Der goldene Hahn

By Hermann Löns

Written 1890-01-01 - 1890-01-01

Ich hatte einen schönen Traum

Von einem grünen Buchenbaum;

Der Traum, der war so lang und breit,

Wie eine kleine Ewigkeit.

Ich ging allein im grünen Wald,

Viel Brommelbeeren fand ich bald;

Ich hab' mich auf und ab gebückt,

Die Brommelbeeren abgepflückt.

Mein Herz auf einmal stille stand,

Das Körblein fiel mir aus der Hand;

Ich hörte singen den gold'nen Hahn,

Der kündet junges Sterben an.

Was fang' ich an in meiner Not?

Ich höre meinen eig'nen Tod;

Wer den gold'nen Hahn hört ganz allein,

Sein Grab wird bald gegraben sein.

Du junges, junges Jägerblut,

Nimm mich in deine treue Hut;

Die Brommelbeeren im Körbelein,

Die soll'n dir nicht verwehret sein.

Die Brommelbeeren will ich nicht,

Du allerliebstes Angesicht;

Will küssen deinen roten Mund

Im grünen Wald eine Viertelstund'.

Eine Viertelstund' ist nicht lang noch breit,

Es ist ja keine Ewigkeit;

Küß ihn ein Stündlein oder zwei,

Und wenn du willst, noch lieber drei.

Da stand ein grüner Buchenbaum,

Da hatt' ich einen schönen Traum;

Drei Stündlein lang, drei Stündlein breit,

Und durch und durch voll Süßigkeit.

Im grünen Wald der goldne Hahn,

Der singt und singt, soviel er kann;

Sing' du nur hin, sing' du nur her,

Ich fürchte mich kein bißchen mehr.