Der Geizhals.
Mir ist ein alter Mann bekannt, dem Ansehn nach,
ein guter Christ,
Der Geld von Jugend auf gesammlet, und selbst nicht
weis, wie reich er ist.
So bald er Beutel voll gemacht, verschließt er sie in große
Schranken,
Und macht, wenn dieß geschehn, von ihnen sich keine wei-
tere Gedanken.
Inzwischen hat er einen Knecht, der seines Herren Weise
kennt,
Und der dieß ungebrauchte Geld sich lieber selbst, als nie-
mand, gönnt;
Der öffnet, wenn es ihm beliebt, den Schranken am ver-
borgnen Ort,
Und nimmt nach eigenem Gefallen die größten Beutel
mit sich fort,
Ohn daß der Alte solches merkt. Der sammlet immer
ohn Ermüden,
Und wenn er sein Gesammletes verschlossen hat, ist er zu-
frieden.
Er geizet, karget, schindet, plaget die Armen, thut sich
nichts zu Gut,
Zuletzt stockt endlich dieses Schinders und ewgen Samm-
lers altes Blut,
Er stirbt, und man begräbet ihn. Nun sprecht, was soll
man solchem Leben
Und solchem alten Mammonsknecht für einen würdgen
Namen geben?
Mich deucht, er hört zwar in der Narren, doch mehr
noch in der Diebe Zahl,
Da er, durch sein liebloses Geizen, der ganzen Menschheit
etwas stahl,
Was allen, bloß nur ihm nichts, nützte. Der wahre
Nutzen der Metallen
Ist, daß sie immer circuliren. Wer diesen nöthgen Kreis-
lauf hemmt
Und in dem eingesperrten Gelde den Fluß des irdschen
Heils verdämmt,
Es sich und allen Menschen stielt, dem wünsch ich, solchen
schlauen Knecht!
Doch auch dabey: daß, eh’ er stirbt, er mit Entsetzen,
Zagen, Schrecken
Den unersetzlichen Verlust, zu seiner Strafe, mag ent-
decken!