Der Gelehrte.

By Johann Wilhelm Ludwig Gleim

Soll ich von den Zeitungsschreibern

Meinen Namen schreiben lernen?

Soll ich in dem Sterngewölbe

Neue Welten sichtbar machen?

Soll ich Wolfen oder Knutzen

Zweifelsknoten lösen helfen?

Soll ich Stoff und Sittenlehren

Für die Blätterschreiber stehlen?

Soll ich von den Bücherrichtern

Schimpfen oder tadeln lernen?

Soll ich in der Weltgeschichte

Proben tapfrer Narren suchen?

Soll ich meinen Geist befragen:

Was er sei, und wo er wohne?

Soll ich mit den Oberpriestern

Heucheln, oder Ketzer machen?

Soll ich für den Kupferstecher

Mein gelehrtes Bildniß mahlen?

Soll ich Blei zu Golde schmelzen?

Soll ich Räthe rathen lehren?

Soll ich Miltons Teufel schelten?

Soll ich Wunderwerke dichten?

Oder soll ich sie erklären?

Nein, dis soll mein Anverwandter.

Er, der Prinz berühmter Narren,

Er, der grundgelehrte Wisser,

Er, der Prüfer der Beweise.

Soll sich noch zu Tode grübeln;

Er, der Erbfeind meiner Freude

Soll sich blaß und elend lesen.

Und dann will ich ihn befragen:

Macht mich auch mein Mädchen elend?