Der Herbst in Ritzebüttel.

By Barthold Heinrich Brockes

Gott Lob! ich seh, mit vielen Freuden, aufs neu, im

Herbst, mein fruchtbar Feld

Begraben, wohl bedüngt, gepflügt, besät, beeget und bestellt.

Man sieht, wenn man bedachtsam sieht, anitzt, so weit das

Auge träget,

Ein angenehmes Dunkelbraun von Aeckern, welche theils

geeget,

Theils aufgebrochen, theils gepflügt, das uns, wenn wir es

recht betrachten,

Und auf die gleich-geformte Fläch’, und gleich-gemischte

Farben achten,

Uns eine sanft’ und fremde Lust in der gerührten Brust

erregt.

Der Himmel, den man, meist bedeckt, in einer klaren Dämm-

rung sieht,

Erreget, nebst dem dunklen Vorwurf der Erden, itzo dem

Gemüht

Ein’ Art von angenehmer Schwehrmuht, zufriedner Unzu-

friedenheit,

Ein melancholisches Vergnügen, und eine süsse Trau-

rigkeit.

Mich deucht, daß wenn ich itzt bedachtsam, bey stiller Luft,

spatzieren gehe,

Und rings umher, in solcher Ordnung, von der bestellten

Felder Flur

Die dunkel-braune Weite schau, ich von der emsigen Natur

Ein ernsthaft majestätisch Wesen, mit einer Art von Ehr-

furcht, sehe.

Es ist auf solcher flachen Ebne nun alles leer und nichts

zu sehn;

Doch scheinet mir die flache Weite, recht wie ein neuer

Schauplatz, schön.

Man sieht agirende Personen zwar itzt nicht auf demselben

stehn;

Doch zeigt die allgemeine Stille, auf der sonst nimmer stillen

Erde,

Dem, der auf ihren Zustand achtet, und ihr Betragen kennt,

es werde,

Zu neuen Handlungen, von ihr itzt hintern Scenen was

geschehn.

Ja wohl geschicht was sonderlichs, es wirket die Natur

von innen,

(obgleich das, so sie itzt verrichtet und treibt, kein Vorwurf

unsrer Sinnen)

Mit vielem Fleiß, und in der Stille, das allernützlichste

Geschäfte.

Sie lässet itzt den Saamen keimen, hierzu gebraucht sie

ihre Kräfte,

Und wendet sie, ohn’ unser Zuthun, so ernstlich und so emsig

an,

Daß man in kurzer Zeit bereits der Arbeit Früchte spühren

kann.

Aus den geraden Furchen dringet die grüne Saat gemach

hervor,

Die Spitzen, grüner als Smaragd, steh’n hie und dort bereits

empor,

So die Natur, daß sie der Frost nicht stickt, in Silber-weissen

Decken,

Als wie in einem weissen Pelz, bemühet scheinet zu ver-

stecken.

Um ihnen diese Decken nun, wenns Noht, zu rechter Zeit zu

geben;

Scheint sie bereits darauf bedacht, sie in der Luft aus Schnee

zu weben.

Indessen laßt, zu dieser Zeit, da noch der rauhe Frost

nicht da,

Und das erwärmde Sonnen-Licht annoch mit seinen Strah-

len nah,

Uns an dem dunkel-braunen Sammt der milden Mutter

uns ergetzen,

Auch an den uns, in grünen Spitzen, bereits gezeigten künft-

gen Schätzen,

Die itzo, so zum Schmuck als Nutz, des Thaues bunte Trop-

fen netzen,

Und schimmernd unsern Blick vergnügen, mit unsern GOtt

geweihten Freuden,

Durch gegenwärt- und künftigs Gut gerühret, Herz und

Augen weiden.

Ach, laßt uns unsers Schöpfers Wunder in der Natur

verehren lernen!

Laßt uns von Undank und Gewohnheit bestreben uns doch

zu entfernen,

Die leider itzt so allgemein! Denn da dieß alle Jahr

geschicht,

So achtet man es leider nicht.

Es bringt dieß Segen-reiche Wunder Dem grossen Schöpfer

minder Ehre,

Nach unserm ganz verkehrten Brauch, als wenn es etwas

seltnes wäre,

Indem was neu ist uns nur rührt, da doch, wenn man

vernünftig dächte,

Es uns, mit allergrößtem Rechte,

Dem Schöpfer der Natur zum Ruhm, uns einen Eindruck

in die Seelen

Um desto mehr noch wirken sollte, bewundernd öfters anzu-

seh'n,

Wie seine wunderbare Werke in ungestörter Ordnung

geh'n,

Und in so viele tausend Jahren auch nicht einst um ein Haar

breit fehlen.