Der Glücks-Topff

By Hans Aßmann von Abschatz

Written 1672-01-01 - 1672-01-01

Wenn wir der finstern Höl und Wohnung sind entgangen

Darinn uns die Natur neun Monat hält gefangen.

Von solcher düstern Nacht und tieffem Schlaff entrissen

Des hellen Tages Licht zum ersten mahl begrüssen

So pfleget uns alsbald der Himmel vorzuschreiben

Was der und jener Mensch vor Lebens-Art soll treiben.

Es hat die Ewigkeit den Sternen eingepräget

Was ein iedweder Sinn vor Neigung bey sich träget

Man siehet dannenher aus schwacher Reiser Blühen

Was ihr bejahrter Stamm vor Früchte wird erziehen.

Bey diesem sehn wir Lust zu Wissenschafft entspringen

Und unterschiedner Art verschiedne Früchte bringen

Der Eine folget nach dem Triebe seiner Sinnen

Sucht seinen Auffenthalt durch Künste zu gewinnen

Lehrt die verkehrte Welt nach Gottes Willen leben

Beym Richter einen Spruch vor seinen Theil erheben

Der eingefallnen Hand den schwachen Puls berühren

Durch zweiffelhafften Satz das Gegentheil verführen

Sich um ein jedes Wort in tausend andern zweyen

Durch süsser Reime Schall ein zartes Ohr erfreuen

Und durch was Mittel mehr die Sicherheit vom Sterben

Ein Weißheit-schwangres Hirn gedencket zu erwerben.

Ein andrer mag nicht stets in fauler Ruhe sitzen

Bey seiner Mutter Schos und hinterm Ofen schwitzen

Will lieber in die Welt durch Hagel Eyß und Eisen

Auch durch erzürnte See durch Wind und Wellen reisen

Und gegenwärtig selbst erfahren sehn und hören

Was ungewisser uns die stummen Bücher lehren.

Ein andrer voll von Mutt und kühner Helden Hitze

Beut seinem Feinde dar die kriegerische Spitze

Wo Trommel und Trompet im freyen Felde klingen

Wo ihren rauhen Paß die groben Stücke singen

Wo man ein festes Ort bestürmet und beschützet

Wo man das heiße Blutt aus hundert Wunden schwitzet

Da hat er einen Sitz und Wohnung auffgeschlagen

Bereit vor Ehr und Gutt das Leben hinzuwagen.

Ein andrer den sein Sinn zu Ruh und Friede träget

Denckt emsig nach wie er der stillen Wirthschafft pfleget

Wo er den Tünger soll dick oder dünne breiten

Wie er das fette Feld soll seicht und tieff bereiten

Ob er die reiffe Frucht läst hauen oder schneiden

Wo er die Schafe soll wo Pferd und Rindvieh weyden

Wo Erbsen Rüben Kraut und Hierse wohl gerathen

Wo Jagt und Fischerey am besten gehn von staten

Wie Schweine Federvieh und Bienen auffzubringen

Und was ein Land-Wirth mehr weiß von dergleichen Dingen.

Ein andrer nahet sich zu grosser Fürsten Throne

Wählt vor den Hutt von Stroh die Demant-reiche Krone

Will lieber Tag und Nacht in hohen Sorgen schwitzen

Als weit von Hof und Stadt in stiller Ruhe sitzen

Will lieber tieff gebückt an fremde Zepter rühren

Als seinen Hirtenstab in freyen Händen führen

Will lieber fremder Macht zum Dienste sich ergeben

Als sein selbst-eigen Herr und seines Willens leben

Sucht vor ein niedrigs Hauß die stoltzen Pracht-Gebäue

Giebt öffters hin um Ehr und Gütter Seel und Treue

Muß sich ie mehr er steigt ie mehr zum Falle wagen

Und als ein leichter Ball vom Glücke lassen schlagen.

Ein andrer machet sich zum Sclaven blinder Liebe

Folgt seiner Eigenschafft und Lüste kühnem Triebe

Bett seine Göttin an abgöttert ihren Augen

Vor denen Sonn und Mond und Sternen wenig taugen

Macht lauter Edelstein aus ihrem Mund und Wangen

Rühmt wie der Haare Gold sein Hertze nimmt gefangen

Wie sein verliebter Geist in hellen Flammen brennet

Und keine Kühlung sonst als ihre Küsse kennet

Bringt Täg und Nächte zu vor seiner Liebsten Pforte

Giebt seine Freyheit hin um ein paar süsser Worte.

Ein andrer schleust sich ein in seines Closters Wände

Ein Raum sechs Ellen breit ist ihm der Erden Ende

Sein Zeit-Vertreib ein Buch Gedancken sein Geselle

Sein Königreich die Kutt und sein Pallast die Zelle

Er will den geilen Leib durch Sparsamkeit casteyen

Verbannt sich von der Welt in öde Wüsteneyen

Verstellet kränckt und schwächt die sonst geschickten Glieder

Legt all Empfindligkeit vor seiner Schwelle nieder.

Ein andrer will der Welt und ihrer Lust genüssen

Läst seine Frühlings-Zeit in Fröligkeit verschüssen

Läst vor die späte Nacht läst vor den andern Morgen

Vor Hauß vor Weib und Kind die grauen Alten sorgen

Läst ihm ein frisches Glaß voll Wein und Bier gefallen

Ein thönendes Ronda in seinen Ohren schallen

Hat Hertze Wort und Glaß auff eine Zeit im Munde

Wendt auff dergleichen Lust bey Freunden manche Stunde.

So führt der Eine diß der Andre das im Schilde

Wir Brüder sind nach Holtz geschickt zu jedem Bilde.

Laß uns von allem was zu unserm Vortheil wehlen

So kan ja unser Schluß das Beste nicht verfehlen

Zwar unsre Jugend hat zum erstren sich geneiget

Gleich wie das Werck izt selbst des andern Probe zeiget;

Wer weiß wo noch Gradiv des dritten uns gewehret!

Das vierdte wird uns schon zu seiner Zeit bescheret

Das fünffte mag dem Glück anheim gestellet bleiben

Das sechste müssen wir ohn alle Mittel treiben.

Denn wo dergleichen nicht von Adam her geschehen

Wer wolt uns dieser Zeit in Straßburg sitzen sehen?

Was folget giebt sich selbst wenn wir zu Witwern werden

Und unser halbes Theil verscharren in die Erden

Wenn mit der Zeit die Kräfft in unsrer Brust verseigen

Und wir des Todes Bild in allen Gliedern zeigen.

Da lernen wir der Welt Ade und Urlaub geben

Und mitten in der Welt als Closter-Leute leben

Da müssen wir offt Speiß und Tranck gezwungen missen

In Bett und Schlaffgemach den siechen Cörper schlüssen.

Drum Bruder weil so viel die Jahre noch vergünnen

Laß deinen Nahmens-Tag nicht ohne Lust zerrinnen

Laß gutte Freund hiervon das beste Theil genüssen

So soll er dich noch offt in Freud und Lust begrüssen.

Und weil wir noch zur Zeit in Ungewißheit schweben

In welchem Stande wir ins künfftig werden leben

So wollen wir vor Lust in diesen Glücks-Topff langen

Vielleichte können wir was uns vergnügt empfangen.