Der gerettete Knabe.

By Barthold Heinrich Brockes

Gott Lob! daß er errettet ist! Dir, HErr! sey Dank,

daß er erhalten!

Da, ausser dem Zusammenlauf verschiedner Umständ’,

er erkalten,

Und, ohne Hülf’, ersaufen müssen. Die Umständ’ alle

scheinen klein,

Doch sieht man den Zusammenhang, mit etwas Ueber-

legen, ein;

So findet sich, wenn nur ein Glied aus dieser Kette wo

gefehlet,

Die Hülfe wär umsonst gewesen, und läge

entseelet.

So ist es ja ganz überzeuglich, daß hier kein blindes Un-

gefehr

So manchen Umstand, welcher nöhtig, zu rechter Stunde

hergeführet,

Nein, daß die Macht, voll Lieb und Weisheit, wie überall,

auch hier regieret.

Damit nun dieß, wie, leider! vieles, nicht auch geschwinde

sey vergessen;

So will ich diesen Fall erzehlen, und GOttes Huld dabey

ermessen.

Ich stand, um meines Schlosses Graben beschäftigt

einen Weg zu führen,

Und, um ihn Regel-recht zu haben, mit Linien ihn abzu-

schnüren.

Der Gärtner hatt’, an jener Seite, sie fest zu machen

angefangen,

Als ich, mit lauter Stimm’, ihm zurief: es wäre besser,

wo ich stünde,

Daß er die lange Linie von dieser Seite feste bünde.

Dadurch nun kam er ganz von weiten nach dieser Stelle

hingegangen,

Indem erhub sich ein Geschrey, zur Rechten, das ich nicht

verstand.

Ich sah (und seh sie noch vor Augen) Soldaten durch den

Garten springen,

Und, mit den Lanzen in den Händen, durch Strauch und

Busch in Eile dringen,

Sie eilten einem Boote zu, das sich ganz nahe bey mir fand,

Sie sagten nicht ein einzigs Wort (vermuhtlich mich

nicht zu erschrecken)

Und ohn’ von ihres Laufens Ursach mir das geringste zu

entdecken.

Der Gärtner, der den bangen Zufall so gleich, und eh

als ich, gehört,

Daß nemlich eins von meinen Kindern im Graben und

im Wasser lage,

Sprang alsobald mit in das Boot, das er nur zu regieren

wußte,

Denn der Soldat verstand es nicht. Ein einzig Ruder

war nur da,

Womit er denn, für grosser Eil, dem andern Ufer immer

nah,

Und, weil kein Steur gebrauchet ward, in der Verwirrung

seitwerts kehrte,

Und an das ander’ Ufer erst, nachher so gar ins Schilf

vertrieb,

So ich, wie leichtlich zu erachten, ohn’ Unmuht, Angst

und Zorn nicht sah.

Ich eilt’ am Strand, und sah das Kind recht mitten

in dem Graben liegen,

Wo er mit seinen kleinen Händen noch an dem Schiffgen

hängen blieb.

Wir schrien ihm alle heftig zu: Er würde schleunig Hülfe

kriegen,

Er sollte sich nur feste halten. Inzwischen nahte sich

das Boot,

Nachdem es lange gnug gewähret, entriß ihn der Gefahr

und Noht,

Worinn, ohn’ daß man, da der Grabe so breit und tief

war, helfen kunt,

Indem es in der Mitte lag, und jeder ferne von ihm

stund.

Das allerängstlichste nun war, daß man ihn sehen liegen

mußte,

Ohn’ daß man ihm zu Hülfe kommen, noch Mittel, ihm

zu rahten, wußte.

Nachdem er nun, durch GOttes Gnade, gerettet;

denkt mein Geist dabey,

Wie der Zusammenhang der Dinge Bewunderns wehrt

gewesen sey,

Daß, wenn von so verschiedenen ein einz’ger Umstand

nur gefehlet,

Nun, menschlichem Begriffe nach, des Kindes Cörperchen

entseelet,

Jm Sarge vor mir liegen würde. Zum ersten hat von

ungefehr

Der Informator an dem Ort, wo Niemand sonst gewesen

wär,

Noch länger, als er selbst gewollt, sich aufgehalten, und

gelesen.

Vors andere, daß, durch die Neigung zu einem Hunde,

er beroogen,

In Meynung, da er klatschen hört, er läg im Wasser,

hingezogen,

Um ihm zu helfen, da er denn am selben Ort von unge-

fehr

Das kleine Boot, worinn er erst das Kind gesehen hatte,

leer,

Und ihn im Wasser zappeln sieht. Worauf er denn

geschwinde lief,

Und der noch ziemlich weit davon entfernten Wache schleu-

nig rief,

Die denn zwar schnell gelaufen kam; doch aber nicht zu

helfen wußte;

Bis einer auf das andre Boot sich noch besinnt. Das

aber lag

Noch ziemlich weit; doch aber näher, als wie es sonst

zu liegen pflag,

Und noch zum Glück an diesem Ufer. Woher man es

denn holen mußte.

Dieß lag nun nahe, wo ich stund, und, wie ich es bereits

erzehlt,

Wo nicht der Gärtner eben kommen, und er an diesem

Ort gefehlt;

Wär jemand in das Boot gefallen, der es zwar von dem

Ufer trennen,

Doch, da er selbes nicht regieren, dem Knaben auch nicht

helfen können,

Und uns des Werkzeugs noch beraubt, ohn’ welches wir

nicht zu ihm nah'n,

Noch ihm zur Rettung kommen können. Noch mehr,

daß nur ein wenig Wind,

Und doch so viel war, daß noch eben das Boot, aus welchem

erst das Kind

Gefallen, nach ihm hingetrieben, und, wie es einmahl

ihm entglitten,

Nicht weg, noch einmahl nach ihm trieb. Noch mehr,

daß er den Tag vorher

Selbst eben eine kleine Schnur zum Schwerdt am Boot

zurecht geschnitten,

Auf welcher er den Fuß gesetzt, und daß, ob es gleich

schwach, er schwehr,

Es dennoch nicht entzwey gebrochen. Dieß ist nun eine

grosse Reih

Von manchem Umstand, die wir wissen, wovon nicht

einer fehlen müssen;

Sonst wäre meinem kleinen

abgerissen.

Nun ists vermuhtlich, daß der Umständ’ weit eine größre

Zahl noch sey,

Wovon uns der Zusammenhang noch nicht bekannt.

Wofür wir eben

So wohl, als die, so wir erkennen, dem Schöpfer Lob

und Dank zu geben

Verbunden und gehalten seyn. Regierer aller Dinge!

Dir,

Dem ewig Preis und Dank gebühret, sey ewig Preis und

Dank dafür!

Nun mögte jemand meiner Leser vielleicht gedenken:

Dieser Fall

Betrifft nur dich. Was sollen wir daraus für Trost und

Lehre nehmen?

“so wie es hier mit meinem Kinde, geht es wahrhaftig

überall.

„wenn wir nur GOttes weiser Führung mehr nachzu-

denken uns bequehmen;

„so wird all’ Augenblick ein jeder für abgekehrte Plag’

und Pein

„dem, Der sie gnädig abgekehrt, Lob, Preis und Ehre

schuldig seyn.