Der gerettete Knabe.
Gott Lob! daß er errettet ist! Dir, HErr! sey Dank,
daß er erhalten!
Da, ausser dem Zusammenlauf verschiedner Umständ’,
er erkalten,
Und, ohne Hülf’, ersaufen müssen. Die Umständ’ alle
scheinen klein,
Doch sieht man den Zusammenhang, mit etwas Ueber-
legen, ein;
So findet sich, wenn nur ein Glied aus dieser Kette wo
gefehlet,
Die Hülfe wär umsonst gewesen, und läge
entseelet.
So ist es ja ganz überzeuglich, daß hier kein blindes Un-
gefehr
So manchen Umstand, welcher nöhtig, zu rechter Stunde
hergeführet,
Nein, daß die Macht, voll Lieb und Weisheit, wie überall,
auch hier regieret.
Damit nun dieß, wie, leider! vieles, nicht auch geschwinde
sey vergessen;
So will ich diesen Fall erzehlen, und GOttes Huld dabey
ermessen.
Ich stand, um meines Schlosses Graben beschäftigt
einen Weg zu führen,
Und, um ihn Regel-recht zu haben, mit Linien ihn abzu-
schnüren.
Der Gärtner hatt’, an jener Seite, sie fest zu machen
angefangen,
Als ich, mit lauter Stimm’, ihm zurief: es wäre besser,
wo ich stünde,
Daß er die lange Linie von dieser Seite feste bünde.
Dadurch nun kam er ganz von weiten nach dieser Stelle
hingegangen,
Indem erhub sich ein Geschrey, zur Rechten, das ich nicht
verstand.
Ich sah (und seh sie noch vor Augen) Soldaten durch den
Garten springen,
Und, mit den Lanzen in den Händen, durch Strauch und
Busch in Eile dringen,
Sie eilten einem Boote zu, das sich ganz nahe bey mir fand,
Sie sagten nicht ein einzigs Wort (vermuhtlich mich
nicht zu erschrecken)
Und ohn’ von ihres Laufens Ursach mir das geringste zu
entdecken.
Der Gärtner, der den bangen Zufall so gleich, und eh
als ich, gehört,
Daß nemlich eins von meinen Kindern im Graben und
im Wasser lage,
Sprang alsobald mit in das Boot, das er nur zu regieren
wußte,
Denn der Soldat verstand es nicht. Ein einzig Ruder
war nur da,
Womit er denn, für grosser Eil, dem andern Ufer immer
nah,
Und, weil kein Steur gebrauchet ward, in der Verwirrung
seitwerts kehrte,
Und an das ander’ Ufer erst, nachher so gar ins Schilf
vertrieb,
So ich, wie leichtlich zu erachten, ohn’ Unmuht, Angst
und Zorn nicht sah.
Ich eilt’ am Strand, und sah das Kind recht mitten
in dem Graben liegen,
Wo er mit seinen kleinen Händen noch an dem Schiffgen
hängen blieb.
Wir schrien ihm alle heftig zu: Er würde schleunig Hülfe
kriegen,
Er sollte sich nur feste halten. Inzwischen nahte sich
das Boot,
Nachdem es lange gnug gewähret, entriß ihn der Gefahr
und Noht,
Worinn, ohn’ daß man, da der Grabe so breit und tief
war, helfen kunt,
Indem es in der Mitte lag, und jeder ferne von ihm
stund.
Das allerängstlichste nun war, daß man ihn sehen liegen
mußte,
Ohn’ daß man ihm zu Hülfe kommen, noch Mittel, ihm
zu rahten, wußte.
Nachdem er nun, durch GOttes Gnade, gerettet;
denkt mein Geist dabey,
Wie der Zusammenhang der Dinge Bewunderns wehrt
gewesen sey,
Daß, wenn von so verschiedenen ein einz’ger Umstand
nur gefehlet,
Nun, menschlichem Begriffe nach, des Kindes Cörperchen
entseelet,
Jm Sarge vor mir liegen würde. Zum ersten hat von
ungefehr
Der Informator an dem Ort, wo Niemand sonst gewesen
wär,
Noch länger, als er selbst gewollt, sich aufgehalten, und
gelesen.
Vors andere, daß, durch die Neigung zu einem Hunde,
er beroogen,
In Meynung, da er klatschen hört, er läg im Wasser,
hingezogen,
Um ihm zu helfen, da er denn am selben Ort von unge-
fehr
Das kleine Boot, worinn er erst das Kind gesehen hatte,
leer,
Und ihn im Wasser zappeln sieht. Worauf er denn
geschwinde lief,
Und der noch ziemlich weit davon entfernten Wache schleu-
nig rief,
Die denn zwar schnell gelaufen kam; doch aber nicht zu
helfen wußte;
Bis einer auf das andre Boot sich noch besinnt. Das
aber lag
Noch ziemlich weit; doch aber näher, als wie es sonst
zu liegen pflag,
Und noch zum Glück an diesem Ufer. Woher man es
denn holen mußte.
Dieß lag nun nahe, wo ich stund, und, wie ich es bereits
erzehlt,
Wo nicht der Gärtner eben kommen, und er an diesem
Ort gefehlt;
Wär jemand in das Boot gefallen, der es zwar von dem
Ufer trennen,
Doch, da er selbes nicht regieren, dem Knaben auch nicht
helfen können,
Und uns des Werkzeugs noch beraubt, ohn’ welches wir
nicht zu ihm nah'n,
Noch ihm zur Rettung kommen können. Noch mehr,
daß nur ein wenig Wind,
Und doch so viel war, daß noch eben das Boot, aus welchem
erst das Kind
Gefallen, nach ihm hingetrieben, und, wie es einmahl
ihm entglitten,
Nicht weg, noch einmahl nach ihm trieb. Noch mehr,
daß er den Tag vorher
Selbst eben eine kleine Schnur zum Schwerdt am Boot
zurecht geschnitten,
Auf welcher er den Fuß gesetzt, und daß, ob es gleich
schwach, er schwehr,
Es dennoch nicht entzwey gebrochen. Dieß ist nun eine
grosse Reih
Von manchem Umstand, die wir wissen, wovon nicht
einer fehlen müssen;
Sonst wäre meinem kleinen
abgerissen.
Nun ists vermuhtlich, daß der Umständ’ weit eine größre
Zahl noch sey,
Wovon uns der Zusammenhang noch nicht bekannt.
Wofür wir eben
So wohl, als die, so wir erkennen, dem Schöpfer Lob
und Dank zu geben
Verbunden und gehalten seyn. Regierer aller Dinge!
Dir,
Dem ewig Preis und Dank gebühret, sey ewig Preis und
Dank dafür!
Nun mögte jemand meiner Leser vielleicht gedenken:
Dieser Fall
Betrifft nur dich. Was sollen wir daraus für Trost und
Lehre nehmen?
“so wie es hier mit meinem Kinde, geht es wahrhaftig
überall.
„wenn wir nur GOttes weiser Führung mehr nachzu-
denken uns bequehmen;
„so wird all’ Augenblick ein jeder für abgekehrte Plag’
und Pein
„dem, Der sie gnädig abgekehrt, Lob, Preis und Ehre
schuldig seyn.