Der Glücks-Topff
Written 1672-01-01 - 1672-01-01
Wenn wir der finstern Höl und Wohnung sind entgangen
Darinn uns die Natur neun Monat hält gefangen.
Von solcher düstern Nacht und tieffem Schlaff entrissen
Des hellen Tages Licht zum ersten mahl begrüssen
So pfleget uns alsbald der Himmel vorzuschreiben
Was der und jener Mensch vor Lebens-Art soll treiben.
Es hat die Ewigkeit den Sternen eingepräget
Was ein iedweder Sinn vor Neigung bey sich träget
Man siehet dannenher aus schwacher Reiser Blühen
Was ihr bejahrter Stamm vor Früchte wird erziehen.
Bey diesem sehn wir Lust zu Wissenschafft entspringen
Und unterschiedner Art verschiedne Früchte bringen
Der Eine folget nach dem Triebe seiner Sinnen
Sucht seinen Auffenthalt durch Künste zu gewinnen
Lehrt die verkehrte Welt nach Gottes Willen leben
Beym Richter einen Spruch vor seinen Theil erheben
Der eingefallnen Hand den schwachen Puls berühren
Durch zweiffelhafften Satz das Gegentheil verführen
Sich um ein jedes Wort in tausend andern zweyen
Durch süsser Reime Schall ein zartes Ohr erfreuen
Und durch was Mittel mehr die Sicherheit vom Sterben
Ein Weißheit-schwangres Hirn gedencket zu erwerben.
Ein andrer mag nicht stets in fauler Ruhe sitzen
Bey seiner Mutter Schos und hinterm Ofen schwitzen
Will lieber in die Welt durch Hagel Eyß und Eisen
Auch durch erzürnte See durch Wind und Wellen reisen
Und gegenwärtig selbst erfahren sehn und hören
Was ungewisser uns die stummen Bücher lehren.
Ein andrer voll von Mutt und kühner Helden Hitze
Beut seinem Feinde dar die kriegerische Spitze
Wo Trommel und Trompet im freyen Felde klingen
Wo ihren rauhen Paß die groben Stücke singen
Wo man ein festes Ort bestürmet und beschützet
Wo man das heiße Blutt aus hundert Wunden schwitzet
Da hat er einen Sitz und Wohnung auffgeschlagen
Bereit vor Ehr und Gutt das Leben hinzuwagen.
Ein andrer den sein Sinn zu Ruh und Friede träget
Denckt emsig nach wie er der stillen Wirthschafft pfleget
Wo er den Tünger soll dick oder dünne breiten
Wie er das fette Feld soll seicht und tieff bereiten
Ob er die reiffe Frucht läst hauen oder schneiden
Wo er die Schafe soll wo Pferd und Rindvieh weyden
Wo Erbsen Rüben Kraut und Hierse wohl gerathen
Wo Jagt und Fischerey am besten gehn von staten
Wie Schweine Federvieh und Bienen auffzubringen
Und was ein Land-Wirth mehr weiß von dergleichen Dingen.
Ein andrer nahet sich zu grosser Fürsten Throne
Wählt vor den Hutt von Stroh die Demant-reiche Krone
Will lieber Tag und Nacht in hohen Sorgen schwitzen
Als weit von Hof und Stadt in stiller Ruhe sitzen
Will lieber tieff gebückt an fremde Zepter rühren
Als seinen Hirtenstab in freyen Händen führen
Will lieber fremder Macht zum Dienste sich ergeben
Als sein selbst-eigen Herr und seines Willens leben
Sucht vor ein niedrigs Hauß die stoltzen Pracht-Gebäue
Giebt öffters hin um Ehr und Gütter Seel und Treue
Muß sich ie mehr er steigt ie mehr zum Falle wagen
Und als ein leichter Ball vom Glücke lassen schlagen.
Ein andrer machet sich zum Sclaven blinder Liebe
Folgt seiner Eigenschafft und Lüste kühnem Triebe
Bett seine Göttin an abgöttert ihren Augen
Vor denen Sonn und Mond und Sternen wenig taugen
Macht lauter Edelstein aus ihrem Mund und Wangen
Rühmt wie der Haare Gold sein Hertze nimmt gefangen
Wie sein verliebter Geist in hellen Flammen brennet
Und keine Kühlung sonst als ihre Küsse kennet
Bringt Täg und Nächte zu vor seiner Liebsten Pforte
Giebt seine Freyheit hin um ein paar süsser Worte.
Ein andrer schleust sich ein in seines Closters Wände
Ein Raum sechs Ellen breit ist ihm der Erden Ende
Sein Zeit-Vertreib ein Buch Gedancken sein Geselle
Sein Königreich die Kutt und sein Pallast die Zelle
Er will den geilen Leib durch Sparsamkeit casteyen
Verbannt sich von der Welt in öde Wüsteneyen
Verstellet kränckt und schwächt die sonst geschickten Glieder
Legt all Empfindligkeit vor seiner Schwelle nieder.
Ein andrer will der Welt und ihrer Lust genüssen
Läst seine Frühlings-Zeit in Fröligkeit verschüssen
Läst vor die späte Nacht läst vor den andern Morgen
Vor Hauß vor Weib und Kind die grauen Alten sorgen
Läst ihm ein frisches Glaß voll Wein und Bier gefallen
Ein thönendes Ronda in seinen Ohren schallen
Hat Hertze Wort und Glaß auff eine Zeit im Munde
Wendt auff dergleichen Lust bey Freunden manche Stunde.
So führt der Eine diß der Andre das im Schilde
Wir Brüder sind nach Holtz geschickt zu jedem Bilde.
Laß uns von allem was zu unserm Vortheil wehlen
So kan ja unser Schluß das Beste nicht verfehlen
Zwar unsre Jugend hat zum erstren sich geneiget
Gleich wie das Werck izt selbst des andern Probe zeiget;
Wer weiß wo noch Gradiv des dritten uns gewehret!
Das vierdte wird uns schon zu seiner Zeit bescheret
Das fünffte mag dem Glück anheim gestellet bleiben
Das sechste müssen wir ohn alle Mittel treiben.
Denn wo dergleichen nicht von Adam her geschehen
Wer wolt uns dieser Zeit in Straßburg sitzen sehen?
Was folget giebt sich selbst wenn wir zu Witwern werden
Und unser halbes Theil verscharren in die Erden
Wenn mit der Zeit die Kräfft in unsrer Brust verseigen
Und wir des Todes Bild in allen Gliedern zeigen.
Da lernen wir der Welt Ade und Urlaub geben
Und mitten in der Welt als Closter-Leute leben
Da müssen wir offt Speiß und Tranck gezwungen missen
In Bett und Schlaffgemach den siechen Cörper schlüssen.
Drum Bruder weil so viel die Jahre noch vergünnen
Laß deinen Nahmens-Tag nicht ohne Lust zerrinnen
Laß gutte Freund hiervon das beste Theil genüssen
So soll er dich noch offt in Freud und Lust begrüssen.
Und weil wir noch zur Zeit in Ungewißheit schweben
In welchem Stande wir ins künfftig werden leben
So wollen wir vor Lust in diesen Glücks-Topff langen
Vielleichte können wir was uns vergnügt empfangen.