einen ruhm der meinen lorbern gleicht?

Bey euch ihr brüste wird man diesen schwerlich finden

Die ohnmacht hat euch nicht vergebens so gebleicht.

Nur eines ärgert mich daß auch die kinder wissen

Was die erwachsenen in meinem garten thun

Wie sie durch ihren thau mein blumenfeld begiessen

Und mit der grösten lust auff diesem beete ruhn.

Ach könt' ich dieser brutt unnütze reden stillen!

Ein vorschlag fält mir bey: ich will auf's ehst' einmal

Ihr ungewaschnes maul mit meinem wasser füllen

Wer weiß? befrei' ich mich dadurch nicht dieser qual.

Doch meine blösse heißt itzund mich stille schweigen

Drumb hüll' ich wieder mich in meine decken ein

Und wil nur noch mein thun dadurch gebilligt zeigen:

Wo blumen sollen blühn muß thau und regen seyn.