Der Jüngling
Meine Jugend flieht. Wie soll ich, schwüler
Gedanke,
Wie ertragen die zuckenden Blitze, die grollenden
Donner
Deines Gewitters? — Sie flieht mit ihren strahlen-
den Rosen,
Ihren duftenden Blüthen, und ihren knospenden
Kräften,
Ihren Freuden und Schmerzen, und heissausbrechen-
den Thränen,
Ihrem heroischen Muth und ihrer ergreifenden
Liebe.
Ewig flieht sie. Sie kehret nicht wieder, die Frische
des Lebens,
Meiner Tage begeisternde Glorie — Ewig ent-
flieht sie,
Und mich erschüttert nicht mehr der Tumult der
kämpfenden Kräfte,
Noch des Ahnens seliger Schauer — Ich stürze so
trunken
Der Natur nicht mehr um den Hals mit köstlichen
Zähren,
Liebe schon kühler, und dichte schon kälter — Und
kannst du nicht weilen,
Süsse Geliebte? — Und kannst nicht verschieben die
Wehen des Abschieds
Wenige Monden lang? — Ich liebe dich innig. Ich
ringe,
Dich zu halten. Ich fasse den Saum des entschlüp-
fenden Kleides!
Warum quälst du mich so, mein Liebling, und
warum zerreisst mir
Deiner Verzweifelung Schrey die Seel'? Ich liebe
dich zärtlich.
Wie die Vermählte den Tag nach der heissen berau-
schenden Brautnacht
Ihren nun ganz Umfangenen leibt, so lieb' ich dich,
Trauter.
Denn du hast mir, berauscht von Genüssen am Busen gelegen
Monden und Jahre lang. Nun ruft das herrische
Schicksal.
Ach, was haschest, was fassest du flehend den
fliegenden Zipfel
Meines Gewandes? Mich ruft das unwiderrufliche
Schicksal.
Wehe! schon fühl' ich die mächtigen Arme mich
rings umschlingend.
Wehe! Weh! es reisst mich hinweg. Fahr wohl,
mein Geliebter!
Warum raufst du dein Haar, und ringest die
Hände, Verzagter?
Kannst du tilgen die Schrift, geschrieben mit gol-
denem Griffel
In die demantene Schicksalstafel? Kannst du
Orion
Hemmen, dass er nicht wasche die Locken im Bade
des Meeres?
Kannst du dem Gestern gebieten: Sey heute? —
Jüngling, sey weise!
Sie ist auf ewig dahin mit ihren täuschenden Zau-
bern,
Lass sie fliehn! Du warst ein Jüngling — Und
ward auch ein Jüngling
Je berühmt durch That und Wort und Dichtung
und Denkkraft?
Marathonschlachten, und Deciustode, Cheruskische
Siege,
Haben Jünglinge die erstritten? Troja und Ta-
bor
Haben Jünglinge die verewigt? Hat auch ein Jüng-
ling
Theodiceen gedacht und Messiaden gedichtet?
Männer haben's gethan, von meiner Umarmung ge-
kräftigt!
Wende dich zu mir; ich wärme mit nie verlodern-
der Flammine.
Wende dich zu mir; ich lohne mit nie versiegenden.
Wonnen.
Zwecklos Strudeln der Kräfte bedaurst du? Ich
ordne die Kräfte.
Rausch bedaur'st du? Ich tränke mit reinen stillen
Genüssen.
Siehe, du warst ein flammender Jüngling; hinfort
sey ein kühler
Thatenrüstiger Mann!